Andern Tags, unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre, sagte er, man intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die Beschämung ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere durchschnüffle. Er bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um seine Entlassung.

„Hör, Jud!“ sagte Karl Alexander, „du hast mir im Oktober einen Stein verkauft um was mehr als fünftausend Dukaten. Was ist der Stein wert?“

„Heut keine fünfhundert,“ sagte der Jude. Und das Aug in dem des Herzogs, mit einem frechen, fatalen Lächeln fügte er hinzu: „Ja, solche Steine haben Liebhaberpreise und ihr Wert wechselt.“

„Es ist gut,“ sagte Karl Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog läutete und befahl sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es vergingen aber zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser zwanzig Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes Schweigen in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und Träume kamen und gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem Herzog. Die knarrende Stimme des Magus war in diesen Träumen, und das tote Kind war darin, die Finger gestreckt im Zeichen des Schin.

Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden des Süß, er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog wolle ihn dem Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den teufelsgewandten Mann einen schweren Stand haben.

Allein es ging anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten war, nahm Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig zu dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor klagt über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert seine Entlassung. In Ansehung seiner zu Unserm völligen, gnädigen Vergnügen geleisteten Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, ihn zu halten. Wollen Sie also, Exzellenz, sogleich eine Urkunde aufsetzen, eine Legitimationsurkunde oder Absolutorium oder wie Sie es benennen wollen, ein herzogliche Gesetzes-Ordre, die den Herrn Finanzdirektor für alle seine Handlungen, die vergangenen wie die zukünftigen, außer alle Verantwortung setzt. Von niemand, mag er sein, wer er will, soll er können wegen seines Tuns zur Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie dieses Schriftstück sogleich in aller Form aufsetzen und Uns zur Unterschrift vorlegen, daß es kann im nächsten Wochenamtsblatt publiziert werden. Wir warten.“

Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so eisig gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. Nicht der Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während Scheffer die Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl Alexander. Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler an: „In das Amtsblatt den Wisch!“ Zitternd retirierte der Minister.

Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die enorme, unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch seine Augen waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und höhnisch. Stumm und feindselig maßen sich die beiden Männer, und Karl Alexander erkannte, daß er sich nicht losgekauft hatte.

„Geh, Jud!“ schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem tiefen, machtbewußten, bösen Lächeln.

Der Herzog aber, allein, schäumte, raste. Riß, zerrte, scheuerte sich wund an der unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm zu jenem.