Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so hatte es unter dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm ins Blut gebrannt. Erst war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, Dekoration, nichts weiter; dann war es Mystik geworden, ersehnte Lösung aus einer Bindung, Religion. Jetzt hatte es sich verwandelt in sein Leben und Blut selber. Er wird jetzt, das ist der Sinn und Krone des Planes, das Land selber werden. Nicht ein Diener oder Fürst des Landes, nicht ein Gesetzgeber oder Feldherr, dies alles ist armseliges Gestümper und Unsinn. Er wird das Land ganz in sich hineinschlingen, wird so in das Land hineinschlüpfen, daß er das Land selber ist. Das Land kann nur atmen, wenn er atmet, schreiten, wenn er schreitet, wenn er stille steht, steht es still. Leibhaft geradezu, körperhaft ward ihm diese Vorstellung. Stuttgart ist sein Herz, der Neckar seine große Schlagader, das schwäbische Gebirg ist seine Brust, der schwäbische Wald sein Haar. Er ist Württemberg, leibhaft, Württemberg nichts als er.
So Großes, süß und bluthaft schwellend Lebendiges konnte nicht mit kleinen, kniffligen Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das gedacht? Hatte der Jude es gesprochen? Jedenfalls fuhr der jetzt fort: „Geniehaft und in Einem muß es gepackt sein. Auf solche Art muß es geschehen, daß das Land eines Morgens aufwacht und einfach in dem Herzog steckt, in seinem gottgewollten Fürsten, nichts ist als des Fürsten Haut und Fleisch und Blut. Nicht kleiner Kampf und Scharmützel und albernes, leidiges Hin und Her zuvor. Nein, selbstverständlich, naturhaft muß es geschehen, wie eine Knospe aufspringt, wenn sie soweit ist.“
Ja, ja, ja! Recht hat der Jud. Unmöglich ist es und unvorstellbar, daß man darum soll streiten und disputieren. Denn dann wäre er ein Hanswurst und alberner Fant und sein Leben Narretei und Gestümper und ein ausgeblasenes Ei. Aber das begriffen sie nicht, die Remchingen und Fichtel und Pancorbo. Sie waren treue Diener, gute Offiziers und gewitzte Diplomaten: doch das Genie, das Lebendige, um so etwas Wundervolles in seiner ganzen heiligen Selbstverständlichkeit zu fassen, das hatten sie nicht. Das hatte – es war verteufelt, es machte einem das Hirn sieden, aber es war nun einmal so – das hatte nur der Jude.
Es wurde nichts Wort von alledem zwischen dem Herzog und Süß. Aber es wellte vom einen zum andern, pulste ungesagt herüber, hinüber. So war es immer gewesen in diesen letzten Wochen. Es war Ein Leben in ihnen, der Jude antwortete wortlos durch die Tat auf wortloses Fragen, Heischen Karl Alexanders, es war, als atmete er die Luft aus, die jener einzog; sie waren Teile Eines Körpers, unlöslich verknüpft.
Immer wilder hatte der Jude die finstere, brünstige Sehnsucht des Fürsten geschürt nach dem Tag, da das Land sich in ihn wandeln solle und nichts mehr sein außer ihm, ihn hineingehetzt in seine Gottähnlichkeit, in seine cäsarisch hemmungslosen Träume, ihm sein ganzes schwelendes, fanatisches Feuer ins Blut gebrannt. Der vergiftete Fürst suchte gierig Bestätigung, neuen, wilderen Antrieb in dem heimlich einverständnisvollen Blick des Juden. Manchmal freilich, auf Augenblicke, tauchte er auf aus seinem Fieber, überlegte dann, wohinaus diese seltsame, hexerische Kumpanei führen solle. Es war unausdenkbar grauenhaft, auf Lebenszeit solchen unheimlichen Mitwisser seines Blutes und seiner vergrabensten Heimlichkeit zu haben. Man wußte selber kaum, was alles Trübes, Giftiges man zu unterst im Herzen trug, man stieß es hinunter, wenn es zutage drängte, gestand es sich selber nicht ein. Ein anderer gar, in den soviel von dem eigenen Dunkeln hinübergewachsen ist, es war nicht zu denken, daß so jemand am Tag ist, am Licht ist, lebt. Jetzt braucht er ihn, das Projekt kann nicht gewirkt werden ohne ihn; nur die heutige Sitzung wieder hat es erwiesen. Aber ist es erst gewirkt, dann wird er ihn stumm machen, vergraben wird er ihn in den tiefsten Kasematten irgendeiner Festung, wie man das Wilde, Verderbliche, Ur-Böse des eigenen Herzens nicht ans Licht läßt.
