„So“? feixte der Frauenberger. „Na, dann nicht, Bub,“ sagte er. Er quäkte es gemütlich wie stets; aber etwas in seiner Stimme zwang Meinhard aufzublicken. Der Albino blinzelte durchaus nicht mehr, er schaute hart, aufmerksam, erst nach den Knechten, die weit voran waren, dann auf ihn. Meinhards blanke, runde Augen wurden ganz starr vor Grausen, seine Kehle gab nicht mehr her als einen kleinen, heiseren Laut. Er krampfte seine kurzen, dicken Kinderhände in das Holzgezweig der Alpenrose, bohrte seine Füße in den Boden. Der Frauenberger, ruhig grinsend, sagte: „Na komm, junger Herzog!“, löste langsam mit seinen roten, fleischigen Händen die steifen, klammernden Finger des Jungen von dem Felsen, hob ihn hoch, hielt ihn über den Abgrund, quäkte: „Adieu, Bub!“, ließ ihn fallen. Der Körper schlug mehrmals auf, fiel nicht tief, blieb liegen.
Der Frauenberger rief mit einem harten, gellen Pfiff die Knechte zurück, deutete wortlos hinunter. Sie stiegen hinab, die Leiche war arg zerschrundet, der dicke, sanfte Schädel klaffte an zwei Stellen. Sie warteten auf die Verfolger. Es waren zwei Offiziere mit mehreren Knechten. Der Frauenberger sagte, er habe mit dem jungen Herzog Murmeltiere fangen wollen, da sei der Herzog gestürzt. Fleischig stand er in seinem nassen, stark riechenden Lederkoller, blinzelte mit den rötlichen Augen. Flockiges Gemengsel von Schnee und Regen rieselte auf die Leiche. Ein leichter, kalter Wind hatte sich aufgemacht. Alle hatten Helme und Kappen abgenommen, standen stumm im Schnee um den zerschrundeten Toten.
Durch die Säle und Gänge von Schloß Tirol torkelte ein Weib, lallte, heulte, fiel hin, stand wieder auf, torkelte weiter. Der übergroße, unförmige Unterkiefer fiel herunter, das Haar zottelte, teils in stumpfem, widerwärtigem Kupfer, teils gelblichweiß entfärbt. Ein Laken, eine Art Nachtgewand, flatterte um den untersetzten, aufgequollenen Leib, um die schlaffen, großen Brüste, schleifte am Boden nach. Die Dienerschaft hielt die Heulende, Torkelnde, Lallende für eine Betrunkene, erkannte erst allmählich die Herzogin.
Der Kurier mit der Todesnachricht war in aller Frühe gekommen, Margarete hatte die Meldung im Bett erhalten. Sie war aufgestanden, nicht übermäßig rasch, aufheulend, an den ratlosen, scheuen Zofen, Kämmerlingen vorbei, stier, blind, das Laken hinterherschleifend.
Schenna führte sie zurück. Nun hockte sie in ihrem Schlafzimmer, stierte vor sich hin, dachte Fetzen von Gedanken.
Gesäumt mit Toten ihre Straße. Der Kopf des Chretien de Laferte, das Pulver geruchlos, geschmacklos, daran der Markgraf gestorben war, ihre Mädchen, mit den großen, schwarzen, aufgebrochenen Pestbeulen, der Jude Mendel Hirsch, im Gebetmantel, lächelnd, der Knabe Aldrigeto, Meinhard. Es war, weil sie so häßlich war, darum ging der Tod hinter ihr her, darum stierten sie aus allen Winkeln leere, beinerne Schädel an.
Sie hockte und regte sich nicht. Mittag kam, Abend kam. Ihr dürres Fräulein von Rottenburg fragte, ob sie nicht essen, sich nicht ankleiden wolle. Sie regte sich nicht. Ihr Weg gesäumt mit Toten. Es war, weil sie so häßlich war.
Unterdes geleitete der Frauenberger die Leiche Meinhards über Mittenwald nach Tirol. Er feixte: er bekam es allmählich in den Griff, seinen toten Souverän zu geleiten.
Das Land in den Bergen empfing betreten seinen Fürsten. Es hatte ihn in feierlicher Tagung gebeten, zu kommen. Nun kam er, so. Sie standen an den Straßen, als der Zug vorbeischwankte, in Regen und Schnee. Glocken läuteten, die Geistlichen im Ornat, die Feudalherren, Richter, Pfleger barhaupt. An ihnen vorbei der Sarg, den Zirler Berg hinauf, hinunter, Innsbruck, den Brenner hinauf, hinunter, den Jaufen, Passeier. Das Volk, während es, sich bekreuzigend, dem Zuge nachsah, hatte langsame, schwere, unbehagliche Gedanken. Dies war der letzte Graf von Tirol. Es war nicht gut gegangen mit der Maultasch. Ihr erster Mann verjagt, der zweite so seltsam gestorben, ihr Sohn tot, ehe er sein Land gesehen. Dazu Krieg, Revolution, Wasser, Feuer, Pestilenz. Nein, Tirol hatte keine gute Zeit gehabt unter der Maultasch.