Ihr Tag war wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller Heiterkeit. Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von Riolles begann sie zu langweilen, auch war sie seinen spitzen Geistreicheleien nicht mehr recht gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich nicht mehr so in jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten widerte sie geradezu an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann Jaakob Moser in ihren Kreis und wandte alle Mittel an, die Omphale dieses stattlichen, pathetischen, feurig von sich überzeugten Publizisten zu werden.
Für den Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog und Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und nichts davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein Selbstbewußtsein arg ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und der Gunst der Herzogin richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei der rechten Witterung. Kotz Donner! Er mußte doch ein Kerl sein, wenn jemand wie Marie Auguste, in ganz Europa berühmt um ihre Schönheit, die erste Dame Deutschlands, ihm, dem Gegner, so offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im Parlament mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der Demokrat, der große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten diese Aermlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyß genug, der schwäbischen Circe zu widerstehen.
Der imposante, wichtig sich habende, eitle Mann verbrachte also jede Stunde, die er durfte, bei der Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß, war sie im Bad, auf den Holzbrettern, die, nur den Kopf freilassend, die Wanne bedeckten. Er deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen seines massigen Cäsarenkopfes blitzten, der Degen schwankte rhythmisch auf und ab, lang hinrollend flossen die Worte aus seinem Mund. So saß er, Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, daß die Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem Möglichen, er las ihr Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, und größere Werke und Broschüren, theologische, juristische, nationalökonomische, Abhandlungen über politische Tagesfragen, doch auch Aesthetisches, Botanisches, Mineralogisches; denn Johann Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er rezitierte alles mit dem gleichen Feuer und mit vielem Ausdruck. Gewöhnlich hörte Marie Auguste nicht recht hin; sie ließ sich frisieren, während er sprach, oder maniküren, las wohl auch den Mercure galant; häufig hätte sie nicht sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder lateinisch. Aber das gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit solcher Beflissenheit hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch amüsant, die stattliche, bewegte Statur des erregten, komödiantischen Mannes vor Augen zu haben, und es kitzelte, daß dieser Demokrat und Fürstengegner sie so jungenhaft und gegen sich selber knirschend anschwärmte. Manchmal dann, wenn er seine großen, etwas leeren Augen himmelnd und dringlich auf sie richtete, glitt sie mit langsam fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er, sich rötend, schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und mit vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, und wie sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein Herz gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die Knie und betete zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr wohlgesetzter Rede, Gott möge ihm auch künftig die Kraft leihen, gegebenenfalls den Mantel im Haus der Herzogin zurückzulassen.
Unter den Frauen schloß sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, schmiegte sich an sie, machte sich klein, sprach zu ihr wie eine dumme, kleine Schwester zu der alles wissenden älteren. Ach, Magdalen Sibylle, wie war sie ernsthaft und gescheit und voll Erfahrung und Gewissen. In ihrem, der Herzogin, kleinen Kopf flatterte alles bunt und wirr durcheinander wie farbige Mücken und alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts haftete. Aber Magdalen Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was geschah, sorgsam auf und betrachtete es und gab sich damit ab und verwandelte es in ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von Erlebnissen und Erfahrungen, und sie, die Herzogin, war ganz klein und dumm vor ihr, trotzdem sie doch eine Krone trug und im eigentlichsten Sinn Landesmutter war und sogar Inhaberin des Maltheserkreuzes.
Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, suchte sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare Geschöpf einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein Grauen vor solch tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, an der alles abglitt, Mann, Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur ihrer leiblichen Gestalt lebende, war sie denn wirklich, war sie nicht ein Gebild aus Luft, eine Spiegelung, etwas Entwestes, ein farbiger Schatten?
Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen Wangen war müde geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so unwirklich und unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde blasser, die Haltung der straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte sich abgekämpft, sie war niedergebrannt, nun war sie still und nicht mehr geneigt, wild und empört zu lodern.
Sie war durch Demut und Entzückung der Brüdergemeinde gegangen, die Schrift hatte ihr Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die Apostel hatten sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann hatte sie im Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger Brand, ausgezogen, ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der Jud gekommen und hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten überschwemmt und verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und Grün war tot und verschlammt gewesen, und als die Wasser sich verlaufen hatten, war nichts geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot.
Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der ersten Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne angeschaut und hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des Leibes und der Seele ihm willig und mit gewußter, grenzenloser Hingabe geöffnet. Aber er war eine Sonne gewesen, die nicht wärmt und die fahl und mitleidlos und unerreichlich ihre Straße zieht. Sie hatte allen Willen darauf gerichtet, ihn zu begreifen, sie hatte sich mitreißen lassen von ihm, und sie hatte auch, mehr als jeder andere, von seinen Verwicklungen gespürt, mehr verstanden von seiner Isolierung, seinen Kämpfen, seinen Niederlagen, seiner Gelähmtheit, seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr scheues und ihr offenes Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr von einer sehr höflichen, vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch alle männliche Glut war verascht.
Sie verzweifelte daran kein zweites Mal; sie beschied sich. Sie ging ihre graue und sonnenlose Straße. Sie überlegte klar, fest, sachlich: sie hätte zur Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht sich verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf seinem Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun hatte sie ein böser Irrstern in die falsche Welt getrieben. Sie selber war nicht schuldlos daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer, wie sie damals im Wald, ihn sieht, der hat sich im Innersten, Verstecktesten nach ihm gesehnt. Sei es wie immer, es war unsinnig, darüber weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war sie an diesen Hof gebannt, der ihr ein sinnlos wirbelndes Durcheinander bunter Tiere erschien, und der einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie mit tausend Stricken zog, war durch seine höfliche, vertrauensvolle Freundschaftlichkeit ihr ach! tausendmal ferner als damals der Teufel im Wald von Hirsau.
Häufiger wieder ging sie zu Beata Sturmin. Schon war ihr die blinde Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie selber lebte, war ihr in Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten Frau minder kahl und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast körperlich wie einen guten, warmen Mantel.