Der Rabbi hockte nieder, schwer, müde, leicht ächzend, unter einen Baum. Er zog heraus einen Brief des Süß in hebräischen Lettern, einen ernsthaften, mit einer fast gekränkten Frommheit angeschminkten Brief. Er vertiefte sich in die Schriftzüge, trank sie ein. Senkte dann den Kopf zum Schoß, zwang das Gesicht des Mannes vor sich, der nach seiner Seele jagte, des Mannes, an den er gefesselt war. Ihm helfen! Der verschütteten Seele an den Tag helfen, daß die eigene, mit jener verkettete, leichter atme.

Doch dieses Tal war zur Vertiefung nicht der rechte Ort. Oh, dieser Druck der reglosen Luft! Hatte Samael, der Linke, seine mächtigsten Geister hierhergeschickt, ihn zu engen und von seinem Werk abzuziehen? Errette meine Seele vom Schwert und mein Leben aus der Gewalt des Hundes!

Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, unerwarteten Bäume. Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in Myriaden Gestalten, waren um den Menschen und beirrten den zur oberen Welt Dringenden. Eingebannt in Millionen Dinge büßen die Seelen der Toten, eingebannt in Tier und Pflanze und Stein. Eingekörpert in die summende Biene ist die Seele des Schwätzers, der das Wort mißbraucht, in die zuckende Flamme der Unkeusche, in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder. Rabbi Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die Seelen, die aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn sie an den Sabbat-Abenden zum Paradies emporflogen.

Oh, könnte er jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr helfen. Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos im Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach zerstäubt in jedem Augenblick. Kennten die Menschen diese Pein, sie hörten nicht auf zu weinen. Mann, rastloser, jagender, gehetzter! Denk es! Denk es, Mann!

Dumpfer umschnürte es ihn, drückender, atemsperrender. Zwang ihn, aufzuschauen. Zwischen dem Laub tausend Augen waren auf ihm, die Augen des Kindes, die bräunlich goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte aus, Naemis Augen. Und sie riefen, flehten mit dringlicher, inniger, angstvoller Beschwörung: „Hilf!“

„Hilf!“ riefen sie, immer dringlicher, gepreßter, flehender, und ließen nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das Geträume weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum Himmel. Da waren Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr und zogen nicht. Jäh erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei hebräische Buchstaben, die sagten: „Hilf!“ Weg riß er das Antlitz, da sah er, die Aeste des Baumes, unter dem er saß, formten die gleichen Buchstaben: „Hilf!“ Die Wurzeln die gleichen: „Hilf!“ Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen Gaumens, überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es herauf, engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den Bergwänden, der Lauf des Baches, alles immer wieder formte die gleichen Buchstaben, das ganze stumme Tal war ein Mund, seine Wände, Steine, Wasser flehten dringlich, beschworen ihn, schrien in Not und Graus: „Hilf!“

Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern das Tal hinab, keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu Menschen, hetzte seine Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im Wagen. Im Nacken die bräunlich goldenen, dringlichen, angstvollen Augen des Kindes, gepreßt ins Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden Buchstaben: „Hilf!“

In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit den großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der geschmeidige Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende Major von Röder mit den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. Noch hingen im Raum die kindlich verschwärmten Gesichte Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater das Mädchen sitzen im stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit kindhaft wichtigem Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war, die bräunlichen, flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken Augen in dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wieviel Licht, ach, und Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und frostig war es erloschen!

In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen Erwartungen, von seiner Arbeit an dem Bibelkommentar und von den Träumen des Mädchens, soff und gröhlte jetzt mit seinen Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl Alexander fühlte sich jung, frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit offen, das Wams gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein blitzgescheiter Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart und Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische Projekt marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der Oper, die Ilonka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie eigentlich können mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. Tags nur Wind ins Gesicht, abends Wein und gutes, kräftiges Männergespräch. Keine Weiber! Keine Politik! Kein Parlamentsgesindel! Wie war man jung! Man spürte, mille tonnerre! nichts von seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen und an nichts als einem bißchen Wald und einem guten Schuß seine Lust haben.

Der Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer, außerhalb des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der Schwarzbraune. Karl Alexander trank stark, streckte die Beine vor sich, lachte dröhnend über die plumpen Zoten Röders, die feinen Weißensees, über die sehr schweinischen Anekdoten, die Herr von Schütz vornehm und untermischt mit vielem Französisch hernäselte. Erzählte dann selber, Geschichten aus dem Feldlager, Aventüren aus seiner Venetianer Zeit.