In Ludwigsburg indes im Schloß hatte man alle Kerzen entzündet. Der Herzog gab, bevor er ins Ausland ging, dem Gesandten des Kaisers, den Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft war nicht zahlreich, auf die in das Staatsstreich-Projekt Eingeweihten beschränkt. Viele Militärs waren da, die beiden Röder, der General und der Major. Feixend hatte Karl Alexander den knarrenden, niedrigstirnigen Mann nach Ludwigsburg eingeladen; die berittene Stuttgarter Bürgergarde, deren Kommandant er war, werde ihn in dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf den Witz einzugehen – denn er nahm seine Stellung bei dem Stadtreiterkorps sehr ernst – dumm und stier hatte der Major, die unförmige, behandschuhte Tatze militärisch ausgereckt, die huldvolle Einladung angenommen. Durch den Saal hin äugte das blaurote, geiernäsige, entfleischte Gesicht des Dom Bartelemi Pancorbo über der riesigen, verschollenen Halskrause; in der Nähe des Süß hielt sich der verfallene Weißensee, er schnupperte, seine klugen Augen zuckten, er witterte Schwefel, Feuer, Wetter, Untergang. Süß selber hatte einen strahlenden Abend wie in seiner besten Zeit, seine wölbigen, fliegenden Augen waren überall, er war galant, witzig, siegerisch, seine sichere, festliche Laune stach sehr ab von der flackerigen Unrast Karl Alexanders. Manchmal tauchten in die seinen die bräunlichen Tieraugen des Mamelucken, dem er, dem stumm sich Neigenden, wenige knappe, stille Weisungen gegeben hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes Fragen und Erwidern vom Aug des einen zum andern.

In den ersten Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der Verfassungspartei verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der Meldung käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, wollte Karl Alexander unter seinen Gästen bleiben, mit dieser Gewißheit schlafen gehen. Er hatte die neue Sängerin in sein Schlafgemach bestellt, die Demoiselle Teresa, eine dralle, heißäugige, warmhäutige Person. Schon die beiden letzten Jahre durch hatte er sich gewöhnt, vor jedem Beilager mit einer neuen Frau ein Aphrodisiakum zu nehmen, denn er hätte es nicht ertragen, hätte nicht jede neue Frau seine Männlichkeit für besonders stark halten müssen; heute, nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste, befahl er dem Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken.

Der Kurier mit der Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast des wartenden Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte durch den ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an, Regen prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben; den Rauch der schlecht ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen verjagen können. Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer üppiger, klang, aus den ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde geschenkt, man hatte die prunkendste Gala, die feiertäglichste Laune angetan; aber man kam über eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit nicht hinaus.

Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, huldvolle Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu überhören, jäh abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, meldete, die Demoiselle Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, ungeniert, sagte: „Das Mensch soll warten!“, setzte sich mit Süß zum Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in silberner Tasse, das Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du’s auch genügend stark genommen?“ fragte Karl Alexander. „Ja, Durchlaucht,“ erwiderte mit seiner rauhen, gleichmütigen Stimme der Mameluck.

Karl Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die eine Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der goldenen Kette spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und Schlag. „Daß der Kurier nicht kommt!“ fieberte er. „Der Sturm,“ begütigte Süß, „die aufgeweichte Straße.“ Der Schwarzbraune war wieder da, mit seinem stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die Demoiselle warte noch immer. „Soll sich ausziehen derweil!“ schrie der Herzog. „Ich kann meine Depeschen nicht herhexen.“

Ein Kreis ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete das Jeu mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. „Heut mußt du mir einen Teil wieder hergeben, Jud,“ lachte er, „des, was du mich beschissen hast.“ „Heut tu ich’s gern,“ sagte Süß. Die widrige Stimme des Majors Röder knarrte: „Wenn’s so Leib an Leib geht, dann tut sich der Jud schwerer mit dem Bescheißen. So von der Ferne her mit Papieren und Tricks und ohne daß man dem andern muß ins Gesicht sehen, geht’s leichter.“ Auch den nächsten Schlag verlor Süß. Der Herzog sah den Architekten Retti unter den Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so weiter geht mit meinem Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für die Galerie projektiert.“ Der Architekt lachte laut, beflissen. Dom Bartelemi Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen Stimme: „Den Stein verliert er nicht, der Jud.“ Und alle starrten begehrlich und verträumt auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors und sahen, wie verwirrend in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus schossen.

Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: „Man ist da.“ Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die Karten zusammen, schob dem Süß den ansehnlichen Haufen gewonnenen Geldes zu: „Da, Jud! Die Galerie laß ich später bauen. Das verehr ich Ihm.“ Süß, wohlwollend fast und amüsiert, dachte: „Sieh an, schenken läßt er sich nichts. Bezahlt mich, wo er glaubt, ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt noch ein Trinkgeld darauf. Dann sperrt er mich in die Kasematten und steckt Bezahlung samt Trinkgeld wieder ein.“ Aufmerksam und dringlich sah er den Herzog an, und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte obenhin: „Kannst mitkommen.“ Der Schwarzbraune voran, dann hinkend, schnaufend, rot Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, jung der Jude, gingen sie.

Durch die sich neigenden Lakaien der Vorsäle erst, dann durch stille Korridore, in denen nur der fetzende Atem des Sturms war, nach dem andern Flügel des Schlosses in die Privatgemächer des Herzogs. Arbeitszimmer, kleines Zwischenkabinett, das Schlafzimmer mit der wartenden Frau. Der Mameluck riß die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht der Kurier war da, den Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer, die er nicht kannte. Zwei alte, mit eisgrauen Haaren, mager und schmächtig wie Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem, proletarierhaftem Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich, die jüngeren schwer und plump, die älteren hastig und wiederholt, von den im Windhauch der offenen Tür flackernden Kerzen wild beschattet und erhellt.

Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, die Stimme fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: „Bist du verrückt? Läßt in der Nacht, heut nacht, Gesindel zu mir?“ Schleuderte ihn mit einem Fußtritt in den Winkel. „Der Kurier!“ brüllte er. „Wo bleibt der Kurier?“

„Wir sind kein Gesindel,“ tat da einer von den Männern schwerfällig, feindselig den Mund auf. „Wir sind von der Landschaft.“ Karl Alexander fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, lümmelhaften Menschen, schüttelte ihn: „Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!“ Er schrie und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete, sich ängstlich tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber es ist aus mit euch!“ brüllte der entzügelte Herzog weiter. „Vermodern bei lebendigem Leib laß ich euch, Gesindel! Rottierer! Ketzer! Hunde! Zu eueren sauberen elf Brüdern vom Ausschuß schmeiß ich euch in meine tiefsten Kasematten!“