In der großen, nüchternen, kahlen Stube der Beata Sturmin saßen um die blinde Heilige Magdalen Sibylle, Johann Konrad Rieger, der Prediger, sein Bruder Immanuel, der Expeditionsrat, der Magister Schober. Magdalen Sibylle trug ein hechtgraues Kleid, sehr kostbar von Stoff und sehr schlicht von Ausführung und Schnitt. Sie war behäbiger geworden, die starkblauen Augen stumpfer, die bräunlichen Wangen schlaffer, alle Glieder träger. Leicht fett und zufrieden fast saß sie, eine Bürgersfrau, und hörte aufmerksam dem Stiftsdekan zu, der von seiner Predigt erzählte, von ihrer starken, gottgefälligen Wirkung, und Partien daraus wiederholte, jetzt noch hallender, geübter.

Bescheiden in seiner Ecke saß Jaakob Polykarp Schober. Der arme, gehetzte Mensch, leidend an seiner zwielichtigen Stellung bei Süß, an dem Hin und Her seines Gewissens, wollte hier ein wenig Ruhe finden vor der Unrast der eigenen Brust. Er hatte ein Gedicht gemacht, in dem er sich mit dem toten Gemahl Johannas der Wahnsinnigen verglich. Den schleppte die Fürstin im Sarg durch alles Land, an Stelle des Herzens hatte sie eine tickende Uhr setzen lassen, das Leben vorzutäuschen. So tickte ihm immerfort das Gewissen; nur hier bei den stillen, frommen Brüdern und Schwestern fand er ein wenig Ruhe. Er schaute aus seiner Ecke auf den Prediger, der auf und ab schritt, deklamierend, ausgefüllt, er schaute von ihm auf die blinde Heilige, die sanft, grau, farblos hockte und hörte, er schaute von ihr auf den Expeditionsrat Immanuel, der ehrfurchtsvoll an den Lippen seines großen und bedeutenden Bruders hing. Er sah aber auch aus seiner Ecke, wie bei aller Verehrung das Aug des hageren, bescheidenen, trotz des auffallenden Schnurrbarts unscheinbaren Mannes langsam von dem Bruder abließ, hinüber zu Magdalen Sibylle glitt, tierhaft ergeben auf ihr verweilte, die behäbig, fast matronenhaft dasaß, die großen, etwas fetten und doch kindlichen Hände lässig in dem mächtigen Schoß des weiten, hechtsilbernen Kleides. Er sah diesen demütig begehrenden Blick, er deutete diesen Blick, und langsam sah er einen Weg, seine Gewissensqual durch eine schwere, gottgefällige Tat ein weniges sanfter zu machen. Hatte er nicht durch seine ehrbare und submisse Verehrung der Demoiselle während der langen Hirsauer Jahre ein sicheres Anrecht auf sie? Aber er wird sich bescheiden, er wird, so schwer ihm das fällt, seinen Wünschen keine Statt mehr geben, er wird resignieren und dem Herrn und Bruder Immanuel Rieger den Weg ganz und gar frei lassen.

Unterdes hatte der Stiftsdekan seine Predigt und Erzählung geendet und nun ereignete sich etwas Seltsames. Magdalen Sibylle sagte nämlich, und dies mit großer Selbstverständlichkeit, ohne Hemmung und Ziererei, sie habe, angeregt durch das Exempel des lieben Bruders Jaakob Polykarp Schober, auch ihrerseits Verse gemacht. Und jetzt werde sie den Brüdern und der frommen Schwester ihre Carmina vorlesen. Was sie dann las, waren unbeschwingte, triste, banale, kahl und schal moralisierende Reimereien. Die Hörer aber merkten nichts von der Oede dieser Poemata, sie ließen sich schlicht und ehrlich packen, und dem Expeditionsrat Immanuel Rieger liefen vor Weichmut und Verehrung die Tränen über den Schnurrbart.

