Er hätte ihr gern etwas Freundliches gesagt. Aber sie war eine gescheite, feste Frau, sie brauchte, sie wollte keine Vertröstung und Verschleierung, es war geradezu unanständig, ihr mit so was zu kommen. Er schaute sie auf und ab, und sie war bedenkenlos offen zu ihm, er sah ihr entspanntes Gesicht, den gelösten, feisten Leib, und er wußte auf ihren dringlich fragenden Blick keine andere Antwort als ein Schweigen und ein Achselzucken. Da ließ sie sich vollends fallen. Sie brach in ein lautes, haltloses Weinen aus wie ein kleines Kind. Dann begann sie unflätig zu schimpfen auf die Minister, ihren Bruder, ihren Neffen und die andern alle, ihre Kreaturen, die sie fallen ließen und keine Hand rührten, die sie noch stießen. Die Kanaillen, die schmutzigen! Sie hatte sie in ihre Stellungen gebracht, an ihr waren sie heraufgeklettert. Jeden Groschen, jeden Knopf an ihren Uniformen dankten sie ihr. Zudem hatten sie einen förmlichen Vertrag mit ihr, hier in der Schublade hatte sie das Papier, einander in günstigen und in widrigen Umständen nach Kräften beizustehen. Die Hundsfötter, zu schlecht für die Hölle und den Schinder! Denn selbst jeder Pracher, Teufel und Spitzbub hält solche Verträge und Kumpanei.

Der Jude sah still zu, wie sie wütete, ließ sie sich ausschäumen. Schließlich hustete sie, ihr Gesicht lief rot an, sie schnaufte, röchelte, weinte zuletzt haltlos, still vor sich hin. „Ach Jud,“ jammerte sie, „ach Jud,“ zerbrochen, geschüttelt, hemmungslos, die schwere, schöne Frau, Schminke und Puder zerflossen, die stolzen Stoffe hingen tot an ihr herunter.

Isaak Landauer kämmte sich mit den Fingern den strähnigen Bart, wiegte den Kopf. Dann ergriff er, behutsam, ihre große, warme Hand, murmelte vor sich hin, streichelte sie.

Gerüchte, niemand wußte woher, stoben im Lande auf von dem nahen Fall der Gräfin, hier, dort, an allen Ecken. Niemand wagte ein lautes Wort, aber flüsternd ging es durch alle. Es war ein großes, heimliches Aufatmen. In einzelnen Dörfern wurden schon Glocken geläutet, Dankgebete gesprochen, man verkündete nicht wofür, beließ es bei dem allgemeinen: für eine gnädige Fügung.

Aber es wurde nichts anders vorläufig, im Gegenteil, der Druck wurde härter, erbitterter. Alte Beamte wurden ihrer Stellen entsetzt, weil ein neuer Bewerber ihr Amt höher bezahlte. Die Generalvisitation wütete gegen Gemeinden und Privatleute mit Anklagen und Inquisitionen, von denen man sich nur durch hohe Zahlungen lösen konnte; alle Staatsstellen, selbst das Kirchengut und die Witwen- und Waisenkassen wurden zu hohen und sehr unsichern unverzinslichen Darlehen an die Schatulle der Gräfin gezwungen; die Agenten der Gräfin schalteten herrischer und maßloser als je zuvor. Und als gar ein scharfes herzogliches Reskript erschien, das von neuem und nachdrücklich alle übeln Reden gegen die Gräfin mit schweren Strafen bedrohte, sanken auch die leichtestflügeligen Hoffnungen lahm zur Erde.

Der engere Ausschuß des Parlaments, der Landschaft, hielt alle drei Tage Sitzung. Die Herren waren vom König von Preußen empfangen worden, sie wußten um das Zerwürfnis der Gräfin mit ihrem Bruder, sie spürten den nahen Fall der Gräfin, wollten ihn beschleunigen. Man beriet über die Möglichkeit einer neuerlichen Anklage bei Kaiser und Reich, über neue Beschwerden beim Herzog gegen gewisse Maßlosigkeiten der Grävenizschen aus der letzten Zeit. Die elf Herren saßen beisammen, acht Mitglieder des engeren Ausschusses, die beiden Konsulenten, der Vorsitzende und Erste Sekretär. Sehr verschieden die einzelnen, von dem plumpen, massigen Johann Friedrich Jäger, Bürgermeister zu Brackenheim, bis zu dem feinen, eleganten, weltläufigen Konsistorialrat und Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee; aber alle einig pochend auf die Rechte und Privilegien der Landschaft. Es polterte von wüsten Verwünschungen der Gräfin, mit Ruten müsse das Saumensch aus dem Land gepeitscht werden, und Johann Friedrich Bellon, Bürgermeister zu Weinsberg, haute auf den Tisch, wenn es so weit sei, werde er seine kleinen Kinder mit auf die Gassen nehmen und sie heißen, das Luder, das pockennarbige, von der Lustseuche zerfressene, ins Antlitz speien. Es dröhnten stolze Reden, wo in Europa gebe es noch ein Land mit soviel Freiheiten, nur Württemberg und England habe sich soviel parlamentarische Sicherungen erkämpft, und die Luft im Hause des Landtags war voll von Bürgerstolz, Schweiß und Demokratie. Aber es kam nur zu schwächlichen Beschlüssen, und da Eberhard Ludwig nicht zu erreichen war und die Geheimräte nur höflich verzögernde Antworten hatten, kamen auch diese Resolutionen ins Hinken und blieben nach drei Wochen vergilbende Akten.

