Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt Konferenzen, schrieb selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. Er stürzte sich in das katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. Kein Aderlaß hatte ihm, keine Schröpfkur der Doktoren Breyer und Seeger ihm geholfen, wenn der dumpfe Zorn über den Juden ihm das Blut dick und schwer zu Kopfe steigen machte. Jetzt hatte er ein vages Gefühl, es könne ihn das katholische Projekt frei und los machen.

Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die himmlische Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen Kirche bekannt hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis und ein Sack voll Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher freigeistiger Scherze nicht geneigt zu einem prinzipiellen und bedingungslosen à la mode-Atheismus. Er fühlte sich in den Riten der Kirche sehr behaglich, einem Soldaten und großen Herrn stand aus mancherlei Gründen diese Religion viel schöner an, insonderheit paßte der prunkvolle Glaube viel besser zu den reichen und prächtigen Uniformen, die er liebte. Auch war es bequem, dem milden und behäbigen Pater Kaspar zuweilen zu beichten, obzwar man seine heimlichsten und sündigsten Gedanken einem andern schwerlich sagen, ja für sich selber kaum ein zweites Mal recht packen konnte.

Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als praktische Vorbedingung einer von Kaiser und Rom unterstützten schwäbischen Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann sich ihm der erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu vernebeln. Er sah sich im Dienst einer großen, göttlichen Idee; die Macht, um die er rang, war etwas Heiliges, der Kampf um sie Gottesdienst. Er wurde zur Freude Pater Kaspars und der befreundeten geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und strenger in der Befolgung der Bräuche.

Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu gestehen, in solchem Gottesdienst eine Sühnung sah für seine seltsame, haßvolle, unzerstörbare Neigung zu dem Juden. Mit verschmitzter, von den Jesuiten erlernter Rabulistik machte er sich vor, er habe den Juden aus politischen Gründen nötig, nur darum toleriere er seine aufreizende Gegenwart. Sowie er aber am Ziel sei, werde er den Kujon am Kopf packen und auf die Festung setzen. Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er den Triumph der Kirche in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich belohnen und ihn lösen aus der peinvollen Bindung mit dem Juden.

Oh, er hätte nicht sollen des jüdischen Magus Orakel anrufen und annehmen. Er hatte das zweite angenommen, nun brannte ihn jenes: „Das erste sage ich Euch nicht.“ Er schrieb dringlich an seinen Freund, den Fürstabt von Einsiedeln in der Schweiz, daß der, selber ein großer Astrolog, ihm einen katholischen Stern- und Zeichendeuter schicke. Bald auch traf ein solcher Magus ein. Er war sehr anders als der Kabbalist. Der hatte in Tracht und Gewese nichts Ungewöhnliches gehabt und doch war jedem, der ihn sah, fremd und unbehaglich zumut geworden. Der Magus des Fürstabts aber rückte an mit allem Prunk und Gerät des professionellen Schwarzkünstlers. Er brachte Gestelle, Dreiecke, Fernrohre, Kolben, zauberische Hufeisen mit, verlangte ein einsames Turmzimmer, stieg nächtlich in vielfigurigem Hemd auf das Dach des Schlosses unter seltsamen Beschwörungen, ließ Erde vom Gottesacker holen, sammelte Fensterschweiß bei zunehmendem Mond, brannte Espen zu Kohlen und trieb dergleichen wunderliche Hantierung mehr. Oft auch klang um Mitternacht wildes Getöse aus seinem Zimmer, und den trotz aller Bangnis neugierig lauschenden Lakaien war es, als brause schellenklingelnd mit dickem Rollgeschirr ein Pferd durchs Fenster. Der Astrolog versprach dem Herzog, ihm für sein vorhabendes Unternehmen den sternrechten Tag, ja die Stunde aufs genaueste anzugeben. Der Herzog verhehlte sich nicht, daß der Mensch mit all seinem Zauber ihm weniger Eindruck und Zutrauen gab als mit seiner stillen, unauffälligen Gegenwart der Kabbalist; und als Süß ihm, den Astrologen geradezu ins Gesicht höhnend, auf eine Kanone wies: „Herr Herzog, dies sind die besten Stern- und Zeichendeuter,“ lachte er schallend mit. Dennoch fühlte er, nun er den christlichen Weisen berufen, sein Gewissen ruhiger; übrigens war aus dem jüdischen Hexer ohnedies nichts mehr herauszukriegen.

Karl Alexander hatte, trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung nicht widerstehen können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu probieren, die der Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte, wohl auch in Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuß. Immer wütiger sich in das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen bald ganz vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten auf ihren zarten Pastellgesichtern den Kummer nicht verstecken, insonderheit die Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat knirschte vor sich hin jenen Vers aus der Komödie, darin er die Napolitanerin kennengelernt: „Die Schönheit, die uns lockt, ist Huld und süßes Wunder; die Schönheit, die gekost’t, ist wüster Dreck und Plunder,“ und er wußte nicht, wie er sich verhalten solle. Er schäumte, er dachte jetzt ernstlich daran, sich auf sein Gut bei Heilbronn zurückzuziehen, und selbst als er avancierte, knurrte sein Zorn noch leise nach.

Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen Damen den Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie immer vor der Schwelle gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, und in jener schlimmeren, da Elisabeth Salomea zu dem Herzog gekommen war. Er hatte nicht geschlafen in jener zweiten Nacht, er hatte, vor der Schwelle kauernd, scharfhörig auf jeden leisesten Laut gelauscht, und als Elisabeth Salomea das Schloß verließ, verwandelte sich im Rücken des sie geleitenden, lärmenden Herzogs plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und er starrte Karl Alexander mit so wildem, tierhaftem Haß nach, daß der in unwillkürlicher Abwehr den Rücken rundete.

Der Schwarzbraune wußte sehr gut alle Zusammenhänge. Er wußte, von wem Elisabeth Salomea das Aug des Paradieses hatte, und er wußte, was dieser Besitz bedeutete. Wunderlicherweise haßte er nicht den Süß darum; ja, er spürte eine sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie zuerst gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Haß gegen Karl Alexander.

Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er glaubte wohl auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären nicht mehr als ein Tier, und hatte nichts Heimliches vor ihm. Wo Karl Alexander war, stand, saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in einer Ecke Otman; des Nachts sogar lag er in einem Winkel des Schlafzimmers oder vor der Tür. Er war aber ein viel besserer Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und Ohr gut auf und konnte sich auch Abliegendes sehr wohl zusammenreimen. Auf seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei Süß, auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm diese und jene Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht wissen konnte und sollte. Und dann schauten die beiden Männer sich an, die fliegenden, jetzt minder gewölbten Augen des einen gingen in die stillen, tierhaften des andern, und in beider Augen war das gleiche, wilde, zähe Hassen.

Einige stillere Tage nutzte Süß, nach Hirsau zu fahren. Das weiße Haus lag jetzt ganz schweigsam. Rabbi Gabriel sprach kein Wort; die Männer begrüßten sich, sonst sahen sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang es dem Rabbi den Mund auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein Gesicht, Josef.“