Traf den Herzog mitten im Hallo seiner Hubertus-Ritter, kunstreich kutschierend, lärmend. Eberhard Ludwig, hilflos überrascht, zwischen den verstummten, höflich tief geneigten, heimlich feixenden Herren, hochrot, flatternd verlegen, schnaubte durch die fleischige Nase, führte die Gräfin ins Schloß, befahl ein Bad, Erfrischungen. Ein Teufelsweib die Frau! Solcher Ritt! Diese Christl! Ein Teufelsweib!

Die Gräfin zwang ihn, noch im Reitkleid, heiß von der Anstrengung, dick eingestaubt, zu einer Auseinandersetzung. Nicht durchgehen jetzt. Halten. Niederhalten. Fest den Deckel der Vernunft auf das kochende Herz. Aeugen, in das unsichtbare Dämmer hineinlugen, ruhig, ein kleiner Irrtum des Augs kann alles verderben. Das Tastende, sich Windende, Ausbiegende, Flatternde, Unklare da anpacken, wieder fest in die Hand kriegen. Jetzt es packen, wo es überrascht ist, nicht auskann, wo kein anderer dazwischenredet, ihm kluge, freche, hinhaltende Maßnahmen einflüstert. Ruhe, ihr zuckenden Nerven. Du stoßendes Herz, Ruhe.

Sie sprach leichthin, trank kleine Schlucke von der Limonade, scherzte über seine Anspruchslosigkeit; die Hubertusritter, die kleine Tänzerin, er gebe es billig mit seiner Gesellschaft. Dann sanfte Vorwürfe. Den Osiander hätte er nicht sollen empfangen. Sie verstehe ja, er wolle sich erlustieren an den groben Späßen des alten Tölpels, aber es werde falsch ausgelegt. Eberhard Ludwig, in dicker Verlegenheit, wußte nicht wohin vor dem grauen Glanz ihrer Augen, wand sich, schwitzte in seinem schweren Rock, schnaufte. Die Frau! Diese Christl! Solcher Teufelsritt! Kam da einfach angesaust auf eins zwei und leuchtete in sein zwielichtiges Nichtein und Nichtaus. Dann fragte sie geradezu, das mit der Herzogin, Versöhnung und so, das sei doch albernes Gerede. Oder nicht? Er, knarrendes Räuspern, ja, natürlich, es sei Geschwätz. Sie aßen vergnügt zu Abend, tranken, allein, ohne die Hubertusritter. Kein Schütz, kein Osiander. Die Gräfin erfüllte mit ihrer unbedenklichen, lärmenden Munterkeit das Zimmer, hüllte den erlösten Eberhard Ludwig ganz darin ein. Teufel! Dieser Ritt! Die Frau! Die Teufelsfrau!

Die Gräfin schlief eine traumlose Nacht, tief, froh, lang. Als sie erwachte, war der Herzog fort. In aller Heimlichkeit, im grauen Morgen, hatte er sich davongemacht. Sie, den devoten, achselzuckenden, innerlich grinsenden Kastellan geohrfeigt, dem Herzog nach, rasend, auf gehetzten Pferden. In Ludwigsburg das Schloß verödet. Kein Herzog. Der Herzog war fort, nach Berlin, den Besuch des Königs erwidernd. Das übliche Prunkgefolge erwarte er außer Landes.

Sie, entzügelt, verzerrt, die Reitpeitsche wippend, zwischen sich in die Wände verkriechenden Lakaien durch die leeren Säle. Endlich im letzten Kabinett, am Arbeitstisch des Herzogs, zwischen den Büsten des August und des Marc Aurel vor dem Bild des italienischen Meisters, das sie mit den Insignien der Herzogin darstellt, ein Mann in der Perücke der hohen Beamten, unendlich höflich, tief gebückt, süß lächelnd: Schütz. Andreas Heinrich Schütz, ihre Kreatur, ihr Schütz, den sie nobilitiert, zum Geheimrat gemacht hat. Der Diplomat, peinlich nach der Mode die Uniform, nur Halbedelsteine an den Schuhen, was erst vor drei Wochen in Paris aufgekommen war, neigte wieder und wieder in tiefen Komplimenten die mächtige Hakennase, scharrte mit dem Fuß nach hinten aus und versicherte in geläufig näselndem, verbindlichst geschnörkeltem Französisch, ein Gott habe Serenissimus eine Ahnung eingehaucht von Ihro Exzellenz Ankunft, Serenissimus habe aber leider nicht warten können und seinen untertänigsten Diener durch den Auftrag beglückt, mit Ihro Exzellenz zu speisen und ihr dabei eine Eröffnung zu machen. Die Gräfin, hochrot, wild schnaufend, fuhr ihm übers Maul, er solle keine Faxen machen und ihr deutsch und rund sagen, was los sei, oder – und sie gestikulierte mit der Peitsche. Aber der Geheimrat, unbeirrbar höflich, blieb fest, er sei unglücklich, seiner hohen Gönnerin nicht dienen zu können, doch er sei an strikte Ordres gebunden.

