Bei der Beata Sturmin traf sie öfters den Stadtdekan Johann Konrad Rieger, Stuttgarts besten Prediger, und seinen jüngeren Bruder Immanuel Rieger, Expeditionsrat. Johann Konrad, der Prediger, konnte seine flutende Beredsamkeit auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht zügeln. Er war ein gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte er nicht wuchern mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt? Und er breitete seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer wie kostbaren Samt, damit sie sich daran ergötzten. Magdalen Sibylle ward durch den beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser erinnert, den sie zuweilen bei Marie Auguste traf, und einmal sprach sie auch von dem Publizisten und seiner geübten Rhetorik, harmlos und ohne große Anteilnahme. Aber da schwoll der sonst so gütige Prediger giftig an, er geiferte gegen die satanische Eitelkeit jenes Redners, und wie überhaupt solche profane Rhetorik Blendwerk sei und Erfindung des Teufels, und die blinde Heilige konnte die Wut des Mannes gegen den weltlichen Konkurrenten nur mühsam zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend, sich beschied.
Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu, wenn sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer, unscheinbarer Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht ein bißchen Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen kurzen Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute zu sehen, betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig verehrten Publizisten sich derart abfällig äußerte; doch seine Bescheidenheit wagte nicht, seine abweichende Meinung anders als durch leicht wehrende Handbewegungen kundzutun. Es war dem fleißigen und gewissenhaften Beamten ein tiefes, inneres Bedürfnis, es war seine Erholung und einzige Lust, große Männer verehren zu dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm als großer Mann zu gelten. Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen Gaben reich begnadet hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer Bewunderung zu ihnen auf, er war selig, in dem Kreis der blinden Heiligen mit so vielen wahrhaft bedeutenden Männern und Frauen verkehren zu dürfen.
Zu Magdalen Sibylle blickte er in hemmungsloser Verehrung, knienden Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses reinste und tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, was mußte sie gelitten haben, wieviel tausend Tode mußte sie gestorben sein, als der ketzerische Souverän sein Aug auf sie warf. Sein Aug auf sie warf, eine andere Formulierung wagten seine dreistesten Träume nicht. Und wie würdig trug sie, diese mit allen Wundern des Leibes und der Seele begabte Heilige, ihre Dornenkrone.
Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, schnurrbärtige Herr manchmal ein Wort an sie. Er sprach nicht von seiner ungeheuren Bewunderung, nie hätte er sich des erkühnt, er sprach von einem gemeinsamen Bekannten, dem Magister Jaakob Polykarp Schober in Hirsau. Magdalen Sibylle lächelte ein kleines, zwielichtiges Lächeln. Ach Hirsau! Ach der dickliche, gutmütige, pausbäckige Magister! Der Duft gebratener Aepfel und der andächtige, plärrende Gesang vom Himmlischen Jerusalem floß in ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der Expeditionsrat Rieger weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden, umständlich und mit großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied: „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und auch von jenem andern: „Jesus, der beste Rechenmeister“, und Magdalen Sibylle hörte den ehrbaren Worten des Expeditionsrats still und friedlich zu.
Die grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof, auch wenn sie nur die nötigsten Visiten erstattete und empfing, warf ihr zahllose Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich und krampfig zierten und vermummten, mit ihrer sehr absonderlichen Stellung nichts anzufangen wußten. Sie war Mätresse des Herzogs und Pietistin und Freundin der katholischen Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte man nicht klug werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie zusammenkam, ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt, daß ihr ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr klang. Deshalb ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung des Mannes freundlich ein.
Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe und kleinem Leben. Dem wilden und leeren Getriebe des Hofes, dem glänzenden und aufreibenden Apparat der Macht schrieb sie es zu, daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und dieses höfische Dasein ward ihr mehr und mehr zuwider. Es gor etwas hoch in ihr von dem dumpfen, vererbten Haß ihrer Vorfahren gegen die glänzenden, brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer Führer im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich hingerichtet worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer schlichter ein, kleidete sich immer fraulicher und bürgerlicher, verschmähte, wo es ging, die Perücke. Karl Alexander, der wenig mit ihr zu reden wußte und sie eigentlich nur mehr deshalb hielt, weil er glaubte, diese Liaison stehe ihm gut und sei populär, sah erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch die Herzogin belustigt mehr als chokiert schien, mit verständnislosem Kopfschütteln.
Wer aber Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem und erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm die Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber doch war sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus feinerem Stoff als die anderen Menschen, sie war anders, über ihnen. Sie hatte ihre eigene Luft um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach zarter zu ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und urteilskräftige Mann wußte genau, daß ihm bei aller Begabung letzte menschliche Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen Sibylle aber hatte diesen Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme hatte jenes natürliche innere Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, daß sie seiner Lenden Kind war, schien ihm Rechtfertigung vor sich selbst. Er wagte an ihr auch keine heimliche innere Kritik. Einerlei, was sie war, ob Dame, ob Heilige, sie war jedenfalls gemeinen Menschen fern und unerreichlich, war anders, Inhalt und Zweck einer höheren, in sich geschlossenen Welt. Als dann der Herzog kam und sie zertrampelte, konnte dies, so sehr es ihn umwarf und aushöhlte, an ihr Bild in seinem Inneren nicht rühren. Sie war in Gestalt eines schwäbischen Mädchens Athena, unter die Sterblichen sich mischend, oder eine Halbgöttin zumindest.
Wie sie aber in Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr verbürgerte, zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste Stütze und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. Die philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogsmätresse, ihrer Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem anderen Stern zu Haus, waren Verpuppungen gewesen. Die nüchterne Bürgerfrau, praktisch im Alltag wirkend und an ihm zufrieden, war die ridiküle, endgültige, höchst ordinäre letzte Form und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin geworden, Vagantin, Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben an sie entwurzelt. Nur dies Eine durfte nicht sein, in die Reihen der braven, gemeinen, niedrigen, alltäglichen anderen durfte sie nicht zurückschrumpfen, diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht die ihre sein.
Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern endgültigen Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. Auch jetzt nicht überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier verstärkte sich, die feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: Was wird jener tun im gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich ändern, seine Haltung, seine Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, war wellig um ihn, wenn er einschlief, kroch ihm juckend, kratzend vom Kreuz her die Wirbelsäule hinauf, füllte ihn ganz an.
Mit dem Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen nieder. Er hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht vereinen lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren parlamentarischen Ausschuß. Aber als man ihn dann, seine Krankheit nutzend, in der mildesten Form aus der Elfer-Kommission ausschloß, wurmte es ihn doch tief und schmerzhaft. Er nahm nun ohne weitere Rücksichten immer offener Partei für die Regierung des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung als der plumpe Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den Treibereien gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und Ohnmacht des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und dem Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich nicht ging. Er kam im Hause des Süß mit den Kapuzinern aus Weil der Stadt zusammen, auch mit einem italienischen Abbé, einem Abgesandten des Fürstabts von Einsiedeln. Ging Weißensee zu solchen Zusammenkünften, so betrat er zwar das Haus des Süß der Form wegen durch die Hintertür, doch tat er es am lichten Tag und so ostentativ, daß solche Heimlichkeit als Herausforderung wirken mußte. Von den alten Freunden Bilfinger und Harpprecht löste er sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und ohne Haß in heil- und ruchlose Verstrickung sinken.