In der Zeltstadt um Taufers hatte ein großes Trauergelage angehoben. An riesigen, offenen Feuern wärmte man sich, briet und sott man. Die scharfen Grenzen der Stände verwischten sich. Wildbret und Fisch, dem Bauern sonst durch strenges Gesetz versagt, genoß er statt Rüben und Sauerkraut. Der Stadtbürger steuerte Wurst bei und Schweinebraten. In der fröhlichen Kälte hob ein großes, gerührtes, trauerndes, maßloses Fressen und Saufen an. In seliger Trunkenheit gedachte man in überschwenglichen Reden der engelhaften Schönheit, Milde, Güte der toten Gräfin von Flavon; wilde Flüche gellten gegen die Maultasche, die Teufelsbuhle und Mordbübin. Noch die tote Agnes blieb dem Volk verklärt von einer festlichen Wolke nie mehr zu erreichenden, duftenden, gebratenen Fleisches und flutenden Weines.
Einsam in Schloß Tirol hielt Margarete das prunkende Totenmahl. Steif saß sie, geschminkt, allein, unter Fahnen, Feldzeichen, Standarten, an der von Schaugerichten, Gold und Steinen strotzenden Tafel. Der Frauenberger, leicht grinsend, Gufidaun, der Deutschordenskomtur nahmen den Kämmerlingen, Vorschneidern die Speisen ab, trugen sie zeremoniös zu Tische. Margarete saß steif, starr. Die Speisen kamen, in ungeheurer Fülle, wurden unberührt wieder weggetragen. So hielt sie Totenmahl, drei Stunden lang.
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Der Sekretär des Frauenbergers, der stille, demütige Kleriker, bekam zu tun. Die Minister nützten mit nackter Schamlosigkeit den Vertrag aus, den sie der Herzogin abgepreßt hatten, teilten das Land unter sich auf. Es flogen die Schenkungsurkunden, Gaben, Gnaden, Privilegien, Verschreibungen. Das Regiment der bayrischen Artusritter war bescheiden gewesen, verglich man es mit der großzügigen Plünderung Tirols durch dieses Kabinett der Maultasch.
Der Frauenberger steckte grinsend, breit, selbstverständlich die Hinterlassenschaft der Agnes ein, dazu Burg und Pflege Pergine und Schloß Penede östlich von Riva, Heinrich von Kaltern-Rottenburg die Feste Cagno auf dem Nonsberg, dazu das Dorf gleichen Namens, Hans von Freundsberg Festung und Pflege Straßberg bei Sterzing. Ganz aus dem Vollen scheffelten die Herren von Matsch. Sie ließen sich Nauders zusprechen, Stadt und Gericht Glurns, die Probstei Eyers, Schloß Jufal am Eingang ins Schnalser Tal.
Berchtold von Gufidaun und der Deutschordenskomtur Egon von Tübingen schauten mißbilligend zu, hielten sich, belächelt von den andern um ihre Naivität, die Hände rein.
Schenna schüttelte betrübt den Kopf über die Habgier der Kollegen. Sagte sich schließlich: Besser ich als ein anderer. Eignete sich traurig und sachkundig Pflege und Gericht Sarnthein an, steckte auch Burg und Pflege Reineck ein, dazu Festung und Gericht Eppan, schließlich, ganz trübsinnig über soviel Schwäche und Hemmungslosigkeit, Lugano oberhalb Cavalese.
Margarete, starr und schweigsam, unterschrieb, was man ihr vorlegte. Im Verlauf von dreizehn Tagen hatte sie das halbe Land verpfändet und verschenkt.
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Über den Krimler Tauern durch den wilden Januar arbeiteten sich fünf Männer. Sie sanken in Schneemulden, kämpften sich heraus, zerschrundeten sich Hände und Gesicht an Eis und Stein. Aus Schluchten, trügerischen Schneehalden, hundertfältig, lautlos, wehte einen Tod an. Zwei Bären folgten ihnen von Ferne, flohen, schnupperten sich wieder heran. Drei Tage so arbeiteten die Männer sich vor, bis sie bei dem Dorfe Prettau wieder eine menschliche Siedlung erreichten.