Die anderen hatten mittlerweile das Für und Gegen weiter überdacht. Sie sahen sich an, erspähten prüfend heimliche Hintergedanken, geheimes Einverständnis einer im andern. Dehnte man die Untersuchung auf die Bettsünden des Juden aus, ei, den Ruf und das Schicksal wie vieler Frauen, wie vieler Familien würde man in die Hand kriegen. Man kannte Namen, es waren große, weitverzweigte Familien. Man konnte sich ja darauf beschränken zu inquirieren, konnte dann das weitere Prozedere dem Herzog-Administrator und dem Kabinett überlassen. Man brauchte ja auch nicht alles zu untersuchen, man hatte weite Vollmachten, konnte nach Belieben die hereinziehen, jene laufen lassen. Jedenfalls bedeutete solche Ausdehnung der Untersuchung für den einzelnen ungeheuren Zuwachs an Macht, Wichtigkeit, Einfluß. Man hing wie eine blitzschwangere Wolke über dem Land, konnte nach Gutdünken treffen und verschonen. Und wie viele Heimlichkeiten wird man zu hören kriegen, die man für den Augenblick gar nicht zu nutzen braucht, die man aber nach Gutdünken später verwerten kann. Wie ein spanisches Inquisitionsgericht war man mächtig und unheimlich, wie der verborgene Rat der Republik Venedig. Das zog an, das juckte, das lockte. Was wird man für verschlossene, vielsagende Gesichter machen können! Wie viele werden einen ängstlich demütig umschleichen, beklommen lauernd, ob man sie packen oder gnädig übersehen wird. Und wie viele pikante Details wird man erfahren, mit denen man einen Freund und Bruder, Frau oder Geliebte vertraulich erfreuen, später einem fröhlichen Zecherkreis Gaudium und Schall und Gelächter bieten kann. Ein leises Schmunzeln zog über das grob joviale Gesicht des Geheimrats Gaisberg, die jüngeren Herren ließen die Mienen schlaff werden und sich entspannen, senkten halb die Lider, blinzelten. Man beschloß nach dem Vorschlag des Herrn von Pflug.
Süß wurde zuerst in einer Plenarsitzung über diesen Punkt vernommen. Die Professoren Schöpf und Harpprecht waren ferngeblieben. Süß war beleibter geworden, weniger straff, der Rücken runder. Sein Gesicht schien breiter, seine braunen Augen waren weniger gewölbt, langsamer, milder. In die Stirne begannen sich über der Nasenwurzel Furchen einzuzacken. Seine Bewegungen waren sachter, es war eine milde und listige Ruhe um ihn.
Als man ihn fragte, ob er fleischlichen Umgang mit Christinnen gehabt habe, schaute er die Richter zunächst verwundert an. Das Gesetz, das solchen Verkehr mit dem Tode bestrafte, war ihm nicht gegenwärtig, so außer Uebung war es. Er hielt die Frage für höhnische Neugier, lediglich bestimmt, ihn auf irgendeine Art zu demütigen, wußte nicht, worauf man hinauswollte, schwieg. Der Geheimrat von Gaisberg drängte ungestüm weiter, er solle keine Faxen machen, sondern unverweilt die Menscher herzählen, mit denen er geschlafen habe. Der Jude sah die Herren aufmerksam an, glitt mit wägendem Blick von einem zum andern, sagte sachlich, ohne Spott, er vermöge durchaus nicht einzusehen, was das solle mit Hochverrat und Münzfälschung zu tun haben. Scharf fuhr ihn Herr von Pflug an, das sei ihre, der Richter, Sache, er möge seine jüdische Frechheit zähmen.
Süß stand, wiegte den Kopf, überlegte. Da fiel ihm jener Artikel des Reichskriminalgesetzes ein, den man seit Jahrhunderten nicht ernst genommen, den man ihm vielleicht gelegentlich im Scherz zitiert hatte. Was? Mit dieser alten, rostigen Karnevalswaffe wollte man ihn hinmetzgen, auf solche Narrenweise sollte er sterben? Mit Einem war der alte, glänzende Süß wieder da. Er straffte sich, schickte rasche, fliegende Blicke über die Richter, sagte schlank, höhnisch: „Daß ich mit christlichen Frauen geschlafen hab, leugn’ ich nicht. Wenn die Herren mich darum wollen zum Tod verurteilen, mögen sie es. Das ganze Römische Reich wird lachen. Nicht über mich.“ Während die Empörten auf ihn losfuhren, über seine Frechheit keifend, gröhlend, durcheinanderschreiend, stand Süß kalt, unbewegt. Er sah seine Richter. Den tierischen, triumphierenden Haß, die Lüsternheit, die Grausamkeit, die geblähte Eitelkeit. Das freche, kalte, erpresserische Spiel, das mit den Frauen getrieben werden sollte. Er sah die menschlichen Masken abfallen, die nackten Fratzen darunter, Wölfe und Säue. Doch ehe sein geballter Zorn ausbrach, hatte er ihn schon hinter sich, Erbarmnis überkam ihn mit den Armseligen, Bösartigen da vor ihm. Das alte, milde, listige Lächeln auf den Lippen, sagte er: „Die Namen nenne ich nicht. Da müssen sich die Herren die Damen schon selber zusammensuchen.“
Die Richter, sogar die gutmütigeren und bisher wohlwollenden, ärgerten sich über ihn bis zur Erbitterung. Daß der Jude vielleicht aus Rücksicht auf die Frauen die Namen verschweigen könnte, den Gedanken ließen sie nicht hochkommen in sich selber. Denn es war doch ausgeschlossen, daß sie, die hochmögenden Herren, weniger kavaliersmäßig sein sollten als ein Jud, daß der Jude nobler sein sollte als etwa ein württembergischer Geheimrat. Nein, es war pure Bosheit und Verstocktheit von dem Halunken, eine Art jüdischen Geizes, daß er sie, die ein verbrieftes Recht darauf hatten, nicht an seinen Bettfreuden teilhaben lassen, ihnen die Namen verbergen wollte. Man hatte es sich schon so fein ausgemalt, die Sensation, den Kitzel, alles Drum und Dran, und nun wollte er es einem aus purer Bosheit verhunzen. Aber man wird den Kujonen kleinkriegen, wird dem Saujuden Respekt beibringen vor einem schwäbischen Gerichtshof.
