Los sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und was er sich alles aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen, ungehindert. Er wird ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber fort soll er! Gehen soll er!

Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, als hätte er ein übles, drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird ihm doch nicht aufsagen.

Aber Schluß jetzt! Er wird sich das später überlegen. Jetzt wird er sich, Teufel noch eins! schlafen legen. Er ging ans Tor, pochte laut, brutal. Wies dem öffnenden, verschlafenen, mürrischen alten Diener die Leiche. Ging ohne weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das tierhafte Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der aufgelösten Zofe. Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus, hatte für die zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem verzauberten Haus mit der Toten ängstigte, nur eine zornige Grimasse. Warf sich in den Kleidern auf eine Ottomane. Schlief röchelnd, schnarchend, totenhaft tief.

Als er erwachte, strahlte klarer Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif und schmutzig. In einer Ecke, eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl Alexander streckte sich. Ah, er wird jetzt das unbehagliche Haus verlassen, nach Hirsau zurückkehren, in den bequemen Räumen des Weißensee baden, gut frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die Schulter klopfen, ein paar fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und damit war dann diese Jagdpartie erledigt, und es war nur schade, daß sie nicht so angenehm endigte wie sie anging. Er trat hart auf, daß der Neuffer aus dem Schlaf schrak und sich aufrappelte. Ging dann, bis der sich zurechtmachte, in die Studierstube. Da lag die Tote, die Fenster waren verhängt, große Lichter brannten, auch das magische Bild des Himmlischen Menschen war verhängt. Zu Häupten des Mädchens aber stand Rabbi Gabriel. Ueber der platten Nase die trübgrauen Augen hoben sich nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbi fragte nichts, forschte nichts. Mit seiner knarrenden, mißlaunigen Stimme sagte er: „Gehen Sie, Herr Herzog!“ Und der Herzog, betreten, ging. Er zürnte nicht, es war eine große Dumpfheit und Benommenheit über ihm, er verließ das Haus, er sah nicht, wie festlich und heiter die Blumen in dem hellen Tag standen, er sprach nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, und bis er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er kein Wort.

Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten noch tiefer in die breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach er, der zu sprechen war beim Anblick eines Toten: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Er bettete das Mädchen, zur Brust faltete er ihr die starren Arme, richtete der Toten Zeige-, Mittel- und Goldfinger so, daß sie das Schin bildeten, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai. Er verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das Bild des Himmlischen Menschen. Wasser goß er hinter sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Mädchens. Denn es scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod anlockt. Nur Samael, der Linke, der Engel des Todes, läßt sich nicht vertreiben. So blieb der Rabbi allein mit der Toten und mit Samael, dem Linken.

Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde hinein sprach er die drei Hymnen, der großen Heiligung, der Entzückung in den dritten Himmel, der Heere der Toten. Da war die Seele des Mädchens da, und der Linke konnte sie nicht verbergen. Ach, Rabbi Gabriel hatte gewußt, sie war noch da, sie wird nicht auf geradem Fluge eingehen in die Obere Welt; noch wartete ein Werk auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte das Kind gerufen. Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie gestorben, eh daß er gekommen war.

Ein kleines, verlorenes Bündel hockte der dickliche Mann in dem Raum, der ganz erfüllt war von Samael, dem Linken, und der flatternden, verschüchterten Seele des Kindes. Und er sprach zu ihr mit seiner knarrenden, mißtönigen Stimme; doch er konnte ihr nichts sagen, sie war ja schon über der Schwelle der dritten Welt, und so sehr sie es wollte, er konnte sie nicht halten.

Und da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie überdeckte, rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift, die sie am liebsten liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter! Liebe! Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!“

Da spürte er ein letztes flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als er und trieb sie weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so schwer und erdig gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in grauenvoller Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die Finger gestreckt im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand war im Raum, und er blieb allein und hilflos und stumpf und in herzschnürender Not mit Samael, dem Linken.

Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was geschehen war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl Alexander, während er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende Heiterkeit, aß mächtig, trank, zotete, jagte.