Es waren Rudolf, Herzog von Österreich, Herr von Rappach, sein Hofmeister, Herr von Laßberg, sein Kämmerer, und zwei Knechte.

Der Habsburger hatte in der Steiermark, in Judenburg, durch Eilkurier eine Depesche seines Kanzlers erhalten, der sich in den schwäbischen Vorlanden an der tirolischen Grenze aufhielt. Bischof Johann von Gurk meldete ihm die tirolischen Wirren, die im Anschluß an Meinhards Tod entstanden waren, und forderte ihn ebenso dringlich wie untertänig auf, so schnell wie möglich in das Land in den Bergen zu kommen.

Rudolf überlegte kurz: Die Wittelsbacher rauften jetzt wohl unter sich um Meinhards bayrisches Erbe, hatten keine Zeit für Tirol. Ja, der Kanzler hatte recht, es war das wichtigste, daß er jetzt auf kürzestem Weg, überraschend, Bayern meidend, bei Margarete erschien. Zurück nach Wien? Militär? Nein, geradeswegs von Judenburg nach Radstadt ritt er, in den Pinzgau, hörte nicht auf die Beschwörungen, jetzt im Winter von der Überquerung der Tauern abzustehen, drang zäh, ums Leben kämpfend, über den Paß, gelangte nach Prettau, nach Ahrental. Geriet in Taufers unerkannt in den Strom der abziehenden Trauergäste. Hörte von dem neuen Ministerium, seinen unerhörten Vollmachten, seinen Plünderungen. Kam nach Bruneck. War am zwanzigsten Januar, am vierzehnten Tag der Alleinherrschaft der Margarete, in Bozen.

Da stand er nun. Das Land, sein Land, für dessen Besitz er und sein Vater durch Jahrzehnte gewirkt hatten, war in der Hand der gewalttätigen Barone, wurde jämmerlicher zerstückt von Tag zu Tag. Er war ganz allein; sein Heer bestand aus zwei Offizieren und zwei Mann. Wohl hatte er in Österreich Order hinterlassen, Truppen an der tirolischen Grenze zusammenzuziehen. Aber bis solche Maßnahmen wirksam wurden, konnte das Land in den Bergen aufgeteilt sein. Er erkannte sehr gut, wie voll Gefahr seine Situation war. Es war möglich, daß die entzügelten, verwilderten Barone vor seiner geheiligten Person nicht zurückscheuten, sich, wenn auch solches Vorgehen nur sehr kurzfristigen Erfolg haben konnte, seiner bemächtigten, ihm Bestätigungen, Zugeständnisse abzupressen. Aber wie immer, er konnte nicht warten. Er war randvoll vom Willen zu seiner Sendung, vom Glauben an sich selbst. Alles hing ab von seinem persönlichen Auftreten.

Der Frauenberger ließ sich melden. Kam als Vertreter des Ministeriums. Stand vor dem Herzog, lauersam, abwartend. Der war sehr kühl, verschlossen. Der Frauenberger tastete sich vor. Blinzelte Rudolf vertraulich an, sagte jovial: Das Kabinett sei allenfalls bereit, jenes Testament Margaretes zu Habsburgs Gunsten anzuerkennen, vorausgesetzt, daß Rudolf den Ministern garantiere, daß ihre Privilegien und Verfügungen für mindestens zwölf Jahre in Geltung blieben.

Rudolf schaute den breiten, massigen Menschen an, der feist und widerwärtig vor ihm stand. Der blinzelte ihm spitzbübisch zu, einverständnisvoll wie bei einem guten, unsaubern Handel ein Schelm und Krämer dem andern. Hochmütig sagte der Habsburger: Das seien merkwürdige Sitten, die in Tirol eingerissen seien, und sonderbare Begriffe. In Habsburgischen Landen wage keiner, dem sein Hals lieb sei, solche Vorschläge an seinen Fürsten. Soviel ihm bekannt, sei ein deutscher Fürst Gott verantwortlich und allenfalls dem Kaiser, und ein Habsburger nach den Hausprivilegien nicht einmal dem. Der Frauenberger schaute gleichmütig, wartete, ob nach dieser allgemeinen, theoretischen Einleitung ein Besonderes, Praktisches komme. Der Herzog schloß kalt, er sei bereit, zu prüfen, wie weit die Privilegien der Barone zu Recht bestünden. Der Albino tat sein Froschmaul auf, quäkte frech, behaglich, vergnügt: Auf solcher Basis werde man sich wohl einigen. Er rechne damit, die Prüfung des Herzogs werde weitherzig ausfallen. Sei man doch auch in Tirol immer weitherzig genug gewesen, niemals die so spät und unter so merkwürdigen Umständen aufgefundenen habsburgischen Hausprivilegien anzuzweifeln.

Da geschah etwas Seltsames. Langsam, ruhig hob der junge Herzog die schmale, feste, knochige Hand. Mit dem bräunlichen Handrücken schlug er in das fette, nackte, rosige Gesicht des andern, zweimal, rechts, links.

Der Frauenberger hielt ganz still. Sein geschlagenes Gesicht schien durchaus nicht weiter gekränkt, nur maßlos verblüfft. Die rötlichen, lidlosen Augen starrten auf den Fürsten, sahen die niedere, eckige, entschlossene Stirn, die Hakennase, die hängende Unterlippe über dem starken Kinn. Der Albino blinzelte, blinzelte stärker, wiegte den Kopf, hob wie entschuldigend die Achseln, verneigte sich, ging.

Rudolf, allein, atmete, breitete die Arme, lächelte, lachte.

Der Frauenberger sagte sich: „Man könnte ihn beiseite schaffen. Aber es wird nicht so glatt gehen wie bei den andern. Auch hat er sich gewiß vorgesehen, und es stehen viele hinter ihm. Es ist klüger, sich nicht mit ihm einzulassen. Es ist schade um die schöne Regiererei. Aber ein Kerl mit solchem Nacken und solchem Kinn. Na, ich hab’ auch so genug beisammen. Wer hätte mir eine solche Karriere zugetraut? Man muß schauen, soviel wie möglich zusammenzuhalten. Wozu die ewige Habgier? Ich bin kein Esel. Ich bescheide mich, wenn das Risiko zu groß wird. Immerhin, schade. Aber bei solcher Hakennase.“