Er pfiff sein Lied, streckte sich, gähnte geräuschvoll, knackte mit den Gelenken, schlief.

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Jung, fest, gerafft, doch nicht unehrerbietig, trat Rudolf vor die Herzogin. Er begrüßte die Starre, Verschlossene, drückte ihr auch mündlich sein Beileid aus. Ging dann sogleich mit höflichen, bestimmten Worten auf sein Ziel los. Sie sei bekannt an allen Höfen als Fürstin von Klugheit und Kraft. Um so erstaunlicher, daß jetzt die kurzen Tage ihrer Alleinherrschaft dem Lande so schlecht bekommen seien. Es sei wohl so, daß der Schmerz über den Verlust ihres Sohnes so rasch nach dem Verlust ihres Gemahls sie verwirrt habe und unfähig mache, ihre großen Gaben zu nutzen. Nun brauche aber das Land in den Bergen jetzt mehr als je eine feste Hand. An den Grenzen drohe Bayern, auch die lombardischen Herren würden bei einem wittelsbachischen Angriff nicht still bleiben, im Innern regiere die nackte Habsucht der Barone. Er gebe zu erwägen, ob Margarete das Vertrauen, das sie ihrem Testament zufolge dem Haus Österreich schenke, nicht jetzt schon erweisen, ihm die Verwesung des Landes abtreten wolle.

Reglos saß die alte, plumpe Frau vor dem jungen Fürsten. Der breite, wüste Mund zuckte nicht, die massigen, geschmückten Hände lagen tot auf dem schweren, schwarzen Damast des Kleides.

Die harten, klaren, grauen Augen richtete Rudolf auf sie, wartete, setzte wieder an: Er wolle sie nicht mit vagen Versprechungen locken. Das Regiment der Habsburger habe sich bis jetzt gerecht, stark, kräftig gezeigt. Tirol werde keinen Vorzug haben vor den andern habsburgischen Besitzungen. Aber dafür stehe er ihr ein, der Fürst der Fürstin, es werde regiert sein wie diese: stark, gerecht, tüchtig. Was sie persönlich angehe, so werde für ihre Bedürfnisse bestimmt reicher und herrenhafter gesorgt werden als unter der Verwaltung der Barone.

Margarete schwieg noch immer, schaute mit leeren, gehetzten Augen vor sich hin. Rudolf schloß: Er dringe nicht in sie. Sie habe das mit ihrem Gott und sich selbst abzumachen. Er ersuche, Vertrauen zu ihm zu haben und seine Worte ohne Voreingenommenheit zu überlegen.

Margarete sagte mit rostiger Stimme: „Es bedarf weiter keiner Überlegung. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich erkenne durchaus, wie folgerichtig Ihre Gedanken sind.“

Sie stand auf, drehte mit ruhiger, seltsam lebloser Bewegung die geschminkten Hände nach außen, ließ sie sinken. Ließ gleiten, ließ fallen. Da fiel es von ihr, Tirol, die Städte, ihr Werk, das Werk ihrer Väter, Alberts, Meinhards, des Starken, Gewalttätigen, Heinrichs, das Ihre. Nun war sie ganz arm und kahl.

Rudolf war durchaus nicht geneigt zu sentimentalen oder gar pathetischen Gesten; aber es rührte ihn tief und sonderbar an, wie die Häßliche vor ihm stand, entblößt, demütig, müde von Hoheit und Schicksal. Er ging auf ein Knie nieder, sagte, er betrachte das Land als Lehen aus ihren Händen; er werde sich bewußt bleiben, nichts zu sein als ihr Gouverneur.

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