Knirschend schaute Remchingen zu. Ausdrückliche Ordre der Herzogin verbot ihm, einzuschreiten. Aber sollen sie sich nur ans Militär wagen! Einen einzigen von seinen Offizieren sollen sie anlangen mit ihren stinkigen Pöbelfingern! Dann ist er nicht mehr zu halten, dann haut er drein! Doch in weitem Bogen gingen die Beauftragten der Landschaft um die Militärs herum.

Von Einem, merkwürdigerweise, sprach man in Stuttgart nicht oder nur leise, ihn streifend, den Namen nicht nennend. Und doch war der Eine der letzte Untergrund all ihrer Gedanken, heimliche Hoffnung der Herzogin und der Militärs, heimliche Furcht des Parlaments und der Bürger. Was tat Süß? Wo setzte er an? Wird er angreifen? Oder wie, der Aalglatte, Teufelsgewandte, sich verteidigen? Er war in Ludwigsburg, man hatte keinen Buchstab Nachricht von ihm, keine Depesche, nichts. Der erste Schimmer des Tages graute herauf, ein warmer, regnichter Märzmorgen. Man war todmüde und zerschlagen nach der wirren Nacht mit ihrem Auf und Ab, streckte sich aufs Lager. Und noch immer keine Depesche von dem Juden. Es war hinterhältig, rücksichtslos, gemein. In die ersten Träume hinein glitt den verbissen Wütenden um die Herzogin, den triumphierenden Parlamentariern, den Gestürzten, Verhafteten dumpf Furcht und Hoffnung: Was tat Süß?

In Ludwigsburg diktierte der Doktor Wendelin Breyer den ärztlichen Befund. Zusammen mit den Kollegen Georg Burkhard Seeger und Ludwig Friedrich Bilfinger und in Gegenwart des Regierungspräsidenten von Beulwiz und des Hofmarschalls von Schenk-Kastell hatte er die Leichenöffnung vorgenommen. Alle drei hatten die Leibärzte, während sie an der Leiche herumschnitten, die gleichen Gedanken: Ei du! Jetzt liegst du fein still, stößt nicht mit dem Fuß, schmeißt mir keine Medizinflasche an den Kopf. Aber ihre Mienen blieben ernsthaft und voll gravitätischer Trauer, wie es Wissenschaftlern ziemt. Und jetzt diktierte der Doktor Wendelin Breyer mit seiner hohlen Stimme und mit großen, flatterigen Bewegungen das umständliche und gewissenhafte Judicium medico-chirurgicum, den Befund des Kollegiums. „Aus diesem Viso reperto“, diktierte er, „erhellet genugsam, daß Seine Hochfürstliche Durchlaucht nicht an einem Schlagfluß, nicht an einer Inflammation oder Gangraena, nicht an einem Blutsturz, auch nicht an einem Polypo etc., sondern an einem Steckfluß verschieden und in dem Blut recht ersticket ist. Zu dieser so schnellen Veränderung hat ohne allen Zweifel Gelegenheit gegeben eines Teils der ehemals öfters rekurierte, letzthin aber allzu heftig ausgebrochene Spasmus diaphragmatis etc. und der große, das Zwerchfell über sich pressende, mit vielen Blähungen angefüllte Magen, andern Teils aber die ad stagnationem sanguinis plenariam, ob atoniam et debilitatem connatam (allermaßen die betrübte Erfahrung nur allzu deutlich zeigt, daß die meisten Durchlauchtigen Fürsten vom Haus Württemberg an Brustzuständen dahingehen) ohnehin disponierte Pulmones.“

In Stuttgart wurde unterdes, schon am Tag nach dem Tode Karl Alexanders, sein Testament eröffnet. Das Testament setzte in seiner ursprünglichen Fassung die Herzogin zusammen mit dem Herzog Karl Rudolf von Neuenstadt als Vormünder ein. Ein späteres, von den Geheimräten Fichtel und Raab veranlaßtes Kodizill bestimmte indes den Erzbischof von Würzburg als Mitvormund, ein zweiter, von Karl Alexander erst kurz vor seinem Tod unterschriebener Zusatz stattete den Bischof mit besonderer Machtvollkommenheit aus.

