Nach allen Richtungen liefen die Kuriere mit Briefen und Dekreten der Herzogin. Margarete erklärte darin, infolge besonderer Umstände und der Schwäche des weiblichen Geschlechts sei sie nicht in der Lage, ihr Land so zu verwesen, wie es sein Vorteil erfordere, und alle und sich selbst nach Gebühr zu schützen. Nach dem Rat ihrer Minister und der Repräsentanten des Volkes überantworte sie daher ihre würdigen und edeln Grafschaften zu Tirol und zu Görz, die Lande und Gegenden an der Etsch und das Inntal mit der Burg zu Tirol und mit allen andern Burgen, Klausen, Städten, Tälern, Gebirgen, Märkten, Dörfern, Weilern, Lehen, Höfen, Vogteien, Gerichten, Münzen, Mauten, Zehenten, Zöllen, Zinsen, Steuern, Gefällen, Gehölzen, Gefilden, Wäldern, Huben, Weingärten, Äckern, Seen, fließenden Wassern, Fischteichen, Wildbahnen, kurz ihr ganzes väterliches Erbe ihren lieben Vettern und nächsten Anverwandten, den Herzogen von Österreich. Und sie gebiete ernstlich und festlich, daß alle ihre Prälaten, Äbte und alle Pfaffheit, dazu die Burggrafen, Pfleger, Vögte und alle Behörden in Tirol und allerwärts in ihren Ländern, dazu die ganze Bevölkerung huldige und schwöre für jetzt und alle Zukunft den Herzogen von Österreich als ihren rechten Fürsten und Herren.

Vornächst leisteten alle widerstandslos den verlangten Eid der Treue und des Gehorsams. Am dritten Februar huldigte Bozen, am fünften Meran, am neunten Sterzing, am zehnten Innsbruck. Allein von den Feudalherren hatten sich nicht alle so klug beschieden wie der Frauenberger. Sie versuchten wenig aussichtsreichen Widerstand, zettelten mit den Wittelsbachern, mühten sich, den Norden gegen Habsburg zu revolutionieren. Als Rudolf in Hall erschien, die Huldigung der Stadt entgegenzunehmen, kam es zu offenem Aufruhr, der Herzog selbst geriet in Lebensgefahr. Aber die Bürger von Hall hielten den Söldlingen der Barone Widerpart, die Stadt Innsbruck schickte dem Habsburger Hilfe, es erwies sich, daß die Städte entschlossen waren, ihn unter allen Umständen gegen die Willkürherrschaft der einheimischen, von bayrischen Agenten unterstützten Aristokraten durchzusetzen. Mit Stolz konnte wenige Tage später der Österreicher dem befreundeten Dogen von Venedig, Lorenzo Celsi, berichten: „Auf friedlichem Weg, ohne viel Widerstand, sind Wir in den Besitz des Landes in den Bergen gelangt, dessen Erbe vom Vater her Uns zusteht. Edle und Unedle haben Uns den Eid geleistet und anerkennen Uns als ihren Herrn. Alle Straßen und Übergänge von Deutschland nach Italien sind, dank der Gnade des Allerhöchsten, in Unserer Hand.“

Margarete besorgte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die umständlichen, verwickelten Geschäfte der Übergabe. Aber sie empfing nur die notwendigsten Besucher, sprach kein Wort über das Amtliche hinaus. Unauffällig dann, mit ihrem dürren Fräulein von Rottenburg und zwei Lakaien, wollte sie das Land verlassen. Doch Rudolf gab es nicht zu, daß sie so klanglos und ohne Repräsentation davonzog. Er ordnete an, daß der scheidenden Fürstin jede nur denkbare Ehrung erwiesen werde. An den Grenzen ihrer Territorien empfingen sie die Feudalbarone, am Weichbild der Städte die geistlichen und weltlichen Behörden. Allein die Sänfte der Herzogin blieb verschlossen, nur undeutlich zwischen den Vorhängen erkannte man sie, die starr, reglos in der Roßbahre vorüberschwankte. Scheu und neugierig spähte das Volk, sah nichts. Da zog sie fort, krank, abgerissen, die Verderberin, die Hexe, die Mörderin, die Männersüchtige, Unersättliche, die Häßliche, die Maultasch. Hinter ihr, wild, grausam, schmutzig, schlugen groteske Legenden zusammen. Rasselten nicht und klirrten unheimlich auf ihren Schlössern die zurückgelassenen Waffen? Schepperten nicht in den Kellern und Verliesen die Gerippe der von ihr Ermordeten? Man mied die Orte, wo sie gern geweilt hatte, sie waren nicht geheuer. Man schreckte die Kinder: Wenn ihr nicht folgsam seid, holt euch die Maultasch. Das Vieh mochte das schöne, fette Gras nicht fressen auf den Almen über Schloß Maultasch.

