Der semmelblonde Expeditionsrat Götz, der jetzt, auffällig jung, als Kammer-Prokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit Unbehagen die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, die Geheimrätin Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die Demoiselle Elisabeth Salomea. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten solle. Einesteils war es ehrenvoll, wenn der Souverain einer Dame seinen Hof machte, und es war Pflicht der Untertanin, dem gottgewollten Herrn mit Leib und Seele zu gehören; auch für seine Karriere konnte solche Neigung des Souverains nur gewinnbringend sein. Andernteils führte der Weg vom Herzog und zum Herzog immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte den Eindruck, Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den Herzog. Und wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen Gestank des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine peinliche Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer Relation zu besagtem Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte auch vielleicht seinem inneren Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, den Abschied genommen, sich mit Mutter und Schwester auf sein Landgut bei Heilbronn zurückgezogen. Doch die Affäre mit der Napolitanerin und die Erkrankung Karl Alexanders hatte ihn tief verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in schwerer Schuld verstrickt, und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen Ausweg. Stumm und in unklarer Not ließ er die Dinge laufen.
Sie gingen aber zunächst stockend und schwerfällig. Süß zog immer wieder die Bremse an und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der spielte wohl manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht mit Gewalt zu pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß er mit den bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in den versperrten Schoß erzwingen. So wartete er zu; doch fachte das lange Warten seine Brunst immer höher.
Er schickte den Damen, abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne Geschenke. Der Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer schwieg, so daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige, dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fern und melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloß und auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten Damen Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke überbrachte, fraß er an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen tiefen, wüstentraurigen Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth Salomea, wie sie seine dringlichen und ungebührlichen Blicke gewahrte, lachte ihm nur hell und backfischhaft empfindungslos ins Gesicht.
Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide töricht und maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig gewesen wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig in der Bewunderung seiner mannigfachen Gaben. Während die Mutter sein Genie pries, sie hatte längst erkannt, daß er im Herzogtum regierte und nicht Karl Alexander, und während sie ihn rühmte, wie er so gewaltig, furchtbar und gefürchtet und doch liebenswert sei, fand die Tochter ihn männlich, kraftvoll und gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie anders war er als der ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber auch als die lauten, brutalen Offiziers. Und aneinanderlehnend, gleich Schwestern, himmelten sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die beiden ersten Männer des Landes, der Herzog und der Jud, sie hofierten, während der Expeditionsrat unbehaglich schwieg.
Süß hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch er lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für seine Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte sich, sie so zu leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen.
Es begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses genannt. Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn von dort mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier erworben. Wie immer, das Auge des Paradieses war der schönste und reinste Stein seiner Art in Europa. Der Großwesir wollte einen ungeheuren Preis dafür zahlen; bevor aber der Schatz wieder ins Morgenland entschwand, fragte der Amsterdamer Händler bei den großen Herren der Christenheit an, ob keiner den Preis des Heiden überbiete.
Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl Alexanders rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß der Stein jetzt feil sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk präsentiere, der erweise, daß er sie wirklich liebe; wer einen solchen Preis biete, an den sei keiner Dame Gunst verschleudert.
Es geschah, wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die Demoiselle Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, und was er kosten könne. Ei, das sei wohl ein Demant und große Köstlichkeit, sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und streckte begehrlich den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch was er koste! Und er nannte den Preis, den der Großwesir geboten. Fünf Herrschaften hätte man und die zugehörigen Dörfer dafür kaufen können. Karl Alexander stutzte, wie er die ungeheure Summe hörte, und gab den Auftrag nicht.
Er ahnte, er wußte sehr wohl, wer in dem zarten, blonden Kopf die begehrliche Laune angezündet hatte. Aber er war kein Narr, daß er das gewaltige Geld – was konnte man Land und Soldaten darum kaufen! – hinwarf für ein Weib, das er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett schmeißen können; und durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er Zeit, Galanterie und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt wird der Jud ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! Kann eine Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als dreckiger Knauser vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab dem Aufblühenden Ordre, den Stein zu erwerben.
Allein das Aug des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu dem Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wußte es nicht. Ein Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs unwahrscheinlich hoch überboten.