Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten heftig im Wind hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag ganz reglos. Er rief sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß herausgekommen?“ Da sie nicht antwortete, griff er sie sacht beim Arm, bog ihr den Kopf zurück, tastete hastig, erschreckt sie ab. Erkannte, daß sie tot war. Begriff nicht.
Fetziges Gewölk jagte. Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend, der junge Mond. Der Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von Württemberg aber kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn, zwischen den Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner Mensch in Wind und Nacht.
Was eigentlich war geschehen? War sie ins Leere getreten? War es Absicht? Auf irgendeine Art war er mit dieser Toten verknüpft, war er Ursach dieses Todes.
Bah! Er hatte geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer so zimpferlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders angepackt; und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! Da brauchte die Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam vor, daß Kinder, gab man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser gingen, sich was antaten. Das kam vor. Die waren eben verrückt, die gehörten nicht ins Leben. Da war der, so vielleicht Ursach war, ohne Schuld.
Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht loswerden. Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, und nun lag sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit aller Schläue nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß woher, und man war ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr verwickelt. Da war sie vorhin noch im Licht gesessen und ihre Augen hatten gebrannt von Leben und jetzt lag sie da in der Nacht und kein warmer Wind half ihr vorm Erkalten.
Der Wald lag schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen kamen aus ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte es. Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Arme streckten sich. Und plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften Tanz; der Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die linke. Tanzte da nicht auch nickend, sich neigend das Mädchen mit im Reigen? Und er hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus. Er hörte deutlich jeden Laut, strengte sich an, zu verstehen; aber er verstand nicht. Dies quälte ihn. Und alles war so trüb, nebelhaft, farblos.
Mit einem knurrenden, bösen Laut riß er sich los aus der Gebundenheit. Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da lag eine Tote im Wind. Je nun, er hat schon viele Tote gesehen. Wenn er eine Attacke befahl und dann lagen die Toten herum, war schließlich auch er die Ursach. Das war Unsinn und überhirnisch, darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr Gedanken an die tote Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere und Soldaten, die rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er der Herzog. Das hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben blühte oder Tod einfiel.
Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie so liegen lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen mehr. Wenn er jetzt geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die Domestiken werden morgen das Mädchen finden, den Süß benachrichtigen. Der wird sich zergrübeln, warum sie eigentlich und wieso tot ist. Aber vermutlich wird er weiter keinen Schnaufer tun. Hüten wird er sich. Eingraben in aller Stille wird er sein Mädchen und das Maul halten. Und die mit ihm waren, Weißensee und die anderen, item. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm und begraben, und Schluß. Ex, ex, ex!
Er wird also – Nein, er wird nicht. Soll er sich etwa davonmachen? Hoho! Das könnte ja aussehen, als hätte er Angst vor dem Juden. Wecken wird er die Domestiken, einen Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn abwarten hier, ihm sagen: Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet man dein Mädel, im Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du Heimlicher, du Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht, nie wäre das arriviert.
Ein großer Schlag und dickes Unwetter mußte das ja sein für den Juden. Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang er einen in die Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger Handel hinein. Und auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, und wie man es anfassen wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie aus und ex gewesen, auch wenn er jetzt einfach wegginge und nach Stuttgart zurückführe und niemals jemand ein Wort darüber spräche. Das Gesicht dieses Kindes war schwerer zu vergessen als tausend tote, verzerrte, zerstümmelte Soldatengesichter. Er rief sich das Gesicht des Juden zurück, sehr weiß mit den roten, kurzen, üppigen Lippen, den fliegenden, wölbigen Augen. Mattweiß war es wie das Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich zuerst an ihn herangemacht hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem verfluchten, sklavischen, orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn man es durchdachte, war damals nicht viel aus ihm herauszuholen gewesen. Ein kleiner Prinz, dem nicht einmal das Parlament die paar Batzen Vorschuß verwilligte, groß Kapital und Zins war aus dem nicht herauszuschlagen. Und wenn es schließlich auch anders ging und der Süß sein Vertrauen sich mit Wucher bezahlen ließ, gut war ihm zum Ende das Geschäft doch nicht bekommen. Wenn ihm schon an dem Juden Jecheskel soviel lag, mußte ihm wohl das Kind, das zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es jetzt auf dem Boden, ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war tot.