Aber dies war ihm nicht gegeben, Müßiggang juckte ihm die Haut, und er zettelte, nur um seine Kraft spielen zu sehen, hundert kleine Amouren, Projekte, Geschäfte an. Sein Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, den er dem Mannheimer Advokaten Lanz abgespannt hatte, ein dicker, gelassener, undurchdringlicher, unermüdlicher, blasser Mensch, mußte den ganzen Tag auf dem Weg sein, ihm Neuigkeiten zu schaffen, Adressen, Hantierung, Lebensläufe der Badegäste zu erkunden.

Süß sah sehr jung aus, und er war stolz darauf, daß man ihn gemeinhin auf rund dreißig schätzte, zehn Jahre jünger fast, als er wirklich war. Er mußte Frauenblicke in seinem Rücken spüren, umgewandte Köpfe, wenn er auf der Promenade ritt. Die mattweiße Haut, die er von der Mutter geerbt, pflegte er mit hundert Essenzen, er ließ sich gerne bestätigen, daß seine Nase griechisch war, täglich mußte der Coiffeur ihm das reiche dunkelbraune Haar wellen, daß es ja nicht unter der Perücke leide; häufig auch trug er es ohne Perücke, trotzdem sich das eigentlich für einen Herrn seines Standes nicht schickte. Er achtete darauf, daß der kleine Mund mit den übervollen, sehr roten Lippen sich nicht durch viel Lachen verzerre, und ängstlich suchte er im Spiegel die freie Heiterkeit der glatten Stirn, die ihm das Zeichen des Kavaliers war. Er wußte, daß er auffiel, er brauchte Bestätigungen, immer neue, seiner Wirkung, und eine Frau, die er nach einer Nacht verabschiedet hatte, blieb ihm fürs Leben lieb, weil sie seine dunkelbraunen, blitzenden, raschen Augen unter den gewölbten Brauen fliegende Augen genannt hatte.

Wie die Mode und sein Behagen immer neue Speisen, Weine, immer anderes Kristall und Porzellan für seine Tafel forderte, so für sein Bett immer neue Frauen. Er brauchte sie und verbrauchte sie. Sein Gedächtnis, ein ungeheures Museum, das alles in zuverlässiger Konservierung hegte, hielt Gesichter, Leiber, Duft, Stellung in sicherer Treue fest; weiter rührte keine. Eine einzige hatte sich tiefer als nur in die Sinne in ihn hineingesenkt, das Jahr, das sie mit ihm zusammen war, das Jahr in Holland, stand fremdartig und sehr allein in seinem Leben, aber er hatte das Erinnern daran verkapselt, er sprach nicht davon, seine Gedanken gingen scheu an diesem Jahr und dieser Verklungenen vorbei, nur sehr selten schlug es große Augen auf und sah ihn bestürzend und verwirrend an.

Er hatte sich von Isaak Landauer auch deshalb so leicht bestimmen lassen, nach Wildbad zu gehen, weil die Kur in diesem Ort seit ein paar Jahren von jedem gebraucht werden mußte, der im westlichen Deutschland als Kavalier gelten wollte. Selbst von Frankreich kamen Gäste herüber, hier sah man das modischste Fuhrwerk, man hörte die eleganteste Konversation, man konnte an der Tenue von Versailles die Eckchen und Rauheiten abschleifen, die auch der modischste deutsche Hof nicht ganz zu vermeiden wußte. Hier war große Welt, man sah hier am deutlichsten die leisen Schwankungen in der Wertung der einzelnen und ganzer Schichten, wer hochkam, und wer niederglitt, das lebendige Beispiel war hundertmal instruktiver als der Mercure galant. Nur hier in Deutschland konnte man mit Sicherheit feststellen, welches Fußgelenk der à la mode-Kavalier bei der Auswahl seiner Herzdame zu bevorzugen hatte, wollte er nicht als rückständig angesehen werden.

