Unterdes lag jeder Winkel der Stadt in dumpfer Spannung. Die oberste Kirchenbehörde ordnete eine allgemeine Buß- und Betwoche an. Viele machten ihr Testament. Am Sonntag Judica drängten sich solche Massen zum Genuß des Abendmahls, daß die Kirchen lang in die Nacht hinein erleuchtet bleiben mußten. Das Parlament organisierte einen sorgfältigen Nachrichtendienst, schickte Fronreitende durch das Land nach allen Richtungen, auf Kundschaft, ob fremdes Kriegsvolk im Anzug sei. Erhielt auch bald aus Wimpfen Meldung, der bischöfliche Vortrab in Mergentheim habe das Komtureigebiet verlassen in der Richtung Ellwangen, das gleiche besagten Depeschen aus dem Hohenlohischen.
An jenem Sonntag Judica hatte der Stadtdekan Johann Konrad Rieger so wuchtig gepredigt wie noch nie. Prophetenhaft hatte er von dem Greuel gesprochen derer, so die heiligen Tafeln des evangelischen Glaubens und christlicher Freiheit zerbrechen, er hatte allen eindringlich und bedeutend die ungeheure Verantwortung vor Augen gestellt, die diejenigen, so solches unternahmen, vor Gott und Welt und Römischem Reich auf sich luden. Hatte dann rollend und mannhaft gewarnt, auch in der Hand des Schwächeren werde die ärmste Waffe stark und furchtbar, wenn Gott sie führe. Zum Ende aber hatte er, allen Samt seines glatten, dunklen, langhinhallenden Organs vor die andächtige Gemeinde breitend, zur Buße und Einkehr gemahnt mit großen, starken Worten, daß in der weiten Stiftskirche ein Schluchzen war und mächtige Ergriffenheit.
In der ganzen Stadt sprach man von dieser Predigt. Grimmig fiel solcher Triumph des Nebenbuhlers den Regierungsrat Johann Jaakob Moser an, und in einer Nacht ohne Schlaf beschloß der Publizist, nun seinerseits zum Volk zu sprechen. Aber er wird es sich nicht so leicht und billig machen wie der Prediger, wird nicht die Weihe des Hauses als wohlfeile Folie verwenden wie jener; nein, auf offenem, freiem Platz wird er zu den Bürgern sprechen, die Schergen des Herzogs nicht scheuend. Hin und her ging er in seiner Studierstube, konzipierend, mit heftigen, großen Gesten, rundete die herzaufwühlenden Worte, dünkte sich ein Gracchus, ein Harmodius oder Aristogiton, ein Marcus Junius Brutus, warf mit statuarischer Bewegung die Falten einer imaginären Toga.
Er erhitzte sich mehr und mehr, Blut drang ihm zu Kopf, Schweiß brach aus. Er führte solche Hitze zurück auf schlechte Verdauung; vielleicht hatte er des Mittags zuviel Heidelbeerwein getrunken, so daß der an sich träge Darm jetzt den Dienst ganz versagte. Er sprach seiner Frau von seinen Beschwerden, denn er hielt besorgt auf Hygiene, und die ängstliche Frau richtete ihm einen Trank Glaubersalzes zurecht. Er nahm dann wieder die Beschäftigung mit seiner vorhabenden Rede auf, und im Verein mit der damit verbundenen heftigen Bewegung tat denn auch die Medizin die gewünschte Wirkung.
Andern Tages sammelte er dunkel und bedeutend eine Menge Volkes um sich. Rottierer und Demonstrierer mußten öfters auseinandergesprengt werden in diesen letzten Tagen; es zeigten sich sogleich und drohend herzogliche Wachoffiziere, Büttel, Landhusaren. Der Publizist fühlte sich schon gröblich gepackt, in die ewige Nacht der Kasematten geschleppt. Aber er holte all seinen Mut zusammen und setzte mit krampfhafter Todesverachtung zu reden an, als es ihm im Leib öde wurde, kneipte und stach. Sei es durch die Nachwirkung der Medizin vom Vorabend, sei es, daß durch die gewaltsam erkämpfte Tapferkeit seine Natur eben doch durchbrach: er mußte vom Platz weichen, unter den höhnischen Augen der Herzoglichen und ohne den Ruhm des Konkurrenten. Andern Tages, in dem amaranthfarbenen Kabinett Marie Augustens, hielt er dann die Rede, um soviel Feuer nicht ganz unnütz gesammelt zu haben, vor ihr und Magdalen Sibylle. Die saß schlicht, friedsam und etwas behäbig, Marie Auguste aber, weiß und hauchig im Negligé, blätterte im Mercure galant, hetzte manchmal heimlich, spitzbübisch lächelnd, ihr winziges Chineserhündchen gegen die Beine des Redners; doch der, ein wenig schwitzend zwar, ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.
In ihrer Not und Bedrängnis beschloß die Bürgerschaft, nochmals eine Deputation zum Herzog zu schicken, ernst, doch mit Untertanendemut, ihm Vorstellungen zu machen. Um Karl Alexander nicht zu reizen, sandte man keine Mitglieder des Elfer-Ausschusses, deren bloßer Anblick schon ihn rasen machte, sondern drei stille, würdige Bürger, gesetzt von Ansehen und Gemüt. Sie fuhren nach Ludwigsburg, wo der Herzog seine Rüstungen betrieb. Bevor sie ins Schloß aufbrachen, nahmen sie Imbiß und ein Glas Wein im Gasthof. Der eine sagte: „Das ist eine kleine Stärkung vor einem so schweren Gang.“ „Wenn des Herzogs Gemüt so trüb ist wie heute der Tag,“ sagte der zweite, „dann scheint uns keine Sonne.“ „Sei alles Gott befohlen!“ sagte der dritte.
