„Es schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder und Herr!“ begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in seinem Lächeln Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuldbewußtsein und sogar ein wenig Schalkheit. Ueber allem aber eine magische, einlullende Liebenswürdigkeit.
Doch an Rabbi Gabriel versagte diese Magie. Ueber der kleinen, platten Nase die viel zu großen trübgrauen Augen schwelten dumpfe, hemmungslose Traurigkeit, und von der schweren, breiten, nicht hohen Stirn über den dichten Brauen ging lastende, beklemmende Trübnis aus. Rabbi Jonathan Eybeschütz indes war nicht gewillt, solche Trübnis an sich herankommen zu lassen. „Hast du,“ fragte er leicht, fast munter, „hast du, Gabriel, die neue Streitschrift des Krethi- und Plethi- und Honigwälder-Mannes gelesen?“ Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel Emden, Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. „Jetzt hat der Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen, für jeden Stamm Israels eines,“ fuhr er fort, und seine braunen, weisen, listigen Augen lachten spöttisch-vergnügt, „Jaakob Hirschel aus Amsterdam ist ein Zwölf-Ender geworden.“ Mit der kleinen, gepflegten Hand blätterte er in den großen Seiten der Streitschrift. „Der arme, arme Nüchterling!“ sagte er mitleidig amüsiert. „Alles muß klar sein, alles muß hell sein, alles muß Tag sein! Er ahnt nicht, der kahle, dürre Spötter, er begreift es nicht, daß eine getrocknete Blume Heu ist und nur gut für einen Ochsen. Erläßt Sendschreiben! Beweist, daß der Sohar nicht echt ist. Daß Rabbi Simon ben Jochai ihn nicht geschrieben haben kann. Schreit: Fälschung. Als ob es auf die Feder ankäme, nicht auf die Seele, die sie führt.“ Und er wiegte spöttisch und amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen, milchig fließenden Bart.
Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. „Warum hast du die Schüler des Sabbatai in Bann getan?“ fragte er mit seiner knarrigen Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst dich und leugnest ab? Warum läßt du dich verteidigen von einem Goj mit dummen und albernen Sophistereien? Warum resignierst du nicht? Ist es so wichtig, daß du Rabbiner von Hamburg bist und deine Stuben voll von Menschen? Warum hast du“ – und in seiner Stimme war Klagen und Drohung – „dich selber in Bann getan?“
Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen behaglich aus seinem milden Bart heraus. „Laß gut sein, Gabriel,“ sagte er. „Du bist nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich nicht strenger. Ich könnte sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist oder Goj oder Moslem, wenn er nur weiß um die Obere Welt? Ich könnte sagen: Gut, Karl Anton, mein Schüler, hat sich taufen lassen; aber ist nicht mehr Gemeinschaft und Bindung von ihm zu mir als von mir zu dem Reb Jaakob Hirschel Emden, der ein guter Jud ist und ein scharfer, gebenschter Kopf, aber leider ein bornierter Tagmensch, stockblind für die Obere Welt und stocktaub für ihre Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias Sabbatai Zewi selber ist Moslem geworden, um das Prinzip, um die Idee zu retten, und sein Jünger Frank hat sich taufen lassen; soll es da mir nicht erlaubt sein, in die Vermummung eines pilpulistischen Rabbi zu schlüpfen, mit drohender Lippe und Lächeln im Herzen leere Bannflüche gegen mich selber zu exequieren? Ich könnte sagen: Es ist billig, Märtyrer sein; es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen um der Idee willen.
Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht, Gabriel.“ Er stand auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen Kaftan auf den mürrischen, dicklichen, trüben, altfränkisch beamtenhaft gekleideten Mann zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich sagte er: „Ich räum es ein, ich bin schwach und töricht und eitel. Die Sterne haben es gut mit mir gemeint, haben mich zum Gefäß großer Weisheit gemacht, ich hätte können ein Kanal sein, aus dem mächtige Ströme gehen von der Obern zur Untern Welt und der Atem Gottes. Aber ich bin ein schlechtes, brüchiges Gefäß. Ich weiß und niemand spürt es lebendiger durch alle Eingeweide, wie selig ruhevoll es ist in Gott schweben und wie die Untere Welt eitel ist und farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber ich muß hinein in sie, immer wieder. Wissen ist schön, Wissen ist jenseits vom Tun, wissend und ruhvoll sein wahrt vor neuen schlimmen Einkörperungen die Seele; und Tun ist albern, Tun ist dumm und schmutzig und tierisch und der Nachschmack schal und sehr von Uebel. Aber ich muß immer wieder hinein ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Laß mich dumm sein, Lieber! Laß mich schmutzig und tierhaft sein! Laß mich meinen Bart mehr pflegen als meine Seele!“ Und mit frechem Scherz schloß er: „Meine Seele werde ich finden und reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer steht dafür, daß ich ein zweit Mal einen so schönen Bart finde?“
Lind rieselten diese Lästerungen von den süßen, schmeichelnden, beredten Lippen des weisen und leichtfertigen verlorenen Rabbi. Der andere hörte sie, trüb, steinern, unbewegt. Er sah plötzlich eine Landschaft. Stein, Oednis, zerschrundetes Eis; zartes, höhnisches Leuchten darüber, schattende Wolke, Geierflug, finster tolle Willkür, riesige, aufs Eis geworfene Blöcke. Gelähmt fast von dem Bild erkannte er: die gleiche Entsprechung hier wie dort. Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem Mann, an den er gefesselt war, zu diesem. An den nackten, frechen Brüsten der Lilith lag jener; aber er sehnte sich und langte nach der Obern Welt; bei den Heiligen und Frommen, im silbernen Bart des Simon ben Jochai, lag dieser, aber es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith. Das gleiche Bild, die gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der Vollendung als dieser.
Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich schwieg. Er sagte nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!“ und ging in das Schlafgemach, das man ihm bereitet. Jonathan Eybeschütz sah seinen runden, dicklichen, etwas gebeugten Rücken sich entfernen, das milde, leichtfertige Lächeln schwand langsam, und trotz seines milchig weißen Bartes sah er minder würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an seine Bücher und Pergamente setzte.
Müd und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach Ludwigsburg, um von da ins Ausland und erst nach vollendetem Putsch zurückzureisen. Er hatte zwei anstrengende Karnevalstage hinter sich, die er trotz der geschlossenen Zeit dem Reichsgrafen Palffy zu Ehren gegeben hatte; Graf Palffy kam in Spezialmission des Wiener Hofs, es war große Huld und Aufmerksamkeit des Kaisers, daß er durch diesen Sondergesandten den geplanten Staatsstreich augenzwinkernd im vorhinein sanktionierte. In aller Frühe dann hatte sich Karl Alexander von der Herzogin verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei die letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan werde sie zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl werde man sie mit anderem Titel als mit einem lumpigen Durchlaucht grüßen. Heiß und erregt hatte er seine Phantasien in die schöne, nackte Frau hineingeflüstert, sie hatte spöttisch halb, aber doch von seiner Hitze mitgerissen zugehört, hatte seine brennendere Umarmung entbrannter als lange schon erwidert. Müde jetzt von dem gefüllten und bedeutenden Abschied, leicht matt, nervös und fieberig lehnte er im Wagen. Er war doch sonst eiskalten Blutes vor mancher Entreprise gestanden, war auf dem Schlachtfeld nicht nervös geworden, wenn ihm der Gaul war unterm Arsch weggeschossen worden. Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es ihn durch alle Glieder, war’s ihm, als hätte er Ameisen in den Adern. Nur gut, daß er den Grafen Palffy hatte vorausfahren lassen; so konnte er jetzt wenigstens allein sein. Auch der verdammte Fuß zuckte und zerrte und wollte nicht Ruhe halten. Kein Wunder, es war ein Wetter von seltener Scheußlichkeit. Bald Sonne, bald Schloßen, es regnete und flockte, bis einen wieder grelle Sonne blendete. Es stritt alles gegeneinander. Starker, feuchter Wind ging, Wolken in rasender Eile fetzten über den Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und der Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht lange her war’s, wie dort der rote Schein hatte ein starkfarbiger Mond sich gekrümmt, aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald war es verwirrend, gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes Mädel war auf der Erde gelegen, zwischen Blumen, im starken Wind. Blödes Erinnern. Was soll das jetzt? Er hat, weiß Gott, Besseres zu denken.
Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. Kuriere, Meldungen von den entfernteren Garnisonen. Er empfing Scheffer, Remchingen, Pfau. Aerger, Gehetz. Wenn wenigstens das verdammte Gedudel aufhörte! Aber er selber hat angeordnet, daß vor den Zimmern des musikalischen Grafen das Orchester des Theaters spiele. Er bekam plötzlich Hunger, verlangte Fleischbrühe, wollte sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß, schmiß die Tasse an die Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des Eglosheimer Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine. Ueberall im Schloß klirrende Fenster, schlagende Türen. Das Orchester obendrein. Den Herzog litt es nirgends. Die Musiker und Komödianten feixten heimlich: es treibt ihn herum wie vor einer Première. So, endlich, kam der Abend.
In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein Licht. Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes Klirren von Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle Bürgerschaft wußte, daß es in diesen Stunden um die Entscheidung ging. Die Meldung Schobers hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, gewaffnet, voll dumpfer, klemmender Spannung, nicht ohne Zagheit, aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief in Stuttgart in dieser Nacht, nur die kleinen Kinder. Man sagte, raunend, zum hundertstenmal das gleiche, Flüche, Wünsche, prüfte, halb zaghaft, halb in die Brust geworfen, die Waffen. Und die Nacht war voll Bereitschaft.