In arger Schwäche klagte Süß wohl auch, ob man denn nicht genug an seinem Vermögen habe, sondern ihn dazu auf so ruchlose Art ums Leben bringen wolle. Ein andermal meinte er listig, man könne ihm ja gar nichts anhaben, das alles sei eine stupide Farce, er wette fünfzigtausend Gulden, daß er nun bald frei werde. Einmal auch, unter johlender, schenkelschlagender Heiterkeit seiner Wärter, befahl er, drohte, tobte, man solle ihn sofort freilassen, das sei sein gutes Recht, er müsse nach Stuttgart, um nach seiner Haushaltung zu sehen. Der Kommandant kümmerte sich um das alles durchaus nicht, berichtete nur jedes Wort an Herrn von Pflug, verhörte den Delinquenten täglich zwischen neun und zehn Uhr, fragte nach den Namen der Weiber, wobei immer die gleichen Fragen und Antworten fielen, konstatierte die Hartnäckigkeit dieses Schurken und Landverbrechers.
Dann wieder kamen Wochen, in denen Süß still und befriedet war, in der Einsamkeit seiner Zelle zu den nassen Wänden und der modrigen Luft sprach. Er sah seinen Vater, sehr leibhaft. Er stand in der Zelle, im Habit des Kapuziners, die schlanke, elegante Gestalt verfettet und verfallen, aber mit stillen, friedlichen Augen. Und er sprach mit ihm und sie waren sehr einig und er ging Arm in Arm mit ihm, der gestürzte Marschall und der gestürzte Minister, der Bettelmönch und der gefolterte Häftling in seinen stinkenden Lumpen, und sie lächelten sich zu und sie gingen in gutem Gefühl auf und ab in dem engen, feuchten Geviert und die Ratten raschelten über ihre Füße.
Die Herren von der Kommission untersuchten indessen weiter, stetig und sehr langsam, und sie bezogen ungeheure Diäten.
Marie Auguste, die Herzogin-Witwe, hatte solche Lust an politischer Kabale gewonnen, daß sie sogar ihre Toilette der Politik hintanstellte. Geleitet von ihrem Beichtiger, dem Pater Florian, und dem Bibliothekar Franz Josef Hophan, saß sie als Ate unzähliger Komplikationen, Ränke, Intrigen ziervoll und kokett im Stuttgarter Schloß oder auf ihrem hübschen Witwensitz Teinach und machte Karl Rudolf Schwierigkeiten. Der junge, katzenhaft sanfte, literatische, modisch gekleidete Bibliothekar entwarf, an seinem Schreibtisch phantasierend, die Projekte, der zähere Pater Florian, der Kapuziner, suchte sie auszuführen, und Marie Auguste griff überall mit blinder, liebenswürdiger Geschäftigkeit störend ein. Der geschweifte, geschnörkelte, feine Bibliothekar ging auf in seliger, wortreicher Bewunderung der Herzogin, er verglich sie in zahllosen, modischen Gedichten mit allem Schönen zwischen Himmel und Erde, schrieb auch einen ungeheuer umfangreichen Roman, in dem sie als Semiramis ebenso staatsklug und heldisch wie tugendreich und herrlich von Ansehen über die Erde ging. Sie badete wohlgefällig in seiner beredten und eleganten Anbetung, ja, sie nahm allmählich viel von seinem Vokabular und seinen Gesten an. Es war nicht ganz klar, war sie ihm fremd, weil er ihre Politik machte, oder machte sie Politik, weil er ihr fremd war. Das ging sehr ineinander.
