Ewig fluten die drei Wellen über das kleine Land und münden ineinander; die helle, rauschende vom Wollen und Tun, die heiße, glühende vom herrischen Nicht-dem-Tod-sich-fügen, die milde, dunkle vom Verströmen und Verzichten. Still und aufmerksam liegt das winzige Land Kanaan und läßt die Wellen über sich hin und ineinander fluten.
In dem winzigen Land, helläugig, hellhörig, saß das Volk Israel. Lugte nach Osten, lauschte nach Westen, spähte nach Mittag. Es ist ein so kleines Volk, und es sitzt zwischen Kolossen: Babel-Assur, Mizraim, Syrien-Rom. Es muß scharf aufpassen, will es nicht unversehens zerdrückt werden oder in den Riesen zergehen. Und es will nicht zergehen, es will dasein, es ist ein kluges, kleines, tapferes Volk, es denkt nicht daran, sich zerdrücken zu lassen. Die drei Wellen kommen, in ewigem Gleichmaß, immer wieder. Aber das kleine Volk hält stand. Es ist nicht dumm, es wehrt sich nicht gegen das Unmögliche; es duckt sich, wenn eine Welle gar zu hoch einherkommt, und läßt sich ruhig bis über den Scheitel überspülen. Aber dann taucht es wieder hoch und schüttelt sich ab und ist da. Es ist zäh, aber nicht töricht obstinat. Es gibt sich allen Wellen hin, doch keiner ganz. Nimmt sich aus den drei Strömungen, was ihm tauglich scheint, paßt es sich an.
Die ständige Gefährdung zwingt das kleine Volk, keine Bewegung der gigantischen Nachbarn zu übersehen, immer vorsichtig zu spüren, zu wittern, zu sichten, zu erkennen. Sichtung, Einordnung, Erkenntnis der Welt wird ihm zur Natur. Es wächst ihm eine große Liebe zum Mittel solcher Erkenntnis, zum Wort. Durch Religionsgesetz ächtet es den Analphabeten, Kenntnis der Schrift wird göttliches Gebot. Es zeichnet auf, was ihm die drei Wellen bringen. Wandelt in eigene, selbstschaffene Worte die helle, schmetternde Lehre vom Tun, die dumpfe, schwelende vom Trotz zur Unsterblichkeit, die linde, verrieselnde von der Seligkeit des Nichtwollens und Nichttuns. Und das kleine Volk schreibt die beiden Bücher, die von allen am meisten das Gesicht der Welt veränderten, das große Buch vom Tun, das Alte Testament, und das große Buch vom Verzicht, das Neue. Trotz zur Unsterblichkeit aber bleibt der Grundton in allem seinem Leben und Wort.
Die Söhne des kleinen Volkes gingen aus in die Welt und leben die Lehre des Westens. Wirken, ringen, raffen. Doch sie sind trotz allem nicht recht heimisch im Tun, sie sind zu Hause auf der Brücke zwischen Tun und Verzicht. Und immer wenden sie sich, schauen zurück nach Zion. Oft wohl, in der Erfüllung des Siegs, in der Erkenntnis der Niederlage, mitten im rasendsten Lauf bleiben sie stehen, überschauert, hören aus tausend Schällen heraus eine ganz leise, verrieselnde Stimme: nicht wollen, nicht tun, verzichten auf das Ich.
Und mancher von ihnen schreitet den Pfad ganz aus: vom rasenden Wirbel des Tuns, aus Macht, Lust, Besitz über den Trotz gegen die Zerwesung zur seligen Ledigung und Lösung, zur Verebbung in Nichtwollen und Verzicht.
