In der Antichambre schloß der Kammerdiener Neuffer die Tür hinter dem ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. Sogleich dann im Rücken des Finanzdirektors, erschreckend und ihn fast unkenntlich machend, verwandelte sich die Steifheit und Gravität seines Lakaiengesichtes in brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Der Jud! Immer der Jud! Wohl hatte der Herzog einmal, als der Neuffer ihn auskleidete, in einem Anfall sinnlosen Zornes geschäumt, auf die Festung setzen werde er den Juden, drei Jahre ihn Kugeln schleifen und dann ihn hängen lassen. Was aber nützte das! Regent des Landes war und blieb doch der Jud. Der Herzog schimpfte auf seine Ratschläge, lobte die anderen: aber kam es zum Schlag, tat er doch nur, was der Jud ihm einblies.
In der andern Ecke der Antichambre hockte auf einem Teppich der Schwarzbraune. Er hatte wohl gesehen, wie das Gesicht des Kammerdieners auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz im Innern amüsierte er sich über die plumpe Nacktheit des christlichen Kollegen. Aber er verharrte lautlos, tierhaft träge hockend, verschlossenen Gesichts.
Währenddes hielt Süß dem Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten die Verschworenen losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet. Offiziell sollte der Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als Feldmarschall des Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu inspizieren, dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus Hulderop, den größten Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit seiner Abwesenheit setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung ein: unter dem Vorsitz der Herzogin – die sich in dieser Rolle sehr gravitätisch vorkam –, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat Lauz, die Generäle Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte in Abwesenheit Karl Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach Besetzung aller strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung der katholischen Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung vieler Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, zwangsmäßige Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze und mehr derart durch Gesetz verkünden.
Süß legte noch einmal zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die reibungslose, kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen Nacht. Als konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land, als absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog sich die Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, Kampf, Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die Zauderer und Zager recht gehabt. Denn weiter als man die Verfassung verbogen hatte, ließ sie sich eben nicht mehr biegen; es ließ sich mit aller jesuitischen Kunst nichts weiter aus ihr heraustifteln. Blieb als einziges übrig, sie zu brechen, und das konnte man nicht allmählich, das konnte man nur in Einer Anspannung erreichen. Mißlang die im kleinsten, dann hatte die bloße Tatsache der Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man sich im Unrecht fühlte; das Corpus evangelicorum wird über einen herfallen, die Schranken der Verfassung werden dann noch viel fester und enger gestellt werden. Setzte erst Kampf ein, dann hatte die Verfassungspartei zu viele und zu mächtige Anhänger im Reich. Die geglückte Ueberrumpelung nur wird man, schmunzelnd die einen, die anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher, wenn die anderen brutal zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame gewesen; in diesem Fall gab es nur Eines, das Laute, Zupackende, Entscheidende, das in Einem Schoße Flor oder Verderb trug.
Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß dem Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und beredter führte er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die Idee verhunzt wäre, die herrliche Idee von der Göttlichkeit fürstlicher Macht, wenn sie erst zerzettelt und zerknabbert würde durch Streitereien und Prozeßkniffe und kleine Scharmützel mit Bürgergarden und ridikülem, miserablem Kleinkampf. Hier ging es in Wahrheit um alles oder nichts. Entweder kehrte das Herzogtum naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder dieser Stoff war zu schlecht, als daß die große Idee sich in ihm auswirken könnte.
In drängendem, schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte recht, wie immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in einen hineinschaute! Fort, fort mußte er, auf ewig ins Dunkel mußte er! Und was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die große Idee? Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, daß das Projekt mißlang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu schlecht? Das Land? Oder – wagte er es, wagte er es wirklich, der Jud? – oder er, der Fürst? Natürlich wagte er es! Hinter seiner höflichen, servilen Fratze stak höhnisch, hänselnd der freche, achselzuckende, aufreizende Zweifel. Ueber den schamlos dreisten Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer als die stiernackig blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte Esel! Aber dieser Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden, unverschämten Zweifel gingen vergiftend ins Innerste. Weg mußte er! Ins Nichts mußte er! Für ewig ins Dunkel mußte er!
„Haben Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?“ fragte die unbewegte, sachliche Stimme des Juden.
„Ja,“ sagte Karl Alexander, kurz, barsch, militärisch. „Es heißt: Attempto!“
Ueberrascht sah, mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf. „Attempto! Ich wag’s!“ das war ein frecher, ein kühner, ein fast genialer Witz. „Attempto! Ich wag’s!“ hatte Eberhard im Barte gesagt und als erster deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben. „Attempto! Ich wag’s!“ war die große Inschrift auf dem Attribut dieses Fürsten, dem Zedernstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein Bild überall im Herzogtum. Mit diesem tapfern Wahlspruch hatte er den Großteil seiner Macht von sich abgetan und dem Volke zurückgegeben. Wenn einer im Land kein Wort Latein sprach, dieses „Attempto!“ verstand er; denn es war die Grundlage der Verfassung und aller bürgerlichen Freiheit. Und dieses gleiche „Attempto! Ich wag’s!“ wählte jetzt Karl Alexander als Losungswort, eben diese von seinem Ahn begründete Verfassung zu zerschlagen, die Macht wieder an sich zu reißen, an Stelle der ausgebildetsten Demokratie den nackten Absolutismus zu setzen. Donnerwetter! Dazu gehörte soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander war doch ein Kerl!
Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach Hause. Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm angezündet, hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück Fleisch einen Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. Wie plump wäre es und simpel gewesen, ihm dazumal an die Gurgel zu springen. Jetzt hatte er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, es ansehnlich und wert gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, weigerte sich der Priester wie der Gott. Das Opfer, dessen Blut er jetzt darbot, konnte bestehen.