Den kargen, sachlichen, soldatischen Herzog-Administrator behinderte es, daß er immer wieder Zeit verlieren mußte, um ihre albernen Gespinste zu durchhauen. Er beschloß, sich dieser lästigen Kabale-Macherin ein für allemal zu entledigen. Ueberall im Land tauchte plötzlich das Gerücht auf, die Herzogin-Witwe wolle nun doch mit Gewalt die Projekte ihres glücklich beseitigten Gatten durchführen, sie habe schon Anstalt gemacht, die Teinacher Kirche zum katholischen Gottesdienst einzurichten. Das Perfide lag darin, daß die Herzogin zwar tausend andere Händel angezettelt hatte, daß aber just an dieser Sache kein wahres Wort war. Es war klotzige Ironie, sie gerade darüber zu Fall zu bringen. Das Volk jedenfalls glaubte die Gerüchte. Wilde Reden, fliegende Blätter, auf der Straße, wenn sie vorüberfuhr, Stummheit, freche Verweigerung des Grußes. Als die Polizei einschritt, etliche, die den Gruß unterließen, verhaftete, wurden, wenn die Kutsche der Herzogin erschien, die Straßen leer, eilig verschwand alles in den Häusern, in den Nebengassen, um nicht grüßen zu müssen. Marie Auguste ertrug das nicht, Pater Florian und der feine Bibliothekar streuten große Summen aus, ihre Straße mit Hochrufern zu bepflanzen. Aber sie merkte, daß die Huldigung gekauft war, und litt doppelt. Pater Florian mußte an den Herzog-Administrator schreiben, die weiße Unschuld Marie Augustens vornehmlich in dem Teinacher Handel entrüstet betonen, die freche Ungebühr der aufgehetzten Bevölkerung mit scharfen Worten brandmarken, Abhilfe heftig und hochfahrend verlangen. Karl Rudolf erwiderte nicht. Marie Auguste, schäumend, ging zu ihm. Er sagte, er habe keine Zeit, Mönchsbriefe zu erwidern. Pater Florian hatte nach der Formel seines Ordens als unwürdiger Kapuziner unterzeichnet. „Soll ich einem Menschen erwidern,“ fragte schief, schäbig und grob Karl Rudolf, „der nicht einmal würdig ist, Kapuziner zu sein?“ Im übrigen, schloß er, könne er den Untertanen befehlen, nicht ungebührlich gegen die Herzogin zu sein, doch er könne sie nicht zwingen, ihr Liebe und Freude zu bezeigen. Er gebe Ihrer Durchlaucht den kollegialen Rat, sich ähnlich zu führen wie er, dann würden sie die Untertanen ohne weitere Ordre und sicherlich auch ohne Gage mit geziemender Huldigung begrüßen.
Nach dieser Demütigung beschloß die Herzogin, das dumme, undankbare Schwaben zu verlassen, in Brüssel, Regensburg, Wien Hof zu halten und schmollend, ein weiblicher Koriolan, abzuwarten, bis man sie zurückrufe.
Sie verabschiedete sich von Magdalen Sibylle. Die Expeditionsrätin Magdalen Sibylle Riegerin saß ernsthaft und hausbacken vor der ziervollen, beweglich züngelnden, äugenden Herzogin, die, angeregt von der bevorstehenden Abreise, sich doppelt jung und spitzbübisch launisch gab. Magdalen Sibylle saß breit und mächtig da, sie trug ein Kind, einen kleinen Rieger. Sie hatte der Freundin ein pedantisches, hölzern ehrliches Abschiedskarmen mitgebracht, Marie Auguste hörte es mit gebührender Rührung und Dankbarkeit an. Dann jedoch, froh, das notwendige Gravitätische hinter sich zu haben, begann sie sich über die tölpischen, klotzigen Schwaben zu moquieren, die sie nun, Gott sei Dank, bald im Rücken haben wird; über den schiefen, schäbigen, eselhaften Karl Rudolf, über Johann Jaakob Moser, den feuervollen, komischen Rhetor, über alle die grobe, ungehobelte Populace. Nur Eines bedauerte sie: daß sie den treuen, guten, kräftigen Remchingen in Haft mußte auf dem Asperg sitzen lassen. Und, ach! auch ihren netten, amüsanten, galanten Hausjuden. Den quälten sie und schlossen sie krumm, und sie, Marie Auguste, konnte gar nichts für ihn tun. Denn – und sie setzte ihr wichtigstes Gesicht auf – das hätte sie unpopulär gemacht und das hätte ihr lieber Bibliothekar aus politischen Gründen nie erlaubt. Nun hatte ja wahrscheinlich der Jud Kinder geschlachtet und weiß der Himmel was für schwarze Kunst getrieben. Aber er war ein galanter, gut gewachsener Mann und sicher der amüsanteste in diesem ennuyanten Stuttgart, und es war jedenfalls ein Jammer, daß diese plumpen Bestien ihn torturierten und verunstalteten. „Hélas, hélas!“ machte sie mit gespitzten Lippen, wie es ihr feiner Bibliothekar zu tun pflegte.
