Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte er: „Sei rein, und sie wird in Ruhe sein. Wenn du einströmst in die dritte Welt, mit dir wird auch sie in das Meer der dritten Welt tauchen.“
Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag graute herauf, er rührte sich nicht.
Der Rabbi sagte: „Der Herzog will dich sprechen.“ Süß antwortete nicht. Karl Alexander trat ein. Fuhr zurück. Fast hätte er den Mann nicht erkannt. Dieser Mensch mit den schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um den Mund und die Wangen hinauf, mit dem häßlich farblosen Haar, den eingesunkenen, rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein Jud und Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der Frauen?
Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals ansetzend, sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er sich nicht in Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, wie sie war. Ich spür es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er hat noch sehr viel anderes im Leben. Er hat die Gunst, Er hat die Liebe Seines Herzogs. Dies mag Ihm Trost sein.“
Mit einer stillen, gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut erwiderte der verwahrloste, häßliche Mann: „Ja, Herr Herzog.“
Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es wäre ihm lieber gewesen, Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, der Herzog, hätte ein weniges schreien und dann wieder gut sein können. Dieses mönchische Gewese paßte ihm gar nicht. Wie hatte Schütz gesagt: es roch nach Judenschul und Kirchhof. Ein vages Erinnern wellte hoch an die knarrende Stimme des Magus, an das, was er verschwieg. Er wollte glatten Tisch haben, er wird jetzt einfach mit der Katze durch den Bach fahren. Mit einer gewissen gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er: „Es ist dumm, daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es eigentlich für ein Akzident war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und kein Christ und kein Magus herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden, da lag sie in den Blumen und war tot. Er wird natürlich supponieren, ich sei schuld daran. Aber ich vermein, da ist Er auf dem Holzweg.“
Da Süß schwieg, fügte er hinzu: „Es ist mir in der Seele leid, Jud, wahr und wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der coûte que coûte seinen Willen haben muß. Natürlich hab ich ihr ein bißle meinen Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen können, ich hätte mich getrollt. Nicht keinen Handkuß hätte ich verlangt. Parole d’honneur! Wer hätte auch denken können, daß das Mädel so wenig Spaß versteht.“
Mit der gleichen stillen, gefrorenen Demut sagte Süß: „Ja, Durchlaucht, wer hätte das denken können.“
Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte er: „Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich Ihn um Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was zwischen uns soll treten. Sei Er mir nicht nachträgerisch! Tu Er mir treue Dienste wie bisher! Geb Er mir die Hand!“
Da legte Süß seine Hand, die sehr kalt war, in die große Hand des Herzogs. Eine kurze Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne Druck ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der Kerzen regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der Linke, war im Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur jenes blassen Reigens, den sie in Traum und Nebel getanzt.