Ja, ja, das hatte natürlich Süß auch gespürt, als er von jenen Gerüchten gehört hatte. Aber gerade davor hatte er sich abschließen wollen, daß solche Ahnung nicht Wissen werde. Rabbi Gabriel, sein Oheim, der Kabbalist, der Unheimliche, für jeden in seltsamem und beängstigendem Nebel, der einzige Mensch, über den er nicht ins Klare kommen konnte, der einfach durch seine Gegenwart sein farbiges Weltbild entfärbte, seine Wirklichkeit entweste, seine klaren, runden Zahlen zweideutig machte, auswischte, der sollte für sich bleiben, weit weg. Es war nicht gut, nein, nein, es war bestimmt nicht gut, den ins Geschäft zu mengen. Er wird an das Verkapselte rühren. Wirrung wird herausspringen, Druck, Zwiespalt, Dinge, die sich jeder Rechnung und jedem Kalkül entzogen. Nein, nein, die Geschäfte waren hier, und jenes andere lag dort, behütet, fern ab, und es war gut so, und es sollte so bleiben.
„Ich verlang es natürlich nicht umsonst, Reb Josef Süß,“ tastete der andre sich weiter. „Ich würde Euch mit hineinlassen in das Geschäft mit der Gräfin.“
Josef Süß hatte alle Räder seines Kalküls angedreht. Er saß in großer Versuchung. In ihm arbeitete es, scharf, rasch, mit ungeheurer Energie und Präzision. Er wog sachlich und schnell alle Vorteile solchen Angebots, rieb sie blitzblank, zählte, rechnete. Verbindung mit der Gräfin, das war viel, das war mehr als ein großes Geldangebot. Beteiligt an diesem Geschäft, konnte er an den Herzog heran, von da zum Prinzen Eugen war ein Schritt. Er sah hundert Möglichkeiten, schwindelnd Weites rückte ganz nah.
Aber es ging nicht, es ging nicht. Alles auf der Welt konnte man preisgeben für ein Geschäft. Frauen, Freuden, Leben. Aber das nicht. Den Rabbi Gabriel in ein Geschäft ziehen, ihn verschachern, das nicht. Er glaubte an nichts, an Böses nicht und an Gutes nicht. Aber das hieß sich in Dinge stürzen, wo alles Rechnen und Wägen zu Ende war, das hieß sich in einen Wirbel stürzen, wo aller Mut so unsinnig war wie alle Schwimmkunst vergebens.
Er atmete heftig, gedrängt. Hob, mit einer Bewegung der Abwehr, jäh überfrostet, den Rücken. Es war ihm plötzlich, als schaute ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch mit seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft.
„Ihr sollt nichts von ihm verlangen,“ lockte Isaak Landauer vorsichtig weiter. „Ihr braucht ihm keinen Vorschlag tun. Alles, was ich will, Reb Josef Süß, ist, daß Ihr ihn herschafft nach Wildbad. Ihr brauchtet ja nur Euern jungen Menschen zu schicken, den Pfäffle, der würde ihn gewiß auftreiben. Ich würde Euch gut assoziieren an dem Geschäft mit der Gräfin.“
Süß schüttelte die Benommenheit von sich ab, raffte sich zusammen. Die Dinge traten wieder ein in ihre Farbe, Umriß, Klarheit, Greifbarkeit. Das Nebelgesicht hinter seiner Schulter verschwand. Unsinn seine Bedenklichkeit. Er war doch kein verschwärmter, dummer Junge. Ja, damals, als man ihm den Vorschlag gemacht hatte, sich taufen zu lassen, am kurpfälzischen Hof, daß er da nicht zugriff, das waren verständliche Hemmungen gewesen. Er wußte zwar jetzt noch nicht recht, warum er es nicht gemacht hatte wie sein Bruder und sich auf so einfache Weise Glanz, Position und Baronie verschafft. Aber er tat es eben nicht damals und hätte es auch heute nicht getan und nie und für kein Geschäft der Welt. Doch jetzt, was dieser da von ihm verlangte, der Listige, Kluge, Gewiegte, was war da denn viel dabei? Kein Mensch doch verlangte von ihm, daß er den Rabbi, den Unheimlichen, den drohend Unbehaglichen, verschachere. Wie hatte ihm da wieder seine Phantasie, die galoppierende, viel zu rasche, die Begriffe gewirrt. Herrufen sollte er den Alten, nichts weiter. Und dafür die Verbindung mit der Gräfin, dem Herzog, dem Prinzen Eugen. Ein Narr wäre er, wenn er nicht zugriffe, weil es ein wenig, er suchte das Wort, ein wenig unbehaglich war.
Zögernd, in einem halben Satze, sagte er, nach dem Rabbi zu schicken, an sich ginge das ja allenfalls. Sofort hackte Isaak Landauer zu. Aber nun forderte Süß an dem Geschäft mit der Gräfin einen Anteil, den der andere unmöglich bewilligen konnte. Eingehend, scharf schachernd, besprachen sie die Einzelheiten. Nur Schritt um Schritt, heftig kämpfend, wich Süß zurück.
Als sie schließlich übereingekommen waren, dachte Süß, lebte, atmete er nur noch in diesem Geschäft. Rabbi Gabriel sank ihm in das Verkapselte, sowie er den Diener weggeschickt hatte.
Nicklas Pfäffle fuhr mit der Post. Der blasse, fette, schweigsame Mensch fiel nirgends auf. Gelassen, gelangweilt, leicht müde von Aussehen, versteckte er seine Betriebsamkeit hinter dem melancholischen Phlegma seines gedunsenen, blutleeren Gesichts. Die Aufgabe einmal übernommen, klebte er daran, harzzäh und gleichmütig.