Als sie Innsbruck hinter sich hatte, hörte sie, in der Sänfte vor sich hinbrütend, eine kleine, spitze Stimme: „Leben Sie wohl, Frau Herzogin.“ Sie schrak auf, fragte das dürre Fräulein von Rottenburg: „Wer ist da?“ Das Fräulein hatte nichts gehört. Margarete spähte durch die Vorhänge. Da sah sie zwei winzig kleine, bebartete Wesen. Sie trippelten am Rande der Straße, sie schauten aus uralten, ernsten Augen auf die Herzogin, sie zogen die schmutzigbraunen, altmodischen Mützen, neigten sich ehrerbietig, viele Male. Da verlor Margarete ihre Starre, die Schultern wurden ihr schlaff, die dicke, häßliche Frau sank schwer in sich zusammen.

Sie kam an die Grenze zum bayrischen Chiemgau. Hier war eine Ehrenkompanie aufgestellt, präsentierte die Lanzen. Sich senkende Fahnen, Musik. Die Vorhänge blieben heruntergelassen, die Sänfte schwankte über die Grenze, ins Bayrische. Sowie sie außer Sicht war, holten die Zollsoldaten ihrer Weisung gemäß die schönen, schweren Banner der Gräfin von Tirol herunter, gemächlich, gähnend, pfeifend, zogen an ihrer Statt die neuen, nüchternen, sauberen Fahnen hoch mit dem roten Löwen Habsburgs.

*

Langsam ruderte die kräftige Magd das schwere, ungefüge Boot von der kleinen Fraueninsel weg über den Chiemsee. Es war Mittag, sehr heiß, das Wasser lag blaß, weit, still. Die beiden geistlichen Herren im Boot, der Kanzler, Bischof Johann von Gurk, und der Abt von Viktring, der Uralte, waren schlecht gelaunt. Der Florentiner Chronist Giovanni Villani, der Nebenbuhler des Abtes, hatte das sensationelle Gerücht aufgebracht, Margarete, Herzogin von Bayern, Markgräfin von Brandenburg, Gräfin von Tirol, lebe seit ihrer Abdankung in tiefster Not, der Habsburger lasse sie Hunger leiden, Entbehrung, jedes Elend. Die Herren waren nun im Auftrag Herzog Rudolfs in Frauenchiemsee gewesen, wo Margarete jetzt lebte, um sie zu bewegen, in Wien oder einer beliebigen anderen Stadt würdig Hof zu halten. Hatte ihr nicht der Habsburger die reichsten Einkünfte verschrieben, die vier Ansitze Gries bei Bozen, Stein auf dem Ritten, Amras, Sankt Martin bei Zirl, die Einkünfte der Feste Straßberg, des Passeyers, der Stadt Sterzing, dazu eine Jahresrente von sechstausend Veroneser Pfund? Die Hofhaltung der Herzogin hätte es mit der jedes deutschen Fürsten aufnehmen können. Allein weder die höflichen, klugen Argumente des Bischofs, noch die lateinischen Zitate des Abtes und seine Beispiele aus der Geschichte hatten sie weglocken können.

„Sie ist jeder Bewegung abgestorben,“ klagte der Bischof auf lateinisch. „Es kümmert sie nicht, ob Tirol Frieden hat oder Krieg. Ich habe ihr von dem Einbruch des Wittelsbachers erzählt, von der brutalen Einäscherung und Plünderung des Inntals. Sie hört zu, als spräche man vom Wetter.“ Der See lag ganz still, weißlich flirrend, gleichmäßig tauchten die Ruder. Der Uralte schwieg. „Dabei häufen sich ihre Einkünfte,“ hub wieder der Kanzler an. „Sie werden ihr pünktlich überwiesen, kein Pfennig wird angetastet. Das Gold türmt sich in ihren Schlössern. Sie muß unausdenkbar reich sein. Beim Herkules!“ schloß er ärgerlich, „jener Italiener ist ein treuloser Verleumder und Verkleinerer, ein schlechter Pasquillant.“

Dem ausgetrockneten Uralten ging das Herz auf bei dieser Kennzeichnung des Konkurrenten. „Recht spricht deine Eminenz,“ sagte er mühsam, zahnlos. „Wer hätte je gezweifelt, daß jener ein armseliger, niedriger Schwätzer ist?“

Am Ufer der kleinen Insel, vernachlässigt, grellweiß geschminkt, unter Gerank und sehr farbigen Bauernblumen, saß die Herzogin, schaute dem Boot nach. Es war ganz still, Mücken flirrten, ein Wasservogel schrie verschlafen. Ein starker Geruch von Fischen, Netzen, Tang stand in der heißen, unbewegten Luft. Das Boot rückte sehr langsam von der Stelle, bog um die Spitze der vorgelagerten, größeren Insel, war nicht mehr sichtbar.