Man hielt ihn härter, brachte ihn aus der Botmäßigkeit des freundlichen Kommandanten von Hohenneuffen. Ueberführte ihn in strenge Haft auf den Asperg. Hier regierte der Major Glaser, ein pedantischer Mann, dessen Atem Disziplin war. Süß wurde in ein enges, feuchtes Loch gesperrt. Der Tag war hier nicht viel anders als die Nacht, die Kleider stanken in der nassen, modrigen Luft, faulten am Leib. Er erhielt keine Lagerstatt, der Boden war nackt, kalt, bucklig, naß. Er wurde auf Wasser und Brot gesetzt, durch viele Stunden kreuzweis geschlossen. Dicke Ratten trippelten widrig über seinen verrenkten Leib, und er konnte ihnen nicht wehren.
Sein kastanienbraunes Haar verfärbte sich, seine weiche, geschmeidige Haut runzelte sich fahl, und graue, häßliche Stoppeln wuchsen aus den früher so straffen, glatten Wangen. Er ließ wohl seinen Wärtern gegenüber viele böse Worte von sich fließen, Flüche und Verwünschungen, wehrte sich auch körperlich, wenn man ihn krumm schloß. Doch wenn er allein saß, hungernd, die Glieder in Tortur verzerrt, hustend, frierend, dann sahen die Wärter, die durch den Türspalt lauerten, ihn manchmal sonderbar zufrieden den Kopf wiegen, sie hörten wohl auch, wie er vor sich hinsprach, mit häßlicher Stimme vor sich hinsummte. Manchmal schien es, als spräche er mit einem zweiten, er nickte jemandem zu, wartete Antworten ab, gab Gegenrede. Es war aber niemand in der Zelle außer den Ratten. Die Wärter stießen sich an, grinsten, pruschten heraus, fingen an, ihn für gestört und irrsinnig zu halten.
Er war aber durchaus nicht irrsinnig. Es war dies. Er hatte Stunden so voll Ruhe, daß er jenseits des Hungers war und jenseits des Frostes und jenseits der ziehenden, zerrenden Schmerzen des gewaltsam verrenkten Körpers. Dann verwandelte sich ihm wohl das Rascheln der Ratten sogar in eine kleine, liebliche Stimme, und er sprach und erhielt Antwort und konnte gut lächeln.
Ein zäher Kampf begann zwischen ihm und dem Major Glaser. Dem Major hatte man gesagt, es komme alles darauf an, den Juden zum Bekenntnis der Weiber zu bringen, mit denen er Umgang gehabt; dann könne man ihn gebührend hinrichten, diese Wanze vor aller Augen zerquetschen. Der Major verhörte also den Juden täglich zwischen neun und zehn Uhr. Süß gestand zu, hohe und niedere Damen profitiert zu haben. Der Major sagte, das genüge nicht, er müsse Namen haben. Süß: er als Offizier müsse doch verstehen, daß er die Namen nicht und nie nennen werde. Der Major: was einem christlichen Offizier anstehe, zieme sich nicht für einen stinkigen Juden, und behandelte den Verstockten immer härter.
Süß legte es durchaus nicht darauf an, heroisch zu erscheinen. Er hatte nach Perioden lächelnder Resignation Wutanfälle und Depressionen. Es überkam ihn etwa solcher Ekel vor seinen übelriechenden, modrigen Kleidern, daß er sie abwarf, nackt herumlief; der Kommandant ließ ihm die Kleider mit Gewalt wieder anlegen. Der Major referierte über jede Regung des Gefangenen pedantisch genau an Herrn von Pflug mit einer erbitterten Sachlichkeit. Berichtete, weilen der Hebräer, die Bestie, von dem Wärter Hofmann Gift nicht habe erhalten können, habe er, sie für giftig ästimierend, sich die Nägel abgebissen und die Nägelabstöße verschluckt. Hätten alle weidlich gelacht über den Blödkopf. Oder, seit vier Tagen habe der Hebräer, die Bestie, nicht eines Kreuzers wert genossen und ihn in Sorge gestellt, er möchte liegenbleiben und krepieren. Heute speise er wieder, so daß er also wieder Hoffnung habe, ihn lebendig zum Galgen schicken zu können.