Er ging in seinem Arbeitskabinett auf und nieder, angeregt, geschwellt, alle Kerzen brannten, auch in den anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi Gabriel gesagt? An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt. Mit allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote gerufen; aber sie war nicht gekommen, nur in Dämmer und Nebel hat er sie ahnen dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie heraufsteigen muß. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog opfern, auch seine Seele hat er so präpariert, daß sie just in dem Moment aus dem Körper sich lösen soll, wenn sie in ihrer Hoffart Blüte strotzt. Und die Seele des Hoffärtigen wird eingekörpert in Feuer; in Feuer zerzuckt sie, tausendfach zerrissen in jeder Sekunde, durch eine neue Ewigkeit. Steig auf, Naemi! Steig auf, Kind, mein Kind, mein bestes, mein reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein Scherbenmal eines zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen Fürsten opfere ich dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes Feuer! So ruf ich dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß mich schauen deine Gestalt, laß mich deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.

Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies mußte ja noch geschehen. Er wollte nicht, unter keinen Umständen wollte er, daß es scheinen könnte, er verquicke seine Sache gegen Karl Alexander mit irgendwelcher persönlichen Sicherung oder gar mit Vorteilen für sich. Vor anderen nicht und vor sich selber nicht durfte er leisesten solchen Verdacht aufkommen lassen. Sprang für das Land Profit dabei heraus, so war das nebensächlich, nicht zu erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber jedenfalls wollte er jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war jetzt da, um das Herz dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett und hoch zu züchten, und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu zerdrücken. Für solche Opferung und Sühne war er da. Was dann kam, ach, wie fern das war und wie nichts!

Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, verschreckt, aus dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor möchte ihn in neue Nöte des Gewissens treiben. Unglücklich, in einem nachschleifenden Schlafrock, denn der Befehl des Süß hatte ihm keine Zeit gelassen, mit runden, furchtsamen Kinderaugen, stand er vor seinem Herrn. Süß war munter, vergnügt, gütig wie lange nicht. Er fragte nach den Gedichten des Magisters, wieso die Edition sich so lange verzögere, das Geld sei der Druckerei doch schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ fragte der Papagei Akiba. Der Magister stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig, schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: „Er ist, Teufel noch eins! ein schlechter Protestant, Magister.“ Und da der Zitternde nur Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner jüdischen, rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: Wenn ich den Juden verrat, dann verrat ich einen einzigen und dazu bloß einen Juden; aber wenn ich den Juden nicht verrat, dann verrat ich eine Million evangelischer Christen. Und dann wär ich hingegangen und hätte dem Sturm und dem Jäger oder sonst einem vom Elfer-Ausschuß die Geschichte haarklein erzählt. Ich muß sagen, Magister, Er ist von einer Treue und Diskretion, die schon zum Himmel stinkt.“

Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den hellen Kerzen, wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der ihm über das fahle, dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, entgeisterten Augen den Juden an. „Jetzt hält Er mich wohl für verrückt?“ fragte der nach einer Weile, gutmütig. „Nein, Magister, ich bin durchaus nicht verrückt,“ sagte er, wieder nach einem Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht mehr als jeder andere.“

Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die Zimmer überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in einer seltsam verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober vergessen zu haben. Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm aus Seinem Dilemma heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom Parlament, sag Er ihnen: die Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die Losung: Attempto, und wenn die Herren Blutvergießen vermeiden wollen, dergestalt daß das ganze Projekt zusammenklappt wie eine Marionette nach zerschnittenem Draht, dann sollen sie den Montag abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken. Der Mameluck erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt sie zum Herzog.“

Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und geschäftsmäßig an ihn hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor angestrengter Aufmerksamkeit, Unverstand und Erregung. „Bedingung ist,“ fuhr Süß mit der gleichen geschäftsmäßigen Kühle fort, „und diese Bedingung muß Er mir in die Hand schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das gesagt oder gar Ihn geschickt habe.“

„Exzellenz,“ stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, ich versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie erweckt hat und daß Sie den evangelischen Glauben salvieren wollen. Aber wenn das ketzerische Projekt zuschanden wird und man weiß nicht, daß Sie es haben kaputt gemacht, dann wird doch, mit Euer Gnaden Verlaub, die Landschaft zuerst Ihnen den Kriminalprozeß machen. Ich bin nicht stark in politicis, aber der Herzog wird Sie dann nicht können schützen.“

„Nein, der Herzog wird mich nicht schützen,“ sagte Süß trocken. „Laß Er’s gut sein, Magister,“ fügte er sanft, mild, väterlich fast hinzu. „Die Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein evangelisches Land katholisch machen und ein Jud geht lieber an den lichten Galgen, eh daß er’s zuläßt. Daraus kann Er sich keinen Reim machen, und wenn Er noch so sehr ein Poet ist.“

Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem Schlafrock, Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über die dunklen Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer trieb es ihn bis zum Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll Rauch und Nebel. Aber soviel war gewiß: Gott hatte ihn dennoch ersehen und auserlesen. Durch das Zimmer schleifte er, ruhelos, Saum und Quaste des Schlafrocks fegten den Boden. Die alte schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie war eine verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme oder ins Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte sie nicht.

Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, entblößte die starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem Schreibtisch, Karl Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller Widmung, seine gewalttätigen Schriftzüge daruntergesetzt, verweilte er, sagte leise: „Adieu, Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher Achill!“ Und noch einmal, wilder: „Fahr hin, deutscher Achill! Adieu, Louis Quatorze!“