Enger von Tag zu Tag schmiegte er sich dem Herzog an, nützte jetzt bedenkenlos die seltsame Stellung als illegitimer Schwiegervater. All seine Menschenkunde bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders einzupassen, und der Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend wegen der Intrigen gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die frühere Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei und Willigkeit des Weißensee gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher der Jude besorgt hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, Zuführung und Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm nun unmerklich und gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Der würzburgische Geheimrat Fichtel freute sich, daß sein verehrter Freund nun hemmungslos Hofmann geworden; viel lieber als den zwielichtigen Juden, mit dem man sich so schwer zurechtfand, sah er den von ihm wohlgelittenen Weißensee als Vertrauten und intimsten Begleiter des Herzogs. Er gönnte dem Konsistorialdirektor von Herzen Einfluß und Macht, und oft, wenn er, behaglich den heißen Kaffeetrank schlürfend, mit ihm zusammensaß, gab er ihm, doch nur vorsichtig und indirekt, Winke, wie er solche Vertraulichkeit des Herzogs noch weiter nähren und festigen könne.

Weißensee lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf raffinierte, lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann, der an solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere Kost vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen Reputation schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. Der Prälat verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefielen, die aber in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und er verschaffte ihm welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn immer tiefer in den vergifteten Garten und machte sich als Mentor unentbehrlich. Seltsam war, daß die Herzogin Karl Alexander nicht gern in dieser Freundschaft sah. Sie war durchaus nicht prüde, sie liebte es, sich von lasterhaften Dingen erzählen zu lassen, und bekam dabei ein angestrengt nachdenkliches, verträumtes Gesicht; sie liebte auch auf ihre Art das Antlitz des Vaters, das zerknittert war von vielen kundigen und verderbten Fältchen. Doch das Gesicht des Weißensee, vielleicht weil seine Verderbtheit nicht ursprünglich, sondern umwegig war, gehörte zu den wenigen, die sie nicht leiden mochte.

Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, er wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er einen künstlichen See anlegen, das Wild hineinzutreiben. Bei solchem Anlaß regte Weißensee an, man solle doch einmal in ganz kleiner Gesellschaft jagen gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine Repräsentation, kein Divertissement. Der Herzog stimmte zu. Später gelegentlich sprach der Kirchenratsdirektor von dem schönen, wildreichen Forst bei Hirsau; es wäre vielleicht willkommene Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloß, Komfort, große Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren akkompagniert, ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun, wie ein Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu begrüßen, davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm ohne Umstände und vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde seiner Proposition geschickt gewählt; auch traf es sich gut, daß der Herzog nur zweimal in dem berühmten Kloster gewesen war. Schon für die allernächste Zeit, und um das Inkognito zu wahren, in großer Heimlichkeit wurde die Partie festgesetzt.

Von da an zeigte Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und Gehobenheit. Er verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender, seine klugen Augen faßten mit tieferem Glanz nach Menschen und Dingen. Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es anging, war er um ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den feinen, schmeckerischen Mund hörte er zu, wenn er sprach, den schmalen, gescheiten Kopf beflissen, wie schnuppernd vorgeneigt. Wenn Süß es nicht achtete, schaute er ihn dann wohl auf und ab, gierig fraß er seinen Anblick in sich hinein, und der andere, leicht überfrostet und nicht wissend, woher, stockte unbehaglich und verstummte endlich ganz.

Rabbi Gabriel verließ das Haus mit den Blumenterrassen, begann eine seiner einsamen Reisen.

Durchquerte von West nach Ost Schwaben, wandelte in Augsburgs stattlichen, alten Straßen, scheu umgafft. Fuhr, blöd und mißtrauisch angestarrt, in die farbige Residenzstadt des bayrischen Kurfürsten. Bog nach Süden in die Berge. Am Fluß lag behäbig hingebreitet, bunt, ein lärmender Markt. Von da an wurde das Tal enger, verwinkelter, die Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Hoch oben auf einer Matte lag zwischen weiten, weißlich braunen, riesig getürmten Wänden ein kurfürstliches Jagdhaus.

Die Straße gabelte sich. Rabbi Gabriel tauchte in dicken, endlosen Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang stieg er, der hell und fröhlich laut durch den dunklen Wald seine Bahn brach. Der Kabbalist überschritt die Grenze, betrat kaiserliches Gebiet. Schweigend und in großer Einsamkeit lag die Gegend; wo das Flußtal sich weitete, nach einer Wanderung von fast zwei Tagen, stieß er auf ein paar ärmliche Häuser um eine kleine Kirche. Hier nächtigte er.

Wenige Meilen später sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem er bisher gefolgt war. Vorher zweigten drei Nebentäler ab, von Gießbächen gebildet, die in den Fluß des Haupttales mündeten. Er folgte dem ersten. Es stieg nicht sehr rasch an, war freundlich ernst, die Bergwände waren hoch hinauf bewaldet. Er folgte dem zweiten. Es war sehr kurz, stieg rauh und beschwerlich und endete bald in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Er folgte dem dritten. Dies war länger und weiter als die anderen. Der Bach, der es gebildet, hatte minder starkes Gefäll, oft verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Rabbi Gabriel stieß auf Weidengehölz, auf Moorboden. Weiter oben stand eine verlassene, ganz kleine Hütte, die letzte offenbar dieser Gegend.

Der Tag war bewölkt, nicht warm, aber schwül. Der dickliche Mann atmete schwer, wanderte weglos und mühsam.

Hinter der Hütte, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig stand plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und sehr still, kein Hauch ging, kein Blatt rührte sich. Nur undeutlich sah man durch die Bäume die riesigen, weißen Bergwände, die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Beklemmend lastete die Luft, der Hain der alten, ernsten, fahlfarbigen Bäume war zwischen den Bergen wie aus einer südlichen Landschaft hergehext, leibhaft fast lag die tiefe, drückende Stille, das ganze, reglose Tal war verzaubert, man stand eingesperrt in ihm wie am Ende der Welt.