In dem Elend des Vaterlandes, in der wüsten Verlotterung ringsumher sah der Aktuarius Michael Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war die Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde, pastellfarbene Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht Entzündlichen tief ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen Karl Alexanders sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm als Symbol der menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins andere, und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie.

Jetzt glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der Verwarnung weiterhin die Ehrfurcht gegen den Herzog außer acht gelassen und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn geführt habe, seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und Gnaden wurde von einem Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. Doch hatte er binnen vierzehn Tagen das Land zu verlassen und wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen verwiesen.

Dies war immer am Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es doch unerwartet und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in dem großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; und die einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb des Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen Auswanderern, zu Hungernden und zu Zerlumpten, oder sie strecken hagere, gierige Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über einen her und nehmen einem die Luft weg. Und da wäre nun der Junge, trotzig und lebendig, und wenn er seine dicken, dunklen Brauen hochzieht, zergehen die Schatten, seine starkblauen Augen jagen aus allen Winkeln die bedrohliche, erkältende Dämmerung. Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes verwiesen, der Jud läßt ihn nicht zu ihm.

Der schwere Herr rang sich ab, entschloß sich, stand vor dem Herzog. Er hatte nie gebeten, er hatte immer nur guten Anspruch eingefordert, er war gewohnt, daß man zu ihm kam und bat. Es war dem aufrechten Mann arge Pein, als Supplikant dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und stockend. Das Urteil sei gerecht und nicht einmal sehr hart. Doch solle der Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn der junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht besser als braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander hörte finster zu, drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand, versprach unsicher, er werde es überdenken.

Unwirsch forderte er Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war alles so, wie der Professor es dargestellt. Nur seien eben er, Süß, und der Professor verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignité not sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren oder dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und einzige Bitte abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, daß es Seiner Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen Professor einen Wunsch zu refüsieren als dem jüdischen Finanzienrat. Er habe aber noch andere, sehr gute Gründe gehabt, den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn nämlich, fügte er mit dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den Damen Götz nicht recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit die erste Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg der Herzog.

Allein, beschloß er, jetzt erst recht den Aktuarius im Land zu lassen. Der Jud ist so hirnrissig wie insolent. Ho! Soll etwan er, Karl Alexander, Angst haben, der lumpige Demokrat und Rebellant komme bei der Demoiselle vor ihm ans Ziel? Oder vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau, habe er, der Herzog, Scheu vor jedem Jüngferlein und traue nicht mehr auf seine Männlichkeit? Eine grimmige Geilheit überkam ihn. Mille tonnerre! Er heißt Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und er wird die Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und kirre machen. Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt das Urteil annullieren.

Aber wie er die Ordre diktieren wollte, nahm er sich vor, es doch noch einmal zu überdenken, und schob es auf morgen. Andern Tags ging er nach Ludwigsburg. Amüsements, Repräsentation, andere politische Geschäfte drängten vor. Der Tag kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine Gegenordre war erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer mußte wie sein Vetter Friedrich Christoph außer Landes gehen, und der Abend des Professors Johann Daniel Harpprecht wurde kahl und ohne Licht.

Nun konnte Karl Alexander vorderhand nicht mehr gut etwas rückgängig machen. Dachte er an die Damen Götz, so war er eigentlich sehr befriedigt darüber. Doch dies gestand er sich nicht ein. Es faßte ihn vielmehr eine dumpfe Wut gegen den Juden. Der war schuld an allem; der hatte ihn vor die Wahl gestellt: Harpprecht oder ihn, den Juden.

Süß wußte, Karl Alexander hatte eigentlich nie eine bewußte Schurkerei begangen; sicherlich auch wird er sich die wahren Motive dieser Ausweisung nicht eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf zu stoßen, daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf gelegentlich hin: „Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser marschieren, nachdem wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Licht geschafft.“ Der Herzog wollte zufahren, aber er brachte es nur zu einem Knurren und erwiderte ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?“ Süß aber begnügte sich, zu lächeln, und schwieg.

Seinen Feinden kam zu Ohren, daß dem Herzog das Vorgehen des Juden gegen den jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht. Sie begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlaß, gegen solche unfaßliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin und belegten es mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und sauge, nur für seine Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei herausspringe, wie er in jedem Geschäft den Herzog begaunere und bewuchere. Sie sprachen fast zwei Stunden, und Karl Alexander wies sie nicht zurück; er hörte sie zu Ende, ja, er ließ sich Details, die er nicht recht verstand, genauer erklären; vor allem ließ er sich von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie schamlos Süß ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die Herren fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Aeußerung.