Vor der Türe des Saals, in dem Karl Alexander sie empfing, hockte Otman, der Schwarzbraune. Er hörte dumpf die wutschnaubende, heisere Stimme des Fürsten: „Ketzer, Mörder, Hochverräter!“ Fußgestampf dann, nach und nach endigend. Nach wenigen Minuten schon sah er die Männer zurückkehren, zweie erst, sehr bald auch den dritten. Er sah sehr wohl, wie verschreckt und verstört sie waren, er sah ihnen nach mit seinen großen, bräunlichen Tieraugen, und er lächelte tief und leise. Hastig stiegen die Männer die Treppe hinab, sprangen in die wartende Kutsche, nahmen sich nicht die Zeit, ein herausgefallenes Barett aufzuheben. Sie saßen schweigsam während der Fahrt, nur der Aelteste, einmal, betete laut und aus großer Bedrängnis: „Herr Zebaoth, aus der Tiefe schreien wir zu dir, laß uns Hilfe kommen aus deinen Bergen.“ In Stuttgart warteten viele auf die Rückkehr der Deputierten. Als sie die Gesichter sahen, zerstreuten sie sich kopfhängend und mit gepreßter Brust.
Sehr anders als das herzogliche Gebiet protestierten die freien Städte gegen die Umtriebe der Katholischen. Besonders in Eßlingen wurde Karl Alexander jetzt Tag für Tag öffentlich beschimpft und verhöhnt. Hier war eine größere Kolonie von Emigranten aus dem Herzoglichen, von Unterdrückten, widerrechtlich Beraubten, Vertriebenen. Johannes Kraus hatte sich hergeflüchtet, der junge Michael Koppenhöfer saß hier, der uralte Christoph Adam Schertlin, den nur mehr der Haß aufrechthielt. Der fressende, Eingeweide aufwühlende Hohn dieser aller, ihre giftigen, glühenden, schwelenden Reden. Aengstlich in ihre Häuser verschlossen sich die paar Anhänger des Herzogs; etwelche Katholiken auf der Durchreise wurden verprügelt. Den Expeditionsrat Fischer, früher Kammerfiskal, Vater der Sophie Fischerin, der abgedankten Mätresse des Süß, der in Geschäften in der Stadt war, wollten Eßlinger Bürgersöhne, nachdem sie ihm in seinem Gasthof eine Katzenmusik gebracht hatten, lynchen; nur mit Mühe konnte die Stadtwache den aus dem Bett Geschreckten, notdürftig Bekleideten schützen, in aller Hast brachte sie den fetten, schlotternden Mann aus dem Bannkreis der Stadt.
Zum Skandal und offenen Konflikt mit dem Herzog kam es am Sonntag der Buß- und Betwoche. In der Nacht vorher hatten, von der sich blind stellenden Stadtpolizei unbehelligt, junge Burschen zwei Strohpuppen, als der Herzog und sein Jud gekennzeichnet, an den Schandpfahl gebunden, diffamierende, unflätige Inschriften dazugeschrieben. Den ganzen Sonntag beschaute sich lachend, gröhlend, hänselnd, schreiend, pfeifend, mit schenkelschlagendem Behagen vom Greis bis zum Hosenmatz die ganze Stadt das Schandwerk. Gegen Abend dann wurde ein Scheiterhaufen errichtet, die Puppen feierlich darauf gefesselt, ein paar jener Bilder, auf denen der Herzog mit seinen siebenhundert Axtmännern Belgrad stürmt, mit Kot beschmiert, um die Puppen gereiht, das Ganze schließlich mit parodistischem Zeremoniell angezündet. Loh brannten die Puppen, gellend kreischte das entzückte Volk, drehte sich, puffte sich, krümmte sich in jaulendem, japsendem Vergnügen.
In der Menge stand der junge Michael Koppenhöfer, die starkblauen Augen in dem bräunlichen Gesicht brannten Begeisterung, tief atmete er: Oh, daß alle Tyrannen so endeten! In der Menge stand der alte Christoph Adam Schertlin, dunkel rasselte es aus seinem dürren Hals, sein Rohrstock stieß gegen den Boden, rhythmisch wie im Tanz, sein mumienbraunes, zerbröckelndes Gesicht war wild übersonnt vom Haß. In der Menge stand, schön und fremd, die Frau des Johann Ulrich Schertlin, die Französin, die Waldenserin. Sie war ärmlich gekleidet, ihr Mann war nun ganz verkommen, versoffen und ausgehaust, aber sie trug den Kopf mit dem kurzen, roten Mund so hoch wie immer. Aus den länglichen Augen warf sie hochmütige Blicke auf das gelle, kreischende Volk, das die Puppen verbrannte und den Rücken krumm machte vor dem Urbild; ihre Nachbarin richtete das Wort an sie; sie schaute fremd, verächtlich an ihr hinunter, sagte nichts, verließ langsam den Platz, mit gefeilten, kostbaren, hoffärtigen Schritten.