Da Süß in keiner größeren Aktion stand, ging er ganz in diesem Gewese auf, trieb sich mit flinken Stößen in den galanten Nichtigkeiten herum. Nicht ausgefüllt und hungrig nach Geschehnissen, sog er aus dem Leben der andern. Er konversierte mit dem Wirt und machte Projekte, wie der Gasthof, in dem er wohnte, rentabler werden könnte, er schlief mit der jungen Aufwärterin, er bestellte für den Besitzer des Spielhauses neue, elegantere Pharao-Tische, wobei er vierhundert Gulden verdiente, er war der am liebsten gesehene Gast beim Lever der Prinzessin von Kurland, er renkte die Liebeshändel des Badedieners ein, er beschaffte durch die Gewandtheit seines Nicklas Pfäffle aus den Ludwigsburger Treibhäusern Orangeblüten für die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, er durfte, wenn sie im Bad saß und mit den Kavalieren konversierte, auf der Holzdecke, die, nur ihren Kopf freilassend, auf der Wanne lag, ihr zunächst sitzen, und viele sagten, er dürfe sich noch ganz andere Freiheiten nehmen. Er machte einen vorteilhaften Kontrakt mit einem Amsterdamer Juwelenhändler über die Schleifung gewisser Steine, bei einem Streithandel mit einem Grafen Tratzberg, einem plump frechen bayrischen Herrn, schnitt er so gut ab, daß der Bayer andern Tags sich aus Wildbad trollen mußte, er erwirkte dem Gärtner Kredit für neue Parkanlagen beim Badehaus und gewann dabei hundertundzehn Taler. Er hielt am Spieltisch, als alle deutschen Herren sich ängstlich zurückzogen, dem jungen Lord Suffolk als einziger Widerpart und verlor lächelnd und höflich viertausend Gulden. Er ohrfeigte einen Modehändler, der ihn beim Kauf eines Strumpfgürtels um vier Groschen betrügen wollte. Er antichambrierte täglich beim sächsischen Minister – der sächsische Hof suchte eine Anleihe – und stand barhaupt und tief gebückt, während der Minister, den Blick steif und hochmütig gradaus, grußlos vorüberging. Er beneidete brennend Isaak Landauer, der unter dem Spott der Gassenbuben, den Verwünschungen des Volkes, der Verachtung der großen Welt ins Haus der Gräfin ging, rechnete, Geld bewegte, Land bewegte, Menschen ledig machte, unter Ketten begrub.

In solcher Laune fand ihn Isaak Landauer. Er begann behutsam von den seltsamen Kaprizen, mit denen Gott, gelobt sein Name, die Christen bedacht und bestraft habe. Der alte Ratsherr aus Heilbronn mußte immer seine sieben Hündchen um sich haben, und von genau gleicher Größe, das Fräulein von Zwanziger hatte das Gelübde getan, am Freitag kein Wort zu sprechen, und der Herr von Hohenegg hatte den Ehrgeiz, bei allen adeligen Begräbnissen in der Umgegend zugegen zu sein, und scheute zu solchem Zweck keine Strapaze. Dann kam er vorsichtig auf das Gerede vom Ewigen Juden zu sprechen und endete mit der beiläufigen Mitteilung, daß die Gräfin die seltsame Laune habe, den Ewigen Juden oder sonst einen Magus oder Astrologus, am liebsten einen zuverlässigen Kabbalisten bei sich zu sehen. Dann schwieg er, wartete.

Süß hatte sogleich gemerkt, der andere wolle etwas. Er zog sich zusammen, lauerte. Daß Isaak Landauer von dem Ewigen Juden anhub, warf ihn aus seiner Rechnung. Dies rührte einen Punkt, der nicht ins Geschäft zu ziehen war, sich nicht in Ziffern umsetzen ließ. Rührte an das Verkapselte. Auch er hatte natürlich von den Gerüchten gehört; aber sein eingeborenes Talent, sich abzuschließen gegen alles, was ihm die Sicherheit verwirren konnte, hatte ihn leicht und rasch über Ahnungen, Trübungen weggleiten lassen. Nicht stoßen an das Verkapselte. Jetzt aber, wie Landauer damit begann, kroch das unbehagliche Gefühl unweigerlich ihn an. Er sah den Vorschlag Isaak Landauers an sich herankommen wie eine ferne Welle, er fürchtete ihn und wünschte ihn herbei, und wie jetzt Isaak Landauer einhielt, saß er in quälend prickelnder Spannung.

Und da fuhr der andere auch schon fort. Zögernd, die tastende Erwartung unter der Beiläufigkeit des Tones versteckt, fragte er: „Ich hab gemeint, Reb Süß, vielleicht Rabbi Gabriel.“

Da war es. Er zielte also, dieser Mensch, der da vor ihm saß und schlau und behaglich mit dem Kopf wackelte, mit sicherem Kalkül auf das, was er zu ahnen widerwillig abgelehnt, von sich abgeschüttelt hatte. Er zwang ihn, sich damit auseinanderzusetzen.

„Ich meine,“ tastete er wieder, der andere, der Lockende, Beneidete, „ich meine, der Ewige Jude, von dem sie schwatzen, das kann doch nur er sein.“