Durch Nacht, Wolken, Sturm jagten die Kuriere nach Stuttgart. Zu den Herren des Parlaments, zu Remchingen, zur Herzogin. Sie überholten die Kutsche mit den Deputierten, die beim Herzog gewesen waren. Vor den Deputierten schon passierte die Kunde vom Tod Karl Alexanders das Tor, flackerte schüchtern durch die dunkle, stille Stadt, in der doch überall Geraun und Fieber war. Auf die Straßen, zum Nachbarn, eilten die Bürger. Ist es wahr? Die Strafe Gottes, der sichtbarliche Finger des Herrn. So erschütternd groß und unwahrscheinlich die Erlösung. Aber ist es auch wahr? Ist es keine Falle? Zaghafte Lichter brannten auf in den Häusern. Verstärktes Geraun, erste, unterdrückte Freudenrufe. Auf einmal zuckte ein Gerücht auf, alles wieder austretend: es war nur ein Anfall, der Herzog ist zum Leben zurückgebracht. Wie sie nach Hause schlichen, sich duckten, die Lichter löschten. Bis endlich, endlich Gewißheit kam, unzweifelbare Nachricht, vom Rathaus herab verkündet wurde: der Herzog ist tot. Jetzt toste der langgezügelte Jubel los. Umarmen, Beten. Freude auf allen Gesichtern als der Geretteten. Lichter und Feiertag. Der schweinsäugige Konditor Benz malte, mit seinen Kumpanen aus dem Blauen Bock, ein Transparent, auf dem über einer Kirche mit zwei Türmen ein geflügelter Teufel einen Menschen wegtrug. Untenhin mit riesigen Lettern setzte er den Reim: „Schaut, wie den Renegat ums Gold / Leibhaftig hier der Teufel holt.“ Mit freudezitternden, schwitzenden Händen stellte er das Transparent ins kerzenstrahlende Fenster, jubelte, wie die Menge davor stehenblieb, den Reim durch die Stadt trug. Bald hieß es überall, den Herzog habe der Teufel geholt. Habt ihr nicht gehört, was für schwarzblaues, gräßlich entstelltes Gesicht die Leiche hat? Mit den Krallen erwürgt hat Beelzebub den ketzerischen Fürsten.
In flatteriger Fassungslosigkeit saß Marie Auguste in ihrem Kabinett. Um sie der Hofkanzler Scheffer, der General Remchingen, ihr Beichtiger, der Kapuzinerpater Florian. Sie saß in einem entzückenden Negligé, das heute früh erst durch Spezialkurier aus Paris angelangt war, und sie mußte immer denken, wie schade es sei, daß sie das Negligé nicht schon einen Tag vorher gehabt hatte. Dann hätte sie es in jener Abschiedsnacht getragen und Karl Alexander hätte es noch gesehen. Nun war er gräßlich tot und wird sich nie an keinem Negligé und keiner Frau mehr freuen. Sie empfand es wie eine gute Tat, daß sie wenigstens in der letzten Nacht Karl Alexander so willig gewesen war. Von unten her dröhnte der Jubel der Stadt über den Tod des Herzogs.
Der massige Remchingen, in aller Angst und Betretenheit unwillkürlich und ohne Gedanken an den nackten Armen Marie Augustens fressend, knurrte, berstend vor machtloser Wut: Dreinhauen! Dreinhauen! Trotz allem das Projekt durchführen. Man habe die Soldaten. Er stehe für die Soldaten. Schön, ein paar Regimenter werden meutern. Er werde füsilieren lassen. Man vereidige eben auf die Herzogin. Semiramis. Elisabeth. Katharina. Dreinhauen! Dreinhauen! Aengstlich wehrte der schlotterichte Hofkanzler. Nur um Gottes willen jetzt kein Blutvergießen. Der Putsch sei erledigt und vorbei. Nur behutsam jetzt und legitime. Alles legitime. Das Testament gebe Handhaben. Aehnlich argumentierte Pater Florian, doch bestimmter und minder furchtsam. Die rasche Phantasie des Kapuziners spann an einer luftigen Kette. Er, der staatskluge Mann, als Beichtiger der regierenden Herzogin, an dieser vielleicht wichtigsten, aussichtshellsten Stelle im Reich. Er träumte sich schon, während er leise, vorsichtige Worte setzte, als deutschen Richelieu oder Mazarin. Aber Marie Auguste war, während ihr pastellfarbener, kleiner Eidechsenkopf aufmerksam zu lauschen schien, sehr abwesend, sie dachte an Karl Alexander, an das Negligé, an den zu bestellenden Witwenschleier – man konnte das sehr pikant und kleidsam machen, selbst die häßliche Herzogin von Angoulème hatte gut darin ausgesehen – und nachdem die Herren höchst positive Vorschläge gemacht hatten, sagte sie unvermittelt mit kleiner, wichtiger Stimme: „Que faire, messieurs? Que faire?“
