In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war nichts von der erhofften Seligkeit, sondern nur Druck und Wirrung. Magdalen Sibylle zwar fand er frei von jeder Hoffart, und war alles böser Schwatz gewesen, womit man vermeint hatte, sie zu verleumden und zu schwärzen; aber es war auch nichts mehr da von jener heiligen und beglückenden Heimlichkeit, von jenem strahlenden Anderssein, das früher um sie gewesen war und ihn hochgetragen hatte. Sein Gefühl blühte nicht mehr in ihrer Gegenwart, es blieb kahl, dies engte ihn und verwirrte ihn. War sie doch so untadelig, bieder, brav, fromm. Daß seine Ernüchterung gerade daraus kam, gestand er sich nicht ein.
Nie geahnte Qual und Wirrung aber brachte ihm seine Tätigkeit bei Süß. Er hatte reichlich Muße; denn es waren außer ihm und Nicklas Pfäffle noch zwei Sekretäre da für die weitläufige Privatkorrespondenz des Finanzdirektors. Süß befahl ihn also nur sehr spärlich zu sich. Dann aber diktierte er ihm Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so beschaffene, daß sie auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum Verderb evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun mußten. Akten, von denen jede Zeile den Herzog und den Finanzdirektor schwer kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die heimlichsten, wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischen Projekts in die Hand gaben.
Taumelig drehte und wirbelte es dem unseligen Jaakob Polykarp Schober das ganze Innere. Süß diktierte seine schwarzen, ruchlosen Heimlichkeiten mit glatter, unbewegter Stirn und Stimme; er mußte unbegrenztes Vertrauen in seinen Sekretär setzen. Schober war bei ihm in Amt und Pflicht. Sollte er nun hingehen, wortbrüchig sein, seine Wissenschaft verraten, das Vertrauen des Juden kalt beschwindeln? Es war freilich nur ein Jud: aber hatte dann nicht jeder Lump und Hundsfott ein Recht, ihn, den Schober, einen Schurken und zweizüngigen Schuft zu nennen? Wenn er aber hinwiederum schweigend zusah, wie der Glaube und die Freiheit seines Landes arglistig und schmählich zu Tode gedrosselt und viele hunderttausend evangelische Seelen in den Pfuhl und letzten Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann nicht noch mehr ein Schelm und Verdammter?
Gezwickt und zerfetzt von allen Hunden des Zweifels war der Magister. Wie erwählt war er sich in Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung hatte, von Gott an den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu werden. Und nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so grausame, zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen Seele retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein geschorener Hund. Er fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des Tags, wechselnd mit kaltem Schweiß, des Nachts trieb es ihn schlaflos hoch, daß er aufstand, über die alte, häßliche Katze stolpernd, stöhnend auf und ab lief.
Er ging zur Beata Sturmin, bat sie zu däumeln. Die blinde Heilige schlug auf: „Und die Kinder Israels brachen auf von Rithma und lagerten in Rimon Perez.“ Der Magister dachte lang und scharf nach, was darunter verstanden sei, und erkannte: Rithma war das, was er lassen, Rimon Perez das, was er tun sollte. Aber er brachte nicht heraus, war Rithma der Treubruch gegen den Juden und Rimon Perez die Erlösung der evangelischen Brüder, oder umgekehrt. Und er lebte weiter in Schweiß und Zweifel und arger Not und wog Tag und Nacht das Seelenheil des ganzen Landes in seinen dicken, unwissenden, unentschlossenen Händen.
Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend entließ Karl Alexander die Herren, denen er die Leitung des katholischen Projekts anvertraut hatte, aus der geheimen Sitzung. Den Juden hielt er mit ungeduldigem Wink zurück. „Er hat gar nichts gesagt, Jud!“ herrschte er den höflich Abwartenden an.
„Es war nicht wert, daß man antwortete,“ erwiderte Süß und wischte mit einer leichten Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet war.
Karl Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der Jud recht hatte.
Der nahm ihm, schon wieder, die Gedanken aus dem Hirn, formulierte sie. „Die Herren tifteln herum,“ sagte er mit seiner geschmeidigen, höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den Spinnwebfaden, haben keinen Blick fürs Ganze. Was wissen denn die!“ Und sein Ton verwies sie in die unterste Region der Dummheit und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme, mit fadenscheinigen Advokatenkniffen den Reversalien da ein Komma wegzupraktizieren und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige Krämermethoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns Gott gegeben und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch abgezwackt hat, wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit der Herr des Landes. Wir sind Württemberg! Aber davor zucken die Herren feig und lahmarschig zurück. Das verstehen sie nicht, da schütteln sie die Köpfe und haben Bedenken und Zungenschnalz und Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist ihnen zu einfach, zu groß, zu fürstlich, zu königlich.“
Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, den er gegen den Juden nährte, spürte wieder, daß nur der ihn verstand, daß nur der wußte, worauf es ankam. Mit einer widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich, daß er nur durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende führen können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände nahm, das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem fanatisch schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte Mühe lächerlich, mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe Erfolge zettelten. Was überhaupt wußten denn die anderen? Für sie war das katholische Projekt ein Geschäft, eine Aufgabe, eine lebenswichtige Aufgabe vielleicht. Aber daß es doch in Wahrheit viel mehr war, daß dieser Staatsstreich sein, Karl Alexanders, Leben und Sinn selber war, das wußten doch, spürten doch nur er und der Jude.