Als sie dann gingen, schloß sich der Magister dem Expeditionsrat an. Der schwärmte in seiner nüchternen, hilflosen Art von Magdalen Sibylle. Da raffte sich Schober zusammen, schluckte und teilte, sehr gerührt, dem andern Entschluß und Verzicht mit. Die blassen Augen des Expeditionsrats feuchteten sich, mit seiner dünnen, von Bewegtheit fast gelähmten Stimme fragte er den Freund, ob er denn glaube, daß da irgendeine Möglichkeit sei; wenn er die Augen zu ihr aufhebt, wird sich diese große, erhabene, illustre Frau nicht erstaunt und mit befremdeter Mißbilligung von soviel Vermessenheit abwenden? Aber Schober glaubte ihn trösten zu dürfen, und er war beglückt.

Magdalen Sibylle hörte seinen gestotterten Antrag ernst, doch nicht mißwollend an. Sie erbat sich Bedenkzeit, setzte sich dann hin, um in Versen zu antworten. So am Schreibtisch zu sitzen, wartend auf Reim und Rhythmus, das waren jetzt ihre besten Stunden. Das trug, das hob, das fügte sich. Irgendwo, verschwommen, dachte sie: Im Anfang war das Wort; das Wort ist Gott. Wie hold, sich vom fließenden Wort tragen zu lassen, auf Reim und Gleichmaß schwimmend in endloses Geträume, in Gott zu tauchen. Die Welt war ohne Ordnung, ohne Maß und Fug, war wild, dumm, sinnlos, schmutzig. Hier war Sinn und Fug und Reinheit, hier glitt man sänftlich weg über alles Aufwühlende, über Schlamm und bedrohliche Tiefe, plätschernd, leicht träumend. Die Hitze, die einem früher das Blut vergiftete, verdampfte harmlos-lau und behaglich in dem glatten, schaukelnden Auf und Nieder. Die Gipfel und die Schlünde der Welt ebneten sich, verebbten in platten, sehr korrekten Alexandrinern.

So saß sie auch heute, dem Immanuel Rieger antwortend. Ihre Gedanken und lässigen Triebe glitten sanft hoch und nieder, rundeten sich schließlich in einem vielwortigen, umständlichen, schlechten, ernsthaften Poem zu einem erst zögernden, dann immer festeren Ja. Die Reime häuften lang und ausführlich alle Argumente für und wider, ergingen sich über Freiheit und Verantwortung, priesen Gesetz, Ordnung, Stille, gefestigte Begrenzung.

Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten sich ihr die Glieder, sie sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich, spürte sich von einer dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch überrieselt wie von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie, was für ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber rasch schob sie als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit sich finsternder Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur Nüchternheit schrieb sie die Verse zu Ende.

Solche Mariage der Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre Verbürgerlichung aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog ärgerte sich, daß nun ein so alberner kleiner Pedant und Subalterner für alle Zeit offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war er nie gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft Würtingheim, berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar Süß schrak auf aus seinem immer ums gleiche schwelenden Gebrodel. So war die Welt; albern, klein, kahl, säuerlich, erbärmlich erwies sich im Kern alles, was zuerst und von außen so kraftvoll und süß geschimmert hatte. War übrigens nicht auch diese von Karl Alexander in Schlamm und Alltagsniedrigkeit getreten worden? Sieh da! das war zwar nicht die Absicht, aber er wird am Ende wirklich noch die Erde von einem üblen und gefährlichen Tier befreien, wenn er nur seinem privaten Trieb und Gesetz folgt. Mit keinem leisesten Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen Sibyllens Versinken Schuld treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln ließ er, herrlich und in großem Glanz ritt er nach dem Schlößchen Magdalen Sibyllens, eine dunkle, wilde Großheit ging aus von dem Mann, der bitter und zerklüftet noch ein letztes Mal alle seine Galanterie vor der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle tauchte langsam nur und erst nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses Gratulationsbesuchs.

Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht spöttisch kamen die Worte aus dem kleinen, roten, geschwellten Mund: „Sie scheinen nicht zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?“ Und, ihm plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das unter dem strahlend schwarzen Haar in der Farbe alten, edlen Marmors matt leuchtete, lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsern Hofjuden heiraten?“

„Ja, Durchlaucht,“ sagte Weißensee. „Hundertmal lieber.“ Und es klang aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und grimmig und wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein wenig betreten aufsah und nach einem kleinen Schweigen von anderem sprach.