Eine halbe Minute war Schweigen zwischen den Frauen. Beide dachten an Süß. Marie Auguste sah seine heißen, fliegenden Augen, die dringliche Ergebenheit seiner Mienen, seiner Haltung, seine einfühlende, kitzelnde, freche Galanterie. Und sie dehnte sich leicht und lächelte angenehm überrieselt. Magdalen Sibylle saß ganz still, die großen, schönen, fraulichen Hände im Schoß. Im Wald von Hirsau war sie ihm begegnet, da war er der Teufel; dann in Stuttgart hatte er sie nicht genommen, sondern sie dem Tier hingeworfen, dem Herzog; dann hatte er jenen Traum vor sie hingebreitet von Macht und Rausch und sie genommen; dann war er fremd und anders und verkrustet geworden und war höflich zu ihr. Und jetzt saß er auf dem Asperg und sie quälten ihn und verrenkten ihm die Glieder. Sie aber trug ein Kind, es wird wohl ein braves Kind werden, denn es stammt von einem braven Mann, der sie hemmungslos verehrt. Es wird groß werden in den friedlichen, behaglichen Räumen von Würtigheim und auf Wiesen mit gepflegtem Vieh und zwischen Obstbäumen. Auf dem Asperg wird es nie sitzen, und auch dem Teufel wird es wohl nie begegnen. Vielleicht wird es dafür Verse machen, brave, redliche Verse, die jedem eingehen und manchen tröstlich erheben. Aber dem Teufel wird es wohl nie begegnen.
Marie Auguste unterbrach das erfüllte Schweigen. Daß sie es nicht vergesse, sagte sie mit einem kleinen, verschmitzten Lächeln, sie habe ja ein Abschiedsgeschenk für ihre liebe Magdalen Sibylle, ihre Freundin und gute Vertraute, ein, wie sie hoffe, gut gewähltes und apartes Abschiedspräsent. „Cara mia!“ sagte sie, „cara mia Maddalena Sibilla!“ Es sei etwas für ihre schwere Stunde, flüsterte sie geheimnisvoll, rückte ganz nahe an sie heran, streichelte die große Frau. Ihr selber habe es geholfen. Daß es bei ihr so leicht gegangen sei und daß sie jung und ohne Entstellung geblieben sei, das danke sie nur dem, was sie jetzt ihrer lieben Freundin als Präsent verehren wolle. Sie selber, auch wenn sie nicht gerade die Intention habe, ins Kloster zu gehen, werde das Remedium ja kaum mehr benötigen. Und mit süßer, spitzbübischer, gekitzelter Geste zog sie das Amulett hervor, das Etui des Juden, der nun in feuchter, stinkender Zelle saß, kreuzweis geschlossen. Den Pergamentstreifen mit den roten, blockigen, hebräischen Buchstaben, mit den Namen der Engel Senoi, Sansenoi und Semangelof, den beunruhigend krausen Figuren dazwischen, den komisch und bedrohlich hockenden, primitiven Vögeln. Kichernd erzählte sie, wie sie das Etui von Süß bekommen habe, und die kleine, unanständige Geschichte von Lilith, der ersten Frau des Adam, der ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen war, wie es ihr gefiel. Magdalen Sibylle streckte die Hand nach dem Amulett, ließ sie wieder sinken, nahm es schließlich, unsicher, leicht übergruselt.
Dann verließ Marie Auguste Stuttgart. Sie reiste mit großem Gefolg, in ihrer unmittelbaren Umgebung der Pater Florian und, in einem modischen Reisehabit, der sanfte Bibliothekar. In unendlich vielen Wagen war der Riesenapparat ihrer Garderobe vorausbefördert worden. Die Straße war gesäumt mit Gaffern. Man war, nun die Herzogin abzog, wohlwollend gestimmt, riß gutmütige Witze. Ihre Rendanten und Almoseniers hatten mit Douceurs nicht gespart, die Hochrufe klangen geradezu herzlich.