Vereinsamt indes in der Kapelle von Schloß Tirol lag der tote Meinhard, letzter Graf von Tirol. Nur die Hofbeamten und Offiziere waren geblieben, die unter allen Umständen bleiben mußten.
Wortkarg, eisig verschlossen ging Margarete durch ihre tuschelnde Umgebung, übersah die Lücken unter den Gästen, traf, umkrustet, die letzten Anordnungen der Trauerfeier. War Herr von Schenna nicht da? Nein, bis jetzt war er nicht gekommen. Am Nachmittag: immer noch nicht? Nein, Herr von Schenna war nicht da. Sie schickte einen Kurier nach Burg Schenna. Herr von Schenna war verreist. Nach Taufers.
Auch Schenna.
Der starke Verwesungsgeruch, der von der Leiche Meinhards ausging, drang durch alle Essenzen und Gewürze. Er benahm den Leuten in der Kapelle den Atem, die wachehaltenden Offiziere mußten von Stunde zu Stunde gewechselt werden.
Um die dritte Stunde nach Mitternacht ging Margarete in die Kapelle. Stumm hockte sie neben ihrem verwesenden Sohn, der Geruch der Verwesung scheuchte sie nicht fort. Die Wachen wurden gewechselt, das zweitemal, das drittemal, sie hockte neben dem Toten, rührte sich nicht.
Auch Schenna.
Sie rief die Feindin herbei, die Tote, sie rief herrisch. Jene kam. Sie rechtete mit ihr. Jene lächelte, sprach nicht. Sie hielt ihr vor, was alles sie verbrochen hatte, sinnlos, eitel, frech spielerisch in ihrer glatten, nichtigen, schamlos genießerischen Schönheit. Hier in der Kapelle, wo die toten Grafen von Tirol lagen, die das starke, reiche, berühmte Land in den Bergen gefügt hatten und zusammengeknetet, hielt sie der toten Feindin vor, was sie zerstört hatte, verdorben, verhunzt. Jene glitt auf und ab, leicht, unerreichbar, die Verwesung zerteilte sich rings um sie, sie lächelte, glitt, sprach nicht.
Auch Schenna.
Jene hatte gesiegt. Margarete hatte recht, und jene hatte gesiegt. Margarete hatte vernichtet, und jene hatte gesiegt. War vernichtet, war tot und hatte gesiegt. Alle kamen zu ihr. Auch Schenna.
Dann, andern Tages, wölkte der Weihrauch, sangen die Trauerchöre, sank der Sarg, schlossen die Steinplatten, schwer niedergleitend, die Gruft. Aber die Feier blieb ohne inneren Hall. Die Chöre blühten nicht in die Herzen, die feierlichen Gesten blieben kahl, die spärlichen Teilnehmer standen steif, unbehaglich, fröstelnd.