Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl Alexander. Fragte, die Stimme gepreßt vor Wut, ob sie Beweise gefunden hätten. Ueberhäufte, stimmlos keifend, die Stammelnden, Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten, kotigen, pöbelhaften Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn als sie in ihren Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre ohnmächtig neidischen, hirnrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe hereinfallen können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen Christenschelmen.

Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem riesigen Douceur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl in ihre Winkel krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich Süß die verlorenen Positionen zurück. Dem katholischen Projekt hielt er sich noch immer fern; aber in jedem andern Bereich wieder drängte er zu, griff zu, wo man an seine Interessen streifte.

Da saß er nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im Herzogtum spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war, wurde überprüft, korrigiert. Die Kaminfeger-Verordnung, schon zurückgezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter verschwanden, nur heimlich im Abort des „Blauen Bocks“ zeigte der Konditor Benz seinen Vertrauten das Dankschreiben der nachtliebenden Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er hatte es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt.

So schien äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch trieb er wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er herrischer, minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche Witze, hielt auch nicht still, wenn man sich auf seine Kosten erlustierte. Den General Remchingen, als der ihn einmal in seiner gewohnten Art wegen seines Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an von oben bis unten, von unten bis oben, und als vor seinem seltsam dringlichen, drohenden Blick dem General das Grinsen verging, lachte ihm plötzlich der Jude seinesteils greulich und unheimlich ins Gesicht.

Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei weitem nicht mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles weniger amüsant geworden!

Auch die Beziehungen zwischen dem Herzog und Süß hatten sich geändert. Karl Alexander war sehr häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm, sein Mißtrauen wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er sich, es wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zuviel, könne ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, nachdem er sich dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den Grenzen zu lassen. Er gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden band wie das, was ihn abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag.

Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen ließ, in sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann streckte wohl aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom Bartelemi Pancorbo den zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter faltigem Lid das Aug nach dem Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, krümmte die Finger zum Griff. Doch er war sehr vorsichtig geworden und begnügte sich, zu äugen und zu tasten.

Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, beschaute sich. Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. Atmete auf, lächelte. Nein, nein, sie war heil geblieben, sie war nicht entstellt. Sie war glatt und glau und rank wie früher. Mit den kleinen, fleischigen Händen tastete sie, knetete sie an ihrem Leib. Oh, er war weich wie früher und doch fest. Mit den länglichen Augen prüfte sie ernsthaft und schonungslos den kleinen, eidechsenhaften Kopf im Glas. Die Beschwerden der langen Schwangerschaft, die wilden Qualen der Entbindung hatten keinen Zug und keine Zerrung hinterlassen. Klar und leicht und ohne Runzel rundete sich unter dem strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine Falte schnitt von dem Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob, die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser über die Erde, noch spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle Glieder schmiegsam ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie lächelte tiefer und der Tag lag blau und schwerlos vor ihr.

Doch in der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den andern Tag stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch länger jede Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, grauenvolle Furcht vor dem Altern war in ihr. Es war nicht auszudenken, daß dieses Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, dieses Fleisch vermürben sollte. Sie wird mühsam einherhumpeln, hüsteln, spucken, die Männer werden froh sein, wenn sie die zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich haben, die Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schleierten sich, wenn sie es dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen.

Erwog sie, daß das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich über den Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr, es war unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen sein. Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke Nase, die wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt aus. Man versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie gebe als Mutter ein scharmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte Tieferes für den Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen modischen Pinscher, von dem sie wußte, daß er hübsch aussah, wenn er unter dem Saum ihres weiten Rockes vorlugte.