Endlich, bei Tafel, mit hundert Komplimenten verbrämt, bestellte er ihr den Befehl des Herzogs, sie habe die Residenz zu verlassen, sich auf ihre Güter zurückzuziehen. Sie schlug ein großes, schallendes Gelächter auf. „Er Spaßvogel, Schütz!“ rief sie. „Er Spaßvogel!“ immer haltlos lachend. Der alte Diplomat saß still, verbindlich, mit den scharfen, hellen Augen der Aufgesprungenen, auf und nieder Gehenden folgend. Heimlich bewunderte er sie, wie echt und gar nicht schrill ihr Lachen klang, wie gut sie spielte.

Die Gräfin blieb. Ah! sie dachte nicht daran, Ludwigsburg zu verlassen. Sie hatte sinnlose Wutausbrüche, mißhandelte die Dienerschaft, zerschmiß Porzellan. Schütz, achselzuckend, er habe lediglich Ordre, ihr den Befehl Serenissimi zu übermitteln, freute sich mit vielen fein gedrechselten Worten, daß er noch weiter das Vergnügen und die Ehre ihrer Gegenwart habe, aber sie bleibe auf ihre Gefahr in der sichern Aussicht allerhöchsten Zornes und finstrer Ungnade. Sie nahmen die Mahlzeiten zusammen. Der alte, in allen Brühen gesottene Intrigant, der sich unter jedem Regime hielt, hatte ehrliche Sympathien für die Gräfin, für die Kühnheit ihres Aufstiegs, und sachkundige Bewunderung vor den komplizierten geschäftlichen Manipulationen, mit denen ihre Juden in aller Ruhe die geraubten Schätze der Gräfin außer Landes praktizierten. Der dürre, ausgeglühte Kavalier hätte nie geglaubt, daß er eine fette, alternde Frau je noch mit solcher Aufrichtigkeit und Beflissenheit hofieren würde. Sie machten bei Tafel geistreiche, mit hundert frechen Anspielungen gewürzte Konversation, und er wartete mit Spannung, wie weit sie die Auflehnung gegen den strikten Befehl Eberhard Ludwigs treiben würde.

Der Herzog blieb nicht lange in Berlin. Schütz konnte der Gräfin mitteilen, die Herzogin sei gebeten, nach Schloß Teinach zu fahren. Auch Deputierte des Landtags seien hinbeschieden, desgleichen die Gesandten von Baden-Durlach, Kurbrandenburg, Kassel. Der Herzog wolle sich mit seiner Gattin vor Volk und Reich aussöhnen. Lang, still sah die Gräfin den Geheimrat an, der sie ernsthaft und aufmerksam betrachtete. Dann, mit einem erstickten, kleinen Schrei wollte sie aufspringen, fiel ohnmächtig um. Er bemühte sich um sie, rief ihre Frauen. Des Abends ließ er sich wieder bei ihr melden, fragte nach ihren Dispositionen. Sie, ganz stille Hoheit, erklärte, sie gehe auf ihr Schloß Freudenthal, zu ihrer Mutter, die sie vor fünf Jahren dort hatte hinkommen lassen. Schütz fragte, ob er ihr keine Eskorte mitgeben dürfe, er hatte Angst vor Ausbrüchen der Volkswut. Sie, den Kopf zurück, die Lippen schmal, lehnte ab.

Andern Tages zog sie aus Ludwigsburg. In sechs Karossen. Der Geheimrat stand tief geneigt an der Rampe des Schlosses, während ihre Pferde anzogen. Hinter den Portieren der hohen Fenster lugten grinsend die herzoglichen Lakaien. Die Bürger schauten stumm, ohne zu grüßen; zu höhnen wagten sie nicht. Aber der krähende Spott der Straßenjungen flog ihrer Kutsche nach.

Vorausgeschickt hatte sie einen ganzen Wagenpark mit Möbeln und Nippsachen. Das Schloß war kahl nach ihrem Abzug. Selbst das kostbare Tintenfaß des Herzogs fehlte, und die Büsten des August und des Marc Aurel standen sehr nackt vor dem Prunkbild des italienischen Meisters, das die Gräfin darstellte mit den herzoglichen Insignien.