Er sah hinüber zu dem Juden, mißtrauisch, haßerfüllt. Wußte der nicht schon wieder um diese seine Gedanken? „Setz Er also das Reskript auf, wie Er es für gut hält!“ herrschte er ihn an. Süß neigte sich höflich, beflissen vor dem Atmenden, Erhitzten. Aber in seinen Augen wölkte dunkle, höhnische, wölfische, triumphsichere Erwartung.
Das Land wälzte sich stöhnend, in kaum mehr erträglicher Spannung und Beklommenheit. Es war klar, daß die Katholischen mit ihren Vorbereitungen fast am Ende waren und in allernächster Zeit schon losschlagen würden. Ueberall häufte sich Bedrohliches, das keine bloßen Vermutungen mehr erlaubte, sondern auch dem Sorglosen Gewißheit aufzwang. In der Nähe der Grenzen wurde allerorts fremdes Militär zusammengezogen, bayrisches, würzburgisches. Der Elfer-Ausschuß hatte sichere Nachricht, daß dem Herzog neunzehntausend Mann Hilfsvölker allein von Würzburg zugesagt waren; ihre Vorhut stand bereits in Mergentheim, dem Sitz des Deutschmeisterordens, wartete dort auf Befehl zum Vormarsch. Auch im Land selbst mehrten sich Soldaten, die fremde Dialekte sprachen, bayrische, fränkische. Sie marschierten des Nachts in kleinen Trupps. Die herzoglichen Schlösser und Forts barsten von Truppen. Alle Festungen, Asperg, Neuffen, Urach, Hohentwiel, das starke Schloß Tübingen waren mit den Künsten modernster Strategie instand gesetzt worden; der schlechte Weg auf den Asperg mußte in Tag- und Nachtschichten in der Fron ausgebessert werden. Ein glänzend organisierter Nachrichtendienst durch besondere Kuriere, die Vogtläufer, besorgte die Verbindung zwischen den einzelnen Festungen. Die Pulvermühlen des Landes, vor allem die ausgedehnte Fabrik des Hans Semminger, arbeiteten Tag und Nacht, Schieß- und Zündkraut herzustellen. In endlosen Transporten wurden Kanonen und Munition herbeigeschafft; das Volk, wenn es die geheimnisvollen Wagen sah, behauptete, sie enthielten lauter Rosenkränze für die vorhabende Bekehrung; aber sie bargen andere Kugeln.
Einer jener Vogtläufer, ein gewisser Bilhuber, geriet in der Nähe von Nürtingen ins Geräufe mit Johannes Kraus, dem Sohn des Stuttgarter Stadtmetzgers. Dabei nahm der Bürgerssohn dem Kurier seine Depeschen ab, Schriftstücke, die vom Eintreffen fremder Hilfsvölker handelten und die staatsverräterischen Pläne der Katholischen ins hellste Licht rückten. Der Herzog wollte den Kraus verhaften lassen. Doch der hatte sich schon nach der freien Reichsstadt Reutlingen und ein paar Tage später nach der Reichsstadt Eßlingen geflüchtet, wo sich eine größere Kolonie verfolgter verfassungstreuer Emigranten aus herzoglichem Gebiet gesammelt hatte.
