Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war ein Handel nur zwischen ihm und Karl Alexander, ohne das Kind. Er schwamm auf einem dunklen, violettroten Meer herz- und sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte! Wie es in die Ohren ging und ins Innerste! Wie es wild und selig betäubend roch! Er hörte den Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten, sah den blutigen Blick des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken, ungestümen Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger drum schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des Feindes zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel des Feindes zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben Gottesluft, zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch sieghaft in dem brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte zu leben!

In sein wildes, süchtiges Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft, lautlos und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte sich, teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre gegeben. – Welche Ordre? – Die Liste. – Ach so, die Liste der zu Verhaftenden, die Süß dem Herzog zusammengestellt hatte. Aber daß Karl Alexander ihm mitten in der Nacht so Belangloses melden ließ? Unwahrscheinlich. Sicher hatte der Schwarzbraune Wesentlicheres, Heimliches zu berichten. Aufmerksam sah Süß ihm in das verschlossene Gesicht. Da begann er auch schon, Namen aufzuzählen. Johann Georg Andreä, Johann Friedrich Bellon. Ei ja, die Verhaftungsliste, fein säuberlich alphabetisch geordnet. Aber was sollte das? Das weiß er doch, er hat doch selber die Liste aufgesetzt. Der Schwarzbraune zählte weiter her: Friedrich Ludwig Stöfflen, Johann Heinrich Sturm, Josef Süß Oppenheimer. Süß machte keine Bewegung. Auch der Schwarzbraune, die Liste geschlossen, sprach kein Wort mehr, neigte sich, ging.

Süß, allein, vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war das, diese Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert. Witzig, weiß Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen wenigstens durch Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, ihn einfach generaliter einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, die er selber aufgesetzt hat, das war – souverän witzig war das. Er sah die beiden, den Herzog und Remchingen, wie sie zusammensaßen, über die Liste sich beugten, wie der Herzog mit seiner klobigen, gewalttätigen Schrift hinschmierte: Josef Süß Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann, der Fürst und sein General, in die Augen schauten, wortlos, arg schmunzelnd der Herzog, breit grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander! Wohlaffektionierter, großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und amüsierst dich über deinen dummen Juden, der dir erst fein säuberlich die Krone aus dem Blauen herunterholt und den du hernach zum Lohn auf die Festung setzen wirst. Hoho! Zu spät aufgestanden, Durchlaucht! Dein Jud sitzt noch eine Spirale höher, hat dir schon die Schlinge um den Hals geworfen und amüsiert sich über dein ahnungsloses Amüsement. Du Fürst! Du großer Herr und Held! Du geiler, dummer Narr und Mädchenschänder und Metzger und Schuft!

Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er einmal mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer wieder im letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn scharf in die Hand biß. Er sah noch den heißen Haß, die rote, blutige Wut im Aug des gereizten und immer wieder betrogenen Tieres. Mit dir spiel ich ein wilderes Spiel, Karl Alexander. Dir reiß ich einen köstlicheren Happen weg. Streck dich in der Lust auf die Beute wie ein Tier zum Sprung! Schick aus deine Gieraugen! Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr Herzog!

Zwei Tage noch, nicht einmal zwei Tage; nur mehr fünfundvierzig Stunden. Er lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht seiner Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer, Aristoteles, des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden ergingen sich bezopfte Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der Triumph des Merkur, aus den Vitrinen der kostbare Schmuck strahlte, und in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba krächzte: „Bon jour, madame!“ und „Ma vie pour mon souverain!“ Doch der einsame, ruhelos durch seine hellen Säle wandelnde Mann hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand gefüllt von seinen Gedanken, Bildern, Gesichten.

Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloß zurückkam und sich im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte im Winkel streckte, hörte, wie Karl Alexander in schweren Träumen stöhnte, um sich schlug, gurgelte.

Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel Oppenheimer van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes Unseres Lehrers Rabbi Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war voll von Besuchern, Verehrern, Ratheischenden, und trotzdem die Schüler sie immer wieder bedeuteten, der Rabbi sei über den Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht, daß er sie empfange, wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer wenigstens seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu sehen, aus den früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber auch noch viel weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen Meer. Denn der Name des Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners von Hamburg, war in Demut verehrt über weites Land.

Aber auch verhaßt und angefeindet mit schärfster Waffe über weites Land. Ei, wie hatte Unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner von Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als Feind Israels, des Talmuds, der Rabbinen, des wahren Wortes ihn gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name riß die Judenheit auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf allen Synoden war Kampf um diesen Namen, war Segen und Hymnus um ihn und Spott und Bannstrahl.

Wer war dieser Mann? War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch, keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun des Gesetzes mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend? Hatte seine philosophische, historische, mathematische, astronomische Wissenschaft ihm den rechten, wort- und werkheiligen Glauben zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis gemacht? Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist heimlicher Jünger und Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, segnend, fluchend, wunderwirkend im Namen dieses Erlösers? Warum dann aber flucht er öffentlich den Jüngern des Sabbatai und tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder schickt er seine Söhne zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen Jüngern jenes zwielichtigen Messias? Schreibt wirklich dieser eifernde, orthodoxe Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätern in Rom Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng rabbinische Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht ausgerechnet von dem Helmstätter Professor Karl Anton verteidigen läßt, seinem früheren Schüler, jetzt aber Christ geworden und Apologet des christlichen Evangels?

Tief neigten sich, als Rabbi Gabriel kam, die Schüler des Rabbi Jonathan. „Sei Friede mit dir!“ sagten sie, und die verschlossene Tür des Meisters sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe seines Studierzimmers Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und listigste der Menschen. Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott und erfreut lächelte er aus seinem mächtigen, mehr breit als langen, milchig weißen Bart, der nur ganz leicht nach Art der Kabbalisten zwiegezackt war, dem bartlosen, mürrischen, steinernen Kömmling entgegen. Alles an ihm war bei betonter Würde rund und behaglich. Aus schwerster Seide schmiegte sich, unendlich kostbar, sein langer Kaftan; sehr klein kam, weiß und gepflegt aus dem weiten Aermel die Hand zur Begrüßung. Unter dem gewaltigen, weiß fließenden Bart lächelte freundlich, fast rosig und gar nicht zerwittert das Antlitz. Nur über der behaglichen, kleinen Nase und den milden, wissenden, schlauen und doch tiefen braunen Augen zackten senkrecht in die weiße, fleischige, vorgebaute Stirn die drei Falten, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai.