Auch Johann Jaakob Moser stand an ihrem Weg, in Begleitung seiner Frau. Er war gerührt. „Da zieht sie hin,“ sagte er zu seiner Frau. „Glaubt, sie werde der Versuchung nicht länger standhalten können. Flieht lieber aus dem Land. Großer Gott, wie dank ich dir, daß du mich hast stark und beherrscht sein lassen und mein Blut bezähmtest.“ Und er drückte fest die Hand seines Weibes.

Als ihre Karosse fertig stand, erschien am Schlag schief, klein, schäbig der Herzog-Administrator, sich zu verabschieden. „Ich habe geglaubt,“ schmunzelte er insgeheim, „ich müßte einen Teufel austreiben; aber jetzt gackert mir eine Gans aus dem Haus.“ Doch Marie Auguste dachte spöttisch überlegen: „Was da jetzt zurückbleibt, ist einander wert: Esel reibt sich an Esel.“ Und unter dem riesigen, schwarzen Hut nickte das zarte, pastellfarbene Gesicht mit liebenswürdigem Spott dem alten Soldaten zu, der den Schlag zuwarf, militärisch grüßte, ungewohnt höflich schmunzelte.

Die Untersuchungskommission bekam aus Süß trotz aller Tortur nichts weiter heraus als ein allgemeines Geständnis, ja, er habe mit Christinnen verkehrt. So lud man denn Lakaien vor, Kammerzofen, befragte sie peinlich nach jedem winzigsten Detail. Etliche hatten durch Schlüssellöcher geguckt, andere Schreie, Kreischen, wollüstiges Gestöhn gehört. Das alles, wann, wo, wie lange, wurde gewogen, hin und her besprochen, zerkaut, in die Akten aufgenommen. Bettlaken, Hemden, Nachttöpfe wurden berochen, der Befund in den Protokollen erörtert. So kam man allmählich auf eine lange Liste von Frauen, hohen und niederen, ledigen und verheirateten. Alle wurden sie umständlich ohne Erlaß des minutiösesten Details von den gierigen Richtern ausgeforscht, wann, wie oft, wie lange, welcher Art der Jude sie beschlafen habe. Das wurde dann verzeichnet, schwarz auf weiß, in dreifacher Ausfertigung, bestimmt, als Staatsurkunde im Archiv niedergelegt zu werden.

Das Gericht ordnete das Erscheinen auch der Damen Götz an. Wieder einmal fand sich der junge Geheimrat Götz in der äußersten Verlegenheit. Er hatte es für gut befunden, Mutter und Schwester für eine Weile auf sein Landgut bei Heilbronn zu schicken. Sie hätten können einfach in die Reichsstadt Heilbronn gehen, dann waren sie der herzoglichen Jurisdiktion entzogen; aber dann auch mußte er von seinen Aemtern zurücktreten. Oder sie stellten sich dem Gericht; dann galt es, bevor einer einen schiefen Blick wagte, ihn so kühn und drohend anzuschauen, daß ihm der Spott erstickte. Dies war anstrengend, aufreibend, denn man wird sehr viele, ja fast alle so anschauen müssen. Aber er war tapfer und entschied sich dafür.

An einem strahlenden Sommertag erschienen die Damen vor den Richtern. Auskosteten die Männer die Pikanterie, erst die Mutter, dann die Tochter zu verhören. Sie hatten Mühe, Spannung, Gier, geile Freude an der Situation hinter der gleichmütigen Gravität der Richtermasken zu verstecken. Elisabeth Salomea, die pastellfarbene Lieblichkeit des blonden Gesichts mit den gejagten graublauen Augen durch ein schwarzes, einfaches Kleid gehoben, stand verstört und zitternd. Seltsam war, daß sie, völlig schmucklos sonst, den Ring mit dem Auge des Paradieses trug, gegen das ausdrückliche Verbot ihres Bruders, und die Blicke der Herren kamen nicht los von dem Stein. Sie wand sich unter der unerbittlichen Sachlichkeit, mit der diese Männer, durch den aufreizend wertvollen Stein vor sich selber doppelt gerechtfertigt, ihre zotig neugierigen Fragen stellten. Fröstelnd trotz der blanken Frühsommersonne bog sie sich peinvoll unter der brutalen Deutlichkeit dieser Fragen, von denen sie viele überhaupt nicht verstand, duckte sich, rückte zuckend den Kopf, den schamlosen Blicken ausweichend, bog und streckte krampfig die schmalen, knochigen Finger. Ihre Antworten kamen leise, aus gedrosseltem Kehlkopf, manche unhörbar; man beschied sich nicht, sie mußte sie wiederholen, der schwerhörige Regierungsrat Jäger machte: „Wie? Wie?“ und verlangte manches dreimal. Ebenso eingehend dann kam man auf ihre Affäre mit dem Herzog zu sprechen. Vor allem der Geheimrat Pflug ließ nicht locker, er wollte daraus, daß der Jud dem Herzog vorgeschmaust, ein Majestätsverbrechen konstruieren. So krümmte sie sich, jung, blond, lieblich, an dem unsichtbaren Pfahl, und keiner schonte sie, alle drangen sie auf sie ein. Alle jagten sie. Voran der hagere, hochmütige, scharfe Herr von Pflug, der, voll Haß und angewidert wie von Gestank, immer wieder fragte, ob sie sich denn nicht vor dem Geruch des Beschnittenen geekelt habe; sodann die Regierungsräte Faber, Renz, Jäger, Dann, die strebsamen, karrierebeflissenen Beamten in mittleren Jahren, die, gekitzelt von diesem endlich einmal anregenden Amtsgeschäft, immer neue Umstände wissen wollten, erst genießerisch umschreibend, gleich als wollten sie sich sonnen, dann plump eindeutig; die Sekretäre, der Assessor Bardili, der Aktuarius Gabler, die mit übler Galanterie und fatalem Tonfall, wie wohl Männer ihre Gutmütigkeit an einer Hure repräsentativ betätigen, mildernde Umstände beizubringen suchten; der Präsident, der Geheimrat Gaisberg, der mit polternder Stimme auf sie losfuhr, sie solle sich nicht so flennerisch und zimpferlich haben, nun habe sie es getan und gekostet, jetzt solle sie sich nicht stellen wie ein zwölfjähriges Jüngferlein, sondern in Dreideibelsnamen das Maul aufmachen; sie habe ja auch andere Dinge aufmachen können. Mit fliegenden Gliedern lag sie schließlich und zuckenden Schläfen, halbtot vor Schande und Erschöpfung, in einem verdunkelten Zimmer ihres Hauses; ihr Bruder schritt grollend deklamierend auf und ab, seine Worte gingen quälend, doch ohne daß sie ihren Sinn verstand, in ihr Ohr.

Trotzdem die Herren der Untersuchungskommission verschlossene, geheimnisvolle Gesichter machten und sich verschwiegen gaben, drangen von diesen Vernehmungen viele Details in die Stadt, ins Land. Wiederum war das Haus in der Seegasse, das Prunkbett, die Leda mit dem Schwan in den Gedanken aller. Die Namen der Frauen wurden bekannt, sie konnten sich nicht heimlich genug verkriechen, sie wurden verfemt, man rief ihnen kotige Schimpfworte nach, spie sie an, schnitt ihnen die Haare ab. Auch andere Details drangen durch. Eine Welle von Geilheit schlug von den längst vergangenen Nächten des Süß aus über das Herzogtum. Die Männer zoteten in den Wirtshäusern, die Kellnerinnen konnten sich ihrer derben Liebkosungen kaum erwehren, die Huren machten gute Geschäfte. Die Frauen und jungen Mädchen kicherten, entsetzten sich, vieler Mienen wurden dürr, neidisch, bitter, andere atmeten schwerer, Gesicht und Glieder erschlafften. Ein englischer Sammler machte das Angebot, das vielumraunte Prunkbett des Juden um eine ungeheure Summe zu kaufen.

Natürlich hörte auch der junge Michael Koppenhöfer von der Schmach der Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin. Die veränderten Läufte hatten den jungen Menschen nach Stuttgart zurückgeführt. Er war in der Verbannung männlicher geworden, er hatte für seine Ueberzeugung gelitten, galt als Märtyrer, vielen von den Jungen war er Führer und Ideal. Vielleicht wußte der eine oder andere von seinen Kameraden, daß ihm an der Demoiselle Götzin gelegen war, aber sie hatten darum nicht minder starke Worte des Hohns und der Verachtung gegen das Mädchen, sie dachten daran, sie zumindest durch irgendein kräftiges Symbol ihrer Erbitterung und ihres Spottes für alle Zeit zu bestrafen. Niemand hielt es für möglich, daß die Neigung Michael Koppenhöfers, des jungen, festen, tugendhaften Demokraten, eine solche Bloßstellung überdauern könnte. Michael Koppenhöfer sagte auch kein Wort zu ihrer Verteidigung. Doch auch kein Schmähwort, wie die anderen erwarteten. Er schwieg. Er litt. Er war durchaus nicht geneigt, schwächlich zu verzeihen. Aber er sah das reine, helle Gesicht, das blasse Haar und litt. Er bat den Onkel Harpprecht um die Akten. Für den hatte mit der Rückkehr des Jungen gute Zeit begonnen. Bücher, Recht, Demokratie, Vaterland, was und wofür er gelebt hatte, war jetzt lebendig, saß atmend vor ihm in dem jungen Menschen mit den bräunlich kühnen Wangen und den starkblauen Augen. Wie nun die Affäre der Demoiselle Götzin langsam in die Stadt drang, schaute der alte Herr besorgt dem Gewese des Jungen zu, er wußte, daß er schwerblütig war und daß sein Handel mit Elisabeth Salomea nicht von heut auf morgen vernarbte. Er sah das gespannte, mühsam gleichgültige Gesicht des Jungen, überlegte, gab die Akten. Michael begann zu lesen, er konnte es nicht lange, rote Wut stieg hoch in ihm gegen den Herzog, gegen den Juden, gegen die Richter, gegen diese Männer. Es erhellte aus dem Protokoll überklar, daß Süß nicht eben viel Gewalt hatte anwenden müssen. Aber Michael wollte das Mädchen mißbraucht sehen, er sah sie mißbraucht. Er sah sie hell, zart, lieblich vor den rohen, massigen Richtern. Er konnte sich nicht helfen, es war wahrscheinlich sentimental, aber das Herz stieg ihm hoch, wenn er an sie dachte, er konnte sie nicht herausreißen und mit festem Männertritt weitergehen. Er rang sich ab; wenn der alte Harpprecht ihm sanfte, andeutende Fragen stellte, bog er aus. Er suchte sich zusammen, was er alles Kühnes, Freigeistiges über den Unwert der Keuschheit gehört hatte, aber es blieb ihm Theorie, es wurde nicht lebendig, all sein Gefühl bäumte sich dagegen. Er bezwang sich schließlich. Er wird aller praktischen Politik entsagen, wird, und mag man sich noch so sehr über ihn, den Mann der Hure, lustig machen, Elisabeth Salomea zu sich emporheben, sie ehelichen, sie entmakeln, als stiller Wissenschaftler, von ihrer Reue und Dankbarkeit getragen, fern von der Welt, nur mit Büchern und ihr, auf dem Lande leben.

Er fuhr, ohne den alten Harpprecht zu verständigen, in die Nähe von Heilbronn auf das Götzische Landgut, wohin sich die Damen nach ihrer Vernehmung zurückbegeben hatten. Er wurde erst lange nicht vorgelassen. Dann fand er Elisabeth Salomea in raschen, heftigen Vorbereitungen zur Abreise. Er kam nicht dazu, sein großmütiges Anerbieten vorzubringen. Die Demoiselle war auf eine bestürzende Art verändert. Sie fuhr hastig herum zwischen Stapeln von Toilettedingen, Nippes, Büchern, Wäsche, schichtete, schnürte, packte, machte mit bitterer, höhnischer Lustigkeit frivole Konversation. Aeußerte erschreckende Prinzipien. Moral sei etwas durchaus Relatives. In Stuttgart sei es vor einem Jahr guter Ton gewesen, höfisch und galant zu sein, jetzt sei das Gegenteil Postulat. Ihrer Meinung nach sei der Jud der beste Mann im Schwäbischen und der einzige Kavalier. Im übrigen gehe sie jetzt ins Ausland, zuerst nach Dresden und Warschau, dann nach Neapel und Paris. Und somit Gott befohlen. Sie winkte ihm mit der Hand, an der in verwirrendem Feuer das Aug des Paradieses strahlte.

Aufgewühlt, mit zerpreßten Lippen, kehrte Michael Koppenhöfer zurück. Später hörte er, Elisabeth Salomea führe an den europäischen Höfen das Leben einer großen, erfolgreichen Abenteurerin. In ihrem Gefolg befand sich als ihr Leibjäger und Vertrauter Otman, der Schwarzbraune.

In die Zelle des Süß trat der Magister Jaakob Polykarp Schober. Es war dunkel und feucht in dem engen Geviert, Moder und Gestank war in der Luft. Süß hockte gebeugt, sein Atem ging beschwerlich, er war verfettet und verfallen, das Gesicht wüst umstoppelt. Der Magister erschrak ins Innerste, als er, zunächst zweifelnd, in dem verlumpten Menschen seinen weiland so großen und mächtigen Herrn erkannte. Ihm selber ging es nicht gut. Er litt darunter, daß er den Finanzdirektor in diesen Zustand gebracht hatte, eigentlich hatte doch der den evangelischen Glauben im Herzogtum gerettet, es drückte den Magister in die Erde, daß er dem Juden Schweigen zugeschworen hatte, er wollte reden, dieses Verfolgten Unschuld offenbaren, ihn befreien. Kopfwiegend hörte Süß seine unbehilflichen, verwirrten Klagen, Bitten, Beteuerungen, sagte schließlich: „Er ist ein guter Mensch, Magister. Es sind nicht viele.“ Und nach einer Weile, zwielichtig lächelnd: „Wenn Er es durchaus will, kann Er jetzt reden.“ Der Magister küßte ihm die Hand, ging beglückt.