Kraus hatte die kompromittierenden Depeschen dem Bürgermeister von Stuttgart übergeben, der parlamentarische Ausschuß ließ sie vervielfältigen, verbreitete sie im Volk. Dieser Beweis der unmittelbaren Bedrohung des Glaubens stieß auch die Ruhigsten aus ihrem Frieden. Ueberall bildeten sich Konventikel und Geheimbünde zur Erhaltung der Religion, Bürger und Bauer versahen sich insgeheim mit Waffen, die beherzte Zunft der Schuhmacher und Küfer in der Hauptstadt entlehnte sich von den Zunftgenossen der Freistadt Eßlingen Schrot- und Standbüchsen; aus dem Stuttgarter Zeughaus sogar verschwanden mehrmals Waffen in größeren Stapeln auf rätselhafte Art, die friedfertigsten Kleinbürger aber wiesen plötzlich schmunzelnd und mit ängstlichem Stolz ihren Freunden versteckte Gewehre. So hochauf gor es, daß der Herzog seine persönlichen Garden verstärken, den Erbprinzen außer Landes zu seinem Großvater, dem Fürsten von Thurn und Taxis, in die kaiserlichen Niederlande schaffen lassen mußte. Selbstverständlich erwog Karl Alexander unter solchen Umständen eine gewaltsame, methodische Entwaffnung des ganzen Landes; er bereitete ein Edikt vor, das unter dem Vorwand des zunehmenden Wilderns eine solche Entwaffnung anordnete. Aber das Waffentragen gehörte zu den bürgerlichen Grundrechten, war in der Verfassung festgelegt; wollte man Bürgerkrieg vermeiden, so mußte man mit der Veröffentlichung des Edikts bis zur Durchführung des Staatsstreichs warten.
Doch konnte der Herzog wenigstens bei der berittenen Stuttgarter Bürgergarde die Einstellung der Waffenübungen erzwingen. Kommandant dieser stärksten Miliz-Gruppe des Herzogtums war der Major von Röder, jener Offizier aus dem intimsten Freundeskreis Karl Alexanders. Er war guter Protestant und gleichzeitig Remchingens bester Adjutant bei der militärischen Organisation des katholischen Projekts. Der dumpfe, enge Mann fand den geplanten Staatsstreich durchaus in der Ordnung, verstand nicht die Aufregung ringsum, sah überall nur Verhetzung und bösen Willen. Wenn der Herzog mehr Raum für die Katholiken haben wollte, warum denn nicht? Das Land war groß, Platz für Kirchen war da. Verfassung? Parlament? Freiheit? Unsinn. Wichtigmacherei, aufmuckende Pöbelfaulheit, die mehr fressen und weniger arbeiten wollte. Was schrien denn die Burschen? Er war doch, Kreuztürken! ein guter Protestant, und hatte ihn doch noch nie jemand im geringsten gehindert. Konnte jedermann in die Kirche gehen, wann und wie es ihm beliebte, und die Herren Ueberschläge – so nannte er die Prälaten und Prediger – nahmen, weiß Gott, das Maul voll genug, ohne daß sie der Herzog und sein Kabinett genierten und schikanierten. Die Welt war so einfach. Man mußte nur ein bißchen guten Willen haben, treu sein, brav sein und vor allem seinem gottgewollten Fürsten gehorsamen. Merkwürdig war, daß Herr von Röder trotz solcher Anschauungen, seiner intimen Freundschaft mit dem Herzog, der führenden Stellung im katholischen Projekt beim Volk zunehmend beliebt war. Seine plumpen, banalen Scherze wurden weitererzählt, Anekdoten herumgetragen und beifällig belacht, die von einer gewissen grobianischen Leutseligkeit zeugten. Jedenfalls hatte, wie es zuweilen kommt, das Volk ohne ersichtlichen Grund auf den massigen Mann mit der niederen Stirn, dem harten Mund, den unförmigen, immer behandschuhten Händen, der brutal rissigen Stimme seine ganzen Sympathien geworfen; er war fraglos der populärste Militär in Stuttgart. Seiner Beliebtheit war es zu danken, daß die Einstellung der Waffenübungen des Stadtreiterkorps nicht zu Tumulten führte.