Sogleich fuhr eine Deputation des Elfer-Ausschusses nach dem stillen Neuenstadt zu Herzog Karl Rudolf, ihn um sofortige Uebernahme der Regentschaft untertänigst zu bitten. Karl Rudolf war ein karger, hochbetagter Herr. Er hatte in Tübingen studiert, in jungen Jahren schon die Welt von allen Seiten berochen, war in der Schweiz, in Frankreich, England, in den Niederlanden gewesen. Er hatte dann venezianische Dienste genommen, in Morea gefochten, sich bei der Belagerung von Negroponte groß ausgezeichnet. Hatte als Freiwilliger in Irland gekämpft, im spanischen Erbfolgekrieg die zwölftausend dänischen Söldner geführt, den blutigen Sieg bei Ramillies hatte er entschieden. Prinz Eugen und Marlborough schätzten ihn hoch, sein Name glänzte unter den Heerführern Europas. Plötzlich dann, als durch den Tod seines Bruders ihm die Württembergisch-Neuenstädtischen Apanage-Güter zufielen, legte der Fünfzigjährige alle Kriegsstellen nieder, zog sich in die kleine Stadt zurück, lebte als Bauer, als strenger, gewissenhafter Hausvater seines kleinen Volkes.

Er hatte keinen Verkehr mit Karl Alexander gehabt. Der prächtige Fürst mit seinem üppigen Hof, seinem frechen, gaunerischen Juden war ihm tief zuwider. Er war ein strenger, karger Herr und nun über siebzig. Er liebte seine kleine, versponnene, umblühte Stadt; sprach man von Marie Auguste, der Ketzerin, der frivolen Liebhaberin von Putz und Komödianten, verzog er sauer und angeekelt die harten Lippen. Er war klein, dürr, etwas schief, sein Wort von militärischer Kürze, seine Kleidung und sein Hofhalt streng geregelt, sauber, schäbig. Er sagte: Pflicht! Er sagte: Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität! Er war trotz seines Alters ein starker Arbeiter.

Er hörte die Stuttgarter Herren schweigend an, ließ sie ihre umständlichen Sätze zu Ende reden und wiederholen und schwieg noch immer. Er war sehr betagt, er wäre gern seine wenigen Jahre noch in seiner kleinen, umblühten Stadt geblieben, hätte, ein alter Bauer, seine Felder inspiziert und seine Weinberge und die einzelnen seiner Untertanen beaufsichtigt, wie sie ihre Kinder hielten und ihr Vieh. Nun legte Gott ihm alten Mann diese harte Arbeit auf, das verlotterte Land zu säubern und auszumisten, sich vor seinem Sterben noch mit Kaiser und Reich herumzuschlagen, sich mit dem fetten, schlauen Jesuiten von Würzburg abzuärgern. Gott kommandierte; er war Soldat und kannte Subordination, hielt Disziplin, fügte sich. Er sagte den Stuttgartern, er nehme die Verweserschaft an, doch unter dem Beding, daß kein zweiter Vormund neben ihm sei, die Herzogin nicht, die Katholikin, die Regensburgerin, und gar erst nicht der Jesuit, der Würzburger. Er sagte, er werde schon andern Tags in die Residenz kommen.

Sehr vergnügt fuhren die Stuttgarter zurück. Das war der Mann, den sie brauchten. Der wird mit dem Remchingen fertig werden und auch mit dem Juden, von dem man, seltsamerweise, noch immer nichts hörte.

Remchingen schlug sogleich wild um sich. Er haßte den dürren Neuenstadter von je, hatte sich öfters lustig gemacht über den Filz und Kleinkrämer. Jetzt stützte er sich auf das Kodizill des Testaments, auf die Vollmachten des Fürstbischofs von Würzburg, auf die Truppen, die ihm ergeben waren. Er verweigerte dem Herzog-Verweser die Handtreue, nahm von ihm keine Parole an, verbot beides auch seinen Untergebenen, vereidigte sie auf Karl Alexanders Testament. Verstärkte ohne Wissen und gegen den Willen des Herzog-Verwesers die Stuttgarter Garnison, gab den Kommandanten der Festungen und der Garnisonen im Land Weisung, keine Ordres anzunehmen als unmittelbar von ihm oder der Herzogin. Um die Armee gegen Karl Rudolf aufzureizen, sprengte er aus, der neue Herr gehe mit dem Parlament auf eine Verringerung des Heeres aus, große Entlassungen stünden bevor.

Unter solchen Umständen zog Karl Rudolf still und karg in Stuttgart ein, bezog Wohnung in einem Nebenflügel des Schlosses, wollte der Herzogin-Witwe seine Aufwartung machen, die nahm ihn nicht an. Er kümmerte sich nicht darum, saß, der Einundsiebzigjährige, andern Morgens schon um sechs Uhr, wie er es gewohnt war, bei der Arbeit. Er mistete, zunächst in der Hauptstadt, rücksichtslos aus, alle unzuverlässigen Beamten wurden entlassen, ihre Papiere beschlagnahmt, viele verhaftet. Die Mehrzahl der Führer der katholischen Partei war bereits geflohen.