Kurze Zeit später erschien er in Hall. Am Tor erklärte er kecklich, er sei Ahasverus, der ewige Jude. Der Magistrat, sogleich beschickt, verordnete, man solle ihn vorderhand in der Vorstadt belassen. Aengstlich neugieriges Volk sammelte sich. Er sah aus wie häufig Hausierjuden, mit Kaftan und Schläfenlocken. Er erzählte bereitwillig, gurgelnd, oft unverständlich. Vor dem Kreuz warf er sich nieder, heulte, schlug sich die Brust. Im übrigen handelte er mit Kleinkram, und man kaufte ihm viel ab, Amulette, Andenken. Schließlich vor den Magistrat gestellt, erwies er sich als Schwindler, wurde gestäupt.
Aber diejenigen, die ihn gesehen hatten, erklärten, das sei freilich nicht der Rechte. Der habe nichts Besonderes an seiner Tracht gehabt, einen soliden holländischen Rock wie andere auch, leicht altmodisch, er habe ausgesehen wie ein hoher Beamter oder ein gutgestellter Bürger. Nur sein Gesicht und die Luft um ihn herum, sein Auge vor allem: kurz, man habe eben sogleich gespürt, das ist der Ewige Jude. So erzählten, an allen Ecken des Landes, übereinstimmend die Verschiedensten.
Die Gräfin fragte Isaak Landauer, was er von den Gerüchten halte. Er drückte herum, er sei kein Leibniz. Er sprach nicht gern von diesen Dingen, hier sah man nicht klar, er war geneigt, nichts zu glauben, aber seine Skepsis war ohne Sicherheit. Auch bekam, wer sich mit solchen Dingen befaßte, leicht mit der Polizei und den Kirchenbehörden zu tun. Sie, die Gräfin, glaubte fest an Magie und geheime Kunst. In Güstrow, als Kind, war sie viel mit der alten Johanne zusammengewesen, der Schäferin, die die Leute dann erschlagen hatten, weil sie das böse Wetter hergewünscht. Sie hatte manchmal offen, häufiger, wenn die Alte sie hinausjagte, heimlich zugeschaut, wie sie Salben und Tränke mischte, und ganz im Innern war sie überzeugt, ihr Aufstieg und ihre Macht rühre bloß davon her, daß sie sich nach dem Tod der Alten mit dem Bocksblut, das die zuletzt gerührt, heimlich Nabel, Scham und Schenkel bestrichen hatte. Sie unterhielt sich gern und voll prickelnd scheuer Gier mit den Alchimisten und Astrologen, die an den Ludwigsburger Hof kamen, und wenn sie auch in Gesellschaft die Philosophin spielte und den Freigeist, so mischte sie doch in der Stille gespannt und schwer atmend manches Rezept zur Erhaltung der Jugend, zur Gewinnung der Macht über den Mann. Daß die Juden ihre unerhörten Erfolge, ihre genialen Einfälle in allem Finanziellen magischen Mitteln verdanken, so dumm war sie nicht, das nicht zu durchschauen. Sie hatten solche Mittel übererbt bekommen von Moses und den Propheten her; weil Jesus diese Mittel allen Völkern verraten und sie dadurch wertlos machen wollte, darum hatten sie ihn gekreuzigt. Und wenn jetzt Isaak Landauer sich vor ihr wand und drehte, und sie, die ihm soviel Vertrauen gezeigt, in ihrer Not verließ, so war das schäbige Konkurrenzangst und schweres Unrecht von ihm.
Die Gerüchte von dem Ewigen Juden hatten ihr von neuem den Vorsatz gefestigt, wenn alles andere versagte, den Herzog mit magischen Mitteln zurückzugewinnen. Sie drang mit Ungestüm in Isaak Landauer, sie zu dem Ewigen Juden zu bringen. Und wenn er dafür nicht zu haben sei – er solle keine Ausflüchte machen, natürlich könne er es bei einigem guten Willen – dann solle er ihr doch wenigstens einen andern Kabbalisten beschaffen, der sich bewährt habe, und an den sie glauben könne.
Isaak Landauer rieb sich leicht fröstelnd die blassen Hände. Ihr Ansinnen und ihre Heftigkeit war ihm sehr unbequem. Gott, er war ein zuverlässiger Kaufmann, er beschaffte alles, was man wollte, Geld, Ländereien, einen Adelstitel, eine kleine reichsunmittelbare Grafschaft, wenn es sein mußte, überseeisches Gewürz, Neger, braune Sklavinnen, sprechende Papageien: aber wo in aller Welt sollte er den Ewigen Juden hernehmen oder einen soliden Kabbalisten, mit dem man Staat und Effekt machen konnte? Natürlich dachte er einen Augenblick daran, einen geschickten Schwindler vor die Gräfin hinzustellen; aber er wollte schließlich diese gute Kundin, die sich so ganz auf ihn verließ, nicht übers Ohr hauen. Er war immer solid gewesen. Und dann war es auch zu riskant. Die Landstände haßten ihn sowieso, sie hätten ihn mit größter Freude vors Gericht und, Gott behüte, auf den Scheiterhaufen gebracht. Er beurlaubte sich von der Gräfin gegen seine Gewohnheit verstimmt und mit einem widerwilligen halben Versprechen.
