Die Spur des Fremden führte kreuz und quer durchs Schwäbische, ohne erkennbares Ziel, willkürlich. Verlor sich dann, tauchte in der Schweiz wieder auf. Der blasse, fette Mensch folgte gewissenhaft, Wendung um Wendung, unentrinnbar, unerregt.

Das war eine seltsame Reise, die der Fremde machte, und sehr anders als sonst eine Fahrt. Selten, daß er die nächste Straße wählte, er schlug sich in die Nebenpfade, je rauher ein Weg war, so willkommener schien er ihm. Was in aller Welt suchte einer in Wüsten von Stein und Eis, die Gott mit seinem Zorn geschlagen hatte.

Die wenigen Bauern, Jäger, Holzfäller dieser Gegend waren stumpf, hart von Wort. Stieg der Fremde höher als ihre höchsten Weiden, so wandten sie ihm wohl einen Blick zu, aber langsam und teilnahmslos wie ihr Vieh, und langsam und teilnahmslos wandten sie ihn wieder ab, war er vorbei. Der Fremde trug sich unauffällig, schwere Kleider von gleichgültiger Farbe, ziemlich altmodisch, wie sie in Holland vor zwanzig Jahren modern gewesen sein mochten. Klein, breit, dicklich, den Rücken leicht rund, wanderte er, schwer von Schritt und stetig. Hier in den Bergen, wo nie sonst ein Fremder hinkam, war es leicht für Nicklas Pfäffle, ihn nicht zu verlieren. In der menschenvolleren Ebene indes war es schwer gewesen, dem Unauffälligen zu folgen. Es war ein sehr Seltsames, schwer Deutbares, was trotz dem Mangel an äußeren Merkmalen seine Fährte kenntlich machte. Die Leute fanden die Worte nicht dafür, es war nicht zu fassen, und doch war es einmalig und nicht zu verwechseln, und es war immer das gleiche scheue Geraune, in dem man davon sprach. Sein Weg war gezeichnet durch seine Wirkung; wer ihn sah, atmete schwerer, das Lachen zerbrach vor seiner Gegenwart, sie legte sich wie ein schwüler, beklemmender Reifen um den Kopf.

Nicklas Pfäffle, blaß, fett, gleichmütig, fragte nicht weiter nach der Ursache. Ihm genügte die Fährte.

Drei Bauernhöfe lagen ganz in der Höhe, eine kleine Holzkapelle dabei. Weiter oben weidete Vieh. Dann war nichts mehr, nur Eis und Stein.

Der Fremde klomm die Schlucht entlang. Unten, dünn und laut, hastete der Bach, man sah deutlich bis dahin, wo er unter Gletscher und Geröll ans Licht brach. Auf der andern Seit krochen Zirben hinan, spärlich, zäh, erstickten am Stein. Gipfel, weiß leuchtend, der besonnte Schnee schmerzte das Aug, zackten scharf und bizarr in das flimmernde Blau, schlossen in starrem Bogen das Hochtal. Der Fremde klomm umständlich, vorsichtig, nicht sehr geschickt, stetig. Ueberquerte Sturzbäche, Glitsch, rutschende Erde. Stand endlich auf einem Vorsprung, vor ihm der sperrende Bogen der vereisten Wände. Unter ihm streckte ein Gletscher die nackte, breite, zerschrundete Zunge, von der Seite her mündete ein anderer, alles endete in Oednis und Geröll, Felsblöcke, wild verstreut, bildeten geheimnisvoll starrende, zerrissene Linien. Hoch über allem leuchtete höhnisch besonnt und unerreichbar der adelig zarte Schwung der beschneiten Gipfel.

Der Fremde kauerte nieder, schaute. Das massige, bartlose, blasse Gesicht stützte er in die Hand. Ueber der kleinen, platten Nase sahen trübgraue Augen, sie standen viel zu groß in dem kurzen, fleischigen Kopf, sie standen in trübem Feuer und schwelten dumpfe, beklemmende, hoffnungslose Traurigkeit. Die Stirn lastete breit, schwer und nicht hoch auf sehr dichten Brauen. Den Ellbogen aufs Bein, die Wange in die Hand gestützt, kauerte er, schaute.

War hier das, was er suchte? Eines strömte ins andere, von der obern Welt in die untere, jedes menschliche Antlitz mußte seine Entsprechung haben in einem Stück Erde. Er suchte ein Stück Welt, aus dem ihm ein menschliches Antlitz entgegenschaute, größer, lesbarer, bedeutungsvoller, das Antlitz jenes Mannes, dem er verhaftet war. Er suchte den Strom, der jenen, und also ihn selbst, band mit Stern, Wort und Unendlichkeit.

Er kauerte tiefer, redete vor sich hin mit einer dunkeln, widrig gebrochenen, knurrenden Stimme, halb singend, Verse aus der heimlichen Offenbarung. Haut, Fleisch, Knochen, Adern sind ein Kleid, eine Schale, und nicht der Mensch selbst. Aber die Geheimnisse der höchsten Weisheit sind in der Ordnung des menschlichen Leibes. Siehe, die Haut entspricht den Himmeln, sie dehnen sich über alles und überdecken es wie ein Gewand. Siehe, das Fleisch entspricht dem Stoff der Welt. Siehe, die Knochen und Adern sind der Thronwagen Gottes, davon der Prophet singt, es sind die wirkenden Organe Gottes. Aber alles dies ist nur ein Kleid, und wie der wirkliche Mensch innen ist, so ist auch der himmlische Mensch innen, und alles ist in der unteren Welt wie in der oberen. Und wie am Firmament, so die Erde einschließt, die Sterne und Sternbilder sind und uns das Verborgene künden und tiefes Geheimnis, so sind auf der Haut unseres Leibes Linien und Falten und Zeichen und Züge, und sie sind die Sterne und Sternbilder des Leibes, und sie haben ihre Heimlichkeit, und der Weise liest sie und deutet sie.

Komm und sieh! Der Geist meißelt sich das Gesicht und der Wissende erkennt es. Wenn die Geister und Seelen der obern Welt sich bilden, haben sie ihre Form und sichere Bildung und sie spiegelt sich später im Gesicht des Menschen.