„Es ist nicht an dem, Herr Herzog,“ sagte da mit einer höflichen, feinen Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem.“ Und er verneigte sich viele Male. „Es ist so, daß mit Eurer Durchlaucht allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart verhaftet wird. Es werden auch sehr wenig bayrische und würzburgische Truppen einrücken, und was unter der Losung: Attempto! eingetroffen ist, sind mit Eurer Durchlaucht allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und wenn auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen Umständen halten.“

Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten darlegen können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und vertan war, als der kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit vielen Kratzfüßen und Permiß-Einholungen noch mehr Details aufzählte. Aber er konnte nicht zu Ende kommen und zum Zweck seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die ersten Sätze gehört; dann begab sich mit ihm eine erschreckende Veränderung. Die Hand, die den gedrungenen, proletarisch aussehenden Deputierten noch immer festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht lief blaurot an, ein seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der Brust, der Mund schnappte hilflos, und unversehens lag der schwere Mann auf dem Boden, verkrampft und gräßlich entstellt. Die vier Bürger, wie sie das sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das Schloß war voll von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf geheimnisvolle, verdächtige Art, ungemeldet, durch eine Hintertüre eingelassen worden, sie besorgten, sie möchten mißhandelt oder gar kurzerhand erschlagen werden; sie machten sich eilends fort und waren froh, als sie in Sturm und Regen, abseits haltend, ihre Kutsche fanden und zitternd vor Frost und Erregung glücklich wieder auf dem Weg nach Stuttgart waren.

Karl Alexander lag indes auf dem Boden, allein mit Süß und dem Schwarzbraunen. Ueber der mächtigen, behaarten Brust hatte er sich die Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte von nebenan und sich duckend das nackte Mädchen auf das wilde, tierhafte Rasseln, das von ihm kam. Mit unendlicher Mühe schickte er sein erstarrendes Aug mit einer wilden, grenzlos haßvollen Frage auf die Suche. Süß, ihm entgegenkommend, sagte: „Ja, Herr Herzog.“

Der Jude wußte nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie überhaupt er gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung des Putsches aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die Ermattung durch den Karneval oder das Aphrodisiakum mitschuld waren an diesem Zusammenbruch, oder ob er allein ihn und willentlich so gewirkt habe. Wie getrieben hatte er alles so geordnet, wie es dann kam, es so gelenkt, daß der erhitzte Herzog statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche Unheilsdeputation vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und Wesen des Gegners für immer lähmen und zermalmen mußte, war gewiß. Kam nun auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, doch nicht unwillkommen.

Mit aller Kraft hob er den schweren Leib in einen Lehnstuhl, warf dem Schwarzbraunen hin: „Es wird gut sein, du holst den Pater Kaspar.“ Zögernd nur entfernte sich Otman und ließ den Juden mit dem Sterbenden allein.

Vereisend hörte die Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem wilden Gefühl bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf den jetzt stummen Herzog einsprach. Die einzelnen Worte konnte sie nicht verstehen; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, hassenden Triumph dieser heißen, flüsternden Stimme.

Es sprach aber der Jude dies: „Herzog! Grober, einfältiger Herzog! Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren zumachen, was? Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören? Möchtest beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich laß dich nicht sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, raßle mit all deiner Lunge: du mußt mich hören. Ich spreche ganz leise, ich hebe die Stimme nicht, aber deine Ohren und dein freches, gewalttätiges Herz sind doch voll davon. Und du mußt ganz still halten und darfst nicht sterben und mußt mich hören.

Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa und Gegröhl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie hat dürfen lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten ihr die Arme entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit deinem ratlosen, dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht hineinspie, hast du geglaubt, jetzt ist alles gut und es ist nichts gewesen. Sieh, Karl Alexander, sieh, du dummer, tölpischer Herzog, ich bin dir nicht in das geile Gesicht gesprungen damals, so einfältig hab ich es nicht gemacht, ich hab dich mir erst zurechtgerichtet, hab dich präpariert, daß du aussähest wie ein Mensch, ja wie ein Fürst. Bäumst du hoch? Schnaufst du? Ja, da liegst du, ein trauriges, lächerliches Stück Fleisch, höchst ridikül vor dir und den anderen. Denn sieh, du armer Narr, deine großen Gedanken, daß du zum schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest, deine Cäsar-Träume, die hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst nichts als ein kleiner, gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und ich hab dich lassen tanzen.

Glotz mich an mit deinen großen Augen. Ich drück sie dir noch nicht zu, ich bin noch nicht am Ende. Sieh, gerade mein Schlechtestes hab ich in dich hineingeträufelt, meinen verworfensten Samen. Ich hätt es können wirken, daß du mich vor aller Welt umarmtest und Bruder nanntest; ich hätt dir nur müssen die Papiere zeigen, daß ich ein Sohn vom Heydersdorff bin, ja, dem Baron und Marschall und Christen. Aber das hab ich für mein schlechtestes Teil geachtet und hab es ganz in dich hineingegossen und hab dich tanzen lassen und dich gemästet, bis daß du reif warst.“

Er ließ ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er, verändert, milder: „Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können dein Freund sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich gewehrt und dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du aufgenommen und es blühen lassen in Schuß und Saft. Du großer Herr und Held, du deutscher Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!“