Weißensee hörte nur, daß das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht des Herzogs höflich und gefaßt zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie Glas. Der Jud war ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war tot. Es war nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot; entschwebt, rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud war kein komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud war tragisch fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und verschlammt; wie ein anderer mit kotiger Hand danach greifen wollte, hat es sich aufgelöst in die reine Gottesluft. Jetzt hat es keinen Sinn mehr, neugierig zu sein, jetzt kitzelte es ihn durchaus nicht mehr, das Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff saß er, ausgehöhlt, zerkrümmt im Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und immer wieder vor sich hin: „Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!“
Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der Herzog sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug hinkommen, war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. Gewißheit war ihm, daß dem Kind etwas drohte, vielleicht schon geschehen war. Doch in Hirsau, im Hause des Weißensee, hieß es, der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im Wald, ob er den Herrn Konsistorialpräsidenten sprechen wolle. Aber Süß wartete den zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er eilte sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die hohen Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. Kein Herzog. Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne Ueberlegen, Verweilen, geraden Weges schritt er in das große Studierzimmer. Die verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die Tote, Arme zur Brust, Zeige-, Mittel-, Goldfinger im Zeichen des Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden ohne Besinnung.
Der Rabbi stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah einen verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen Rücken krumm und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und unsauber, farblos häßlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote balsamiert, jetzt ging er ab und zu, zündete die Kerzen neu, goß dämonenscheuchendes Wasser.
Nach einem langen, ewigen Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den Herzog gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Wenn ich fortgegangen wäre mit ihr,“ fragte Süß, „längst, weit fort, in die Stille, wäre sie dann nicht gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Kann man mit Toten reden?“ fragte Süß.
Rabbi Gabriel zitterte. Dann sagte er: „Es steht im Buch von den Heeren der Toten: Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. Ihr könnt ihn innerlich beschwören, er muß kommen; ihn halten, er muß bleiben. Denkt seiner mit Liebe oder mit Haß, er spürt es. Mit stärkerer Liebe, stärkerem Haß, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt.“
„Kann ich mit ihr reden?“ fragte Süß.