Er ging zu Josef Süß Oppenheimer.
Der hatte sich mittlerweile redlich bemüht, müßig zu sein; aber er hatte nicht die Gabe, sich auf solche Art zu erholen. Er litt unter dem Nichtstun; er fühlte sich, der rastlose Mann, unbehaglich, krank, wenn er nicht Projekte anzetteln, mit großen Herren verhandeln, Bewegung auslösen, in Bewegtem wirbeln konnte.
Von klein auf hatte es ihn umgetrieben, ihm keine Rast gegönnt. Schon als Kind hatte er es durchgedrückt, daß er nicht bei seinem Großvater in Frankfurt bleiben mußte, dem frommen und stillen Reb Salomon, dem Vorbeter in der Synagoge. Seine Eltern, der Vater war Direktor einer jüdischen Komödiantengesellschaft, mußten ihn auf ihre Tourneen mitnehmen. So war er schon als Sechsjähriger an den Herzogshof von Wolfenbüttel gekommen und hatte große Herren kennengelernt. Der Herzog mochte den Vater und mehr noch die Mutter, die wunderschöne Michaele Süß, gern leiden, und die Herzogin fraß ihren Narren an dem hübschen, leidenschaftlichen, altklugen, koketten Knaben. Ah, wie war er anders als das flachsblonde Phlegma der Kinder am Wolfenbüttler Hof. Von daher schon rührte seine sehnsüchtige Neigung, mit großen Herren zu verkehren. Er brauchte Abwechslung, es mußten viele, viele Gesichter an seinem Wege stehen, er hatte Durst auf Menschen, eine wütende Lust, immer mehr Gesichter in sein Leben zu stopfen, er vergaß ihrer keines. Der Tag war verloren, an dem er nicht mindestens vier neue Menschen sah, er war stolz darauf, ein Dritteil aller deutschen Fürsten, die Hälfte aller großen Damen von Angesicht zu Angesicht zu kennen.
Er war kaum mehr in der Heidelberger Schule zu halten. Dreimal in vier Jahren brannte er durch, lief den Schauspielern nach. Und als gar der Vater starb, konnten alle Bitten, Tränen, Drohungen, Verwünschungen der Mutter ihn nicht zähmen. Der hübsche Junge, von der ganzen Stadt verhätschelt, frühreif, als Wunderkind im Rechnen angestaunt, stolz auf sein prinzliches Aussehen, machte die tollsten Streiche. Die jüdischen Nachbarn schlugen die Hände zusammen, die christlichen lachten amüsiert und wohlgefällig, die Mutter, unter Flehen, Flennen, Schimpfen, ward zwischen Stolz und Empörung hin- und hergeworfen. Auch in Tübingen, wo er die Rechte studieren sollte, hielt es ihn nicht in den Hörsälen. Mathematik und Sprachen bewältigte er im Spiel, die Rabulisterei der Jurisprudenz, die die Professoren sich in mühsamer Theorie zusammenklaubten, stak ihm in den Fingern. Viel wichtiger war es ihm, mit den adeligen Studenten zusammenzusein, und ließen sie ihn nur eine Stunde als Kavalier und Kameraden gelten, so machte er ihnen gern dafür die ganze übrige Woche den Diener und Bajazzo. Er erkannte mehr und mehr: dies war seine Profession, große Herren zu traktieren und mit ihnen umzugehen, ihr Efeu zu sein. Wer verstand es wie er, in die Launen und Lüste der Fürsten hineinzukriechen, still zu sein zur rechten Zeit, zur rechten Zeit den Samen seines Willens in sie zu senken wie der Obstspinner seine Saat in die reifende Frucht. Und wer gar konnte sich dem Frauenzimmer anschmiegen wie er und mit weicher und sicherer Hand auch die Sprödeste herumbiegen. Es brannte in ihm: mehr Länder, mehr Menschen, mehr Frauen, mehr Pracht, mehr Geld, mehr Gesichter. Bewegung, Geschehen, Wirbel. Nicht in Wien litt es ihn, wo seine Schwester in stolzer Ehe lebte, glänzte, verschwendete, nicht in den Kontoren seiner Vettern Oppenheimer, der kaiserlichen Bankiers und Armeelieferanten, nicht in der Kanzlei des Mannheimer Advokaten Lanz, nicht in den Bureaus seines Bruders, des Darmstädter Kabinettsfaktors, der jetzt, Christ geworden, Baron Tauffenberger hieß. Es trieb ihn, es jagte ihn. Neue Frauen, neue Händel, neue Pracht, neue Sitten. Amsterdam, Paris, Venedig, Prag. Wirbel, Leben.
Bei alledem schwamm er in seichtem, abgespaltenem Wasser und konnte nicht recht auf den vollen Fluß hinauskommen. Erst die Hilfe Isaak Landauers hatte ihm ernsthafte Geschäfte verschafft, die kurpfälzische Stempelsache und den Darmstädter Münzakkord, und erst der flinke Mut, mit dem er diese riskanten Affären gepackt und im rechten Moment aus der Hand gelassen, hatte seinen Namen vollwichtig gemacht. Er hätte gültige Ursache gehabt, jetzt in Wildbad die Arme zu breiten, auszuatmen.