Auch die Herzogin Johanna Elisabetha, die in dem verödeten Stuttgarter Schloß saß und wartete, hatte von der nahen Ungnade der Gräfin gehört. Die Herren von der Landschaft gingen bei ihr ein und aus, der Kaiser sandte ihr Spezialbotschaft, der König von Preußen hatte ihr in besonders feierlicher Form aufgewartet. Wie spottete man in den Kreisen der Gräfin über diese zeremoniöse Visite des schäbigen Königs bei der verschlissenen Herzogin. Die Herzogin hörte aufmerksam auf alle Stimmen, verzeichnete sorglich jede Schwankung Eberhard Ludwigs, aber ihre Hoffnung stieg nicht hoch, und ihre Enttäuschung fiel nicht tief, als sich der ersehnte Umschwung verzögerte. Sie hatte so lange gewartet. Dreißig Jahre saß sie jetzt in dem kahlen Schlosse, in dem der Herzog ihr nur den nötigsten Hausrat belassen hatte, saß trübselig, verstaubt, eigensinnig, sauer, wartete. Wohl machten auch ihr die fremden Gesandten untertänige Besuche, aber sie wußte, es war langweilige Pflicht, und man zeichnete sie nur aus, wenn man mit dem Herzog brouilliert war, ihn ärgern wollte. Das Leben war drüben in Ludwigsburg, in der Stadt, die Eberhard Ludwig der Rivalin gebaut hatte, als sie, die Herzogin, verbissen in Stuttgart aushielt, Demütigungen, Drohungen nicht achtend. Das Leben war drüben in Ludwigsburg, wohin der Fürst seine Residenz verlegt hatte, wohin er die widerstrebenden Aemter, Kollegien, Konsistorium, Kirchenrat zwang. Dort hatte er für jene, für die Mecklenburgerin, die Mätresse, die Person, das prunkende Schloß gebaut, dorthin aus dem Stuttgarter Palais alle Kleinodien, Prunkmöbel schaffen lassen.

Johanna Elisabetha erinnerte sich der Mecklenburgerin – auch in Gedanken nicht nannte sie den Namen der Verfluchten – vom ersten Tag an. Sie hatte ihren Gatten in Liebe und Ehren gehalten, sie war stolz auf den Kriegshelden und Kavalier, sie wußte auch, daß sie nicht schön genug war für ihn, und verdachte es ihm nicht, wenn er mit ihren Hoffräulein herumscharmuzierte. Auch als sie ihm einen Sohn und eine Tochter gebar und man ihr andeutete, die Schwächlichkeit der Kinder rühre von dem wilden Leben des Herzogs her, trug sie es ihm nicht nach. Wie die Mecklenburgerin an den Hof kam, – ihr Bruder hatte sie hergebracht, der intrigante Kuppler, um durch sie seinen Weg zu machen – begriff sie zwar nicht, was viel an der Person sei, aber wenn Eberhard Ludwig sie wollte: sie hatte zu so vielem die Augen zugedrückt, sie gönnte sie ihm. Ueberdies hatte sich der Herzog zuerst gar nichts aus ihr gemacht, erst später bei einer Liebhaberaufführung, in der er mit ihr spielte, entzündete er sich. Sie sah noch die frechen, nackten Brüste, mit denen die Person in dem koketten Phyllis-Kostüm sich an ihn drängte. Und seither war kein Tag vergangen, daß die Person sie nicht angehaßt hätte. Sie hatte den Herzog mit Hexerei an sich gelockt, das war ja klar; sie hatte auch versucht, sie, die Herzogin, zu vergiften; daß ihr damals auf die Schokolade so schlecht geworden war, da war das Gift der Mecklenburgerin schuld, und nur eine gnädige Fügung hatte sie vor Schlimmerem bewahrt und sie von dem Kuchen nichts genießen lassen. Für jeden, der Augen hatte, lag es am Tag, daß sie eine verfluchte Hexe, Giftmischerin und Teufelsbuhle war. War sie nicht auch vor der Zeit eines blauschwarzen, behaarten, verschrumpften Wechselbalgs genesen?

Aber sie, die Herzogin, hatte sich durch keine Untat, Kränkung und Hexerei aus ihrem Rechte treiben lassen. Es war längst kein saftiger Haß mehr in ihr, es war ein trockenes, dürres, scheles, pedantisches, verstaubtes Warten auf den Zusammenbruch der Person. So saß sie in dem weiten, ausgeleerten Schloß, trübselig, kahl, sauer, und die Nachrichten, die zu ihr kamen, verloren ihre Farbe und wurden breiig, zäh, spinnwebfarben wie sie selber.

Um jene Wochen ward im schwäbischen Kreis bald hier, bald dort der Ewige Jude gesehen. In Tübingen sagte man, er sei in einem Privatwagen durch die Stadt gefahren, andere wollten ihn auf der Landstraße gesehen haben, zu Fuß, in der Post, der Torschreiber von Weinsberg erzählte von einem seltsamen Fremden, der einen sonderbaren Namen angegeben und ein merkwürdiges Gewese gehabt habe; wie er aber weiter in ihn gedrungen sei um gehörige Legitimation, habe ihn der Unheimliche mit einem so höllischen Blick durch und durch geschaut, daß er in seiner Verwirrung von ihm abgelassen habe, und jetzt noch spüre er den Teufelsblick wie Reißen durch alle Glieder. Ueberall ging das Geraune, die Kinder wurden gewarnt vor dem Aug des Fremden, und Weil, die Stadt, wo er in der Umgebung zuletzt gesehen worden, gab ihrer Torwache verschärfte Instruktionen.