Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. Wenn man es recht überlegte, war der Jude daran schuld, daß er jetzt mit dieser Roheit und stumpfem Gewäsch seine weißen Stuben verschmutzen mußte. Ei nun, wenn man was wissen wollte, wenn man neugierig war, dann mußte man wohl zahlen für solche Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen!
Als die Herren zu Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem Herzog, er habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er rate submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann werde er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine Ueberraschung vorzeigen. „Weißensee!“ lachte der Herzog. „Alter Fuchs! Exzellenz! Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für jeden Tag was Neues. Er ist ein sehr brauchbarer Prälat.“ Und er klopfte ihm auf die Schulter und torkelte in sein Schlafzimmer.
Anderen Tags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den alten Weinen des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die Landstraße entlang, dann abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier den Wagen zurück, folgte einem Fußpfad, stand schließlich vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter.
Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war ihnen noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze. Dahinter stecke also die Ueberraschung; ob es denn lohne; ob Weißensee nichts verraten wolle. Der bat, sie möchten die Mühe nicht scheuen, kletterte voran über den Zaun. Sie folgten prustend, mühsam. Drangen weiter, neugierig, angeregt, amüsiert.
Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses. Standen, staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl Alexander: Venedig, Belgrad. Doch keiner wußte mit dem weißen, fremdartigen Ding mitten in dem schwäbischen Wald was anzufangen.
„Das Haus gehört dem Magus,“ sagte Weißensee, „dem Oheim des Herrn Finanzdirektors.“ Verblüffte, großäugig dumme Gesichter. Ein leicht übler Nachgeschmack des Weines stieg dem Herzog auf, er fühlte sich plötzlich schwerer, spürte den lahmenden Fuß, den schlechten, holperichten Weg durch den Wald. Mit einer schleierigen Befangenheit schaute er auf das Haus, in einem vagen Gefühl, als blickten daraus steinerne, trübgraue Augen auf ihn. „Dem Magus? So?“ sagte er dann mit einer heiseren, belegten Stimme. „Ei freilich ist das eine Surprise.“
„Das ist nicht alles,“ lächelte Weißensee mit feinem, breitgezogenem, genießerischem Mund. „Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?“
Karl Alexander riß sich zusammen, räusperte sich frei. „Der alte Hexer ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig,“ lärmte er. „Scheuchen wir den Schuhu in seinem Gemäuer auf!“
Näher traten die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins Haus. Der alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten? – Seinen Herrn. – Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch niemanden, setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus ein wenig anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte mürrisch der Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand was zu suchen.
„Maul halten!“ schrie der zornige Major Röder. Doch der Alte wiederholte zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. Niemand hat hier zu befehlen, nur mein Herr.“