Der engere Ausschuß des Parlaments trat noch in der Nacht zusammen; auch anderen Parlamentariern konnte man es nicht verwehren, an der Sitzung teilzunehmen. Dieser wichtig sich gehabende Jubel, dieses Machtgespreiz. Die Herren taten so, als sei der Tod des Herzogs ihr persönliches Verdienst, als hätten sie umsichtig und staatsklug diese einfachste Lösung der Krise herbeigeführt. Der Parlamentarier Neuffer glaubte wirklich, er sei der Urheber der absonderlichen Errettung. Düster phantasierend spann er sich, Tatsächliches und Gehörtes umbiegend und geheimnisvoll belichtend, eine abenteuerliche Intrigengeschichte zusammen, und er saß als Spinne und Fadenlenker mitteninne. Hatten nicht seine dringlichen Reden den Kammerdiener Neuffer, seinen Vetter, von der Verderblichkeit des Despoten überzeugt, ihn, freilich ohne daß er es eingestand, zur Sache der Verfassungspartei bekehrt? Zweifellos hatte der vertraute Diener die Dosis des Aphrodisiakums so verstärkt, daß bei der Lebensweise und der Verfettung des Herzogs der Schlag mit Notwendigkeit eintreten mußte. Er hatte schon bei Medizinern herumgefragt; alle hatten es ihm bestätigt, daß unter so beschaffenen Umständen die Katastrophe eintreten mußte, wofern Gegenmittel nicht sogleich zur Stelle waren. Und sie waren nicht zur Stelle, Karl Alexander starb – war dies Zufall, ho? oder hatte vielleicht eine sachte, kluge Hand es so eingerichtet? – Karl Alexander starb ganz allein. Nicht einmal sein Beichtiger war da, seine Ketzerseele in den Ketzerhimmel zu steuern; kein Lakai war auf den Korridoren, alle Dienerschaft war – merkt ihr was? – im anderen Flügel des Schlosses, um dem Tanzen zuzuschauen. Einsam, wie ein Hund, verreckte der Despot. Diesen abenteuerlichen Roman, dem Wissenden schon dadurch hinfällig, daß der Schwarzbraune und nicht der Neuffer den Trank gemischt hatte, flüsterte, teuflisch und bedeutungsvoll grinsend, der finstere Mann seinen Parlamentskollegen zu, und der Tod des Herzogs just in diesem Moment war ja auch ein so unwahrscheinliches Glück, daß viele geneigt waren, der Erzählung des dunklen Fanatikers zu glauben. Schon rückten sie und doch bewundernd von ihm ab, und einsam sonnte sich der Stuttgarter Brutus in seiner düstern Größe.
Die anderen, geschwellt, machten Pläne. Schon war die Freude über die Errettung verdrängt von dickem Besitz-, Macht-, Rachegefühl. Ho! Jetzt war man obenauf! Ho! Jetzt wird man heimzahlen, dem Juden, den Ketzern, allen, vor denen man hat kuschen müssen. Es war klar, daß der Herzog Rudolf von Neuenstadt Obervormund des kleinen Herzog-Nachfolgers werden mußte, wie immer das Testament Karl Alexanders lauten mochte. Auf den konnte man sich verlassen. Der war guter Protestant und von ihrer Partei. Noch morgen wird man ihn beschicken. Und heute noch, heute nacht noch wird man den Ketzern und Landverderbern und Judenzern zum Tanz aufspielen. Ans Militär wagte man sich nicht heran; aber was an Zivil von der Süßischen Partei in Stuttgart, nicht in Ludwigsburg, war, packte man noch in derselbigen Nacht. Es war ähnlich wie nach dem Tode Eberhard Ludwigs beim Sturze der Grävenizischen. Die Büttel und Gerichtsdiener gingen herum, verhafteten, schleppten die Gestürzten, schief Blickenden, wild Fluchenden, giftig Schimpfenden, verächtlich Bettelnden und Lamentierenden durch das gaffende, höhnende, jubelnde Volk auf die Wache. In Haft die Bühler, Mez, Hallwachs, in Haft die Lamprechts, Knab, ja selbst der Hofkanzler Scheffer.