Schütz hatte sie lächelnd gewähren lassen.

Von den vier Zimmern, die Süß beim Sternwirt in Wildbad behauste, mußte er zwei abgeben. Der Prinz Karl Alexander von Württemberg, kaiserlicher Feldmarschall und Gouverneur von Belgrad, kam früher, als er sich angesagt hatte, und brauchte die Zimmer. Dem Prinzen war die Gräfin tief zuwider. Er war ohne jedes Vorurteil. „Eine rechte Hure, her damit!“ pflegte er zu sagen; „aber eine filzige Hure, das ist der scheußlichste Sud des Teufels.“ Und die Gräfin galt ihm als eine filzige Hure. So wollte er ihre Abreise abwarten, um ihren Anblick zu vermeiden. Nun sie früher gegangen war, konnte er seinen Würzburger Aufenthalt abkürzen.

Die Kurgäste des Wildbads begafften neugierig die Karosse des ankommenden Prinzen. Karl Alexander, Sieger von Peterwardein, rechte Hand des Prinzen Eugen, kaiserlicher Feldmarschall, zu Wien in hohen Gnaden. Ueberall in Deutschland, und besonders in Schwaben, hing sein Bild herum, wie er beim Sturm auf Belgrad unter türkischem Kugelregen mit siebenhundert Axtmännern die Höhe emporklimmt. Ein aufregendes Bild. Ein Held. Ein großer General. Bravo. Evviva. Im übrigen politisch völlig belanglos, ein kleiner Prinz aus einer Nebenlinie. Gänzlich ungefährlich. Galanter Herr nebenbei, gefälliger Kamerad, guter Kerl. Das allgemeine Wohlwollen flog ihm entgegen, die Damen vor allem interessierten sich für den Kriegshelden, und die Tochter des Gesandten der Generalstaaten warf ihm ein Lorbeerzweiglein in den Wagen.

Sein Aufzug war nicht gerade stattlich. Ein räumiger, solider, etwas abgebrauchter Reisewagen. Der Prinz selber freilich sehr elegant, das offene, fröhliche Gesicht, jetzt auf der Reise ohne Perücke, in dem schönen, langen, blonden Haar, die hohe, kräftige Statur imponierend in der reichen Uniform. Aber das Gefolge sehr dürftig. Der Leibhusar, ein Heiduck, der Kutscher, das war alles. Nur Ein Auffallendes, Luxuriöses: auf dem Rücksitz ein braunschwarzer, schweigender, gravitätischer Kerl, ein Mameluck oder so was, der Prinz mochte ihn auf einem Feldzug erbeutet haben.

Süß und Isaak Landauer standen vor dem Gasthof unter gaffendem, Hoch schreiendem Volk, als der Prinz ankam. Süß starrte neidvoll auf den riesigen, eleganten Mann. Mille tonnerre! Das war nun wirklich ein Prinz und großer Herr. Was sonst sich in Wildbad herumtrieb, reichte ihm nicht an die Achseln. Auch der Braunschwarze machte ihm Eindruck. Isaak Landauer aber taxierte abschätzig und mit gutmütigem Mitleid Kutsche und Livree. „Ein armer Schlucker, der Herr Feldmarschall. Ich sag Euch, Reb Josef Süß, nicht gut für zweitausend Taler.“

Der Prinz war in heiterster Laune. Er war jetzt drei Jahre nicht mehr im westlichen Deutschland gewesen, hatte lang unter den Heiden und Halbwilden seines Gouvernements Serbien gelebt, sich mit Tod und Teufel herumgehaut. So atmete der reife Mann, fünfundvierzig war er geworden, mit Behagen die heimatliche Luft.

Nach der langen Fahrt nahm er zunächst ein Bad, ließ sich von seinem Leibhusaren Neuffer den lahmenden Fuß – ein Andenken an die Schlacht von Cassano – mit Essenzen reiben, saß am Fenster, im Schlafrock, vergnügt, mit dem Kammerdiener plaudernd, während der Schwarzbraune auf dem Boden hockte.

Er war weidlich umgetrieben worden. Von seinem zwölften Jahr an war er Soldat, hatte in Deutschland gefochten, in Italien, den Niederlanden, in Ungarn und Serbien. Nächst dem Prinzen Eugen, den er herzlich verehrte, war er der erste General im Reich. Er hatte in Venedig und Wien die hohe Kavaliersschule durchgemacht, und seine stattliche Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor waren beliebt bei Frauen, beim Wein, auf der Jagd. Was ein kleiner deutscher Prinz aus einer Nebenlinie erreichen konnte, das hatte er erreicht. Intimus des Prinzen Eugen, Wirklicher Geheimer Rat, Kaiserlicher Feldmarschall, Oberbefehlshaber in Belgrad und im Königreich Serbien, Inhaber von zwei kaiserlichen Regimentern, Ritter des goldenen Vließes.

In Belgrad war ein ewiger Wirbel von Offizieren und Weibern um ihn. Er fühlte sich wohl in dem unordentlichen Leben, dessen dürftige Regelung von Neuffer, dem Leibhusaren, und dem Schwarzbraunen besorgt ward, und das die Belgrader Burg in ein Feldlager verwandelte. Er verdankte die serbische Statthalterschaft seinem Freunde, dem Prinzen Eugen. Er führte auch die militärischen Sicherungen dort unten so durch, daß man seine Methoden als Lehrbeispiele in allen Kriegsakademien rühmte. Und was die Verwaltung anlangte – Kreuztürken! hier ließ er sich freilich oft mehr von seinem Impuls leiten als von Sachverstand: aber in dem gefährdeten Gebiet war ein Mann, auch wenn er manchmal sich verhaute, wertvoller als irgendein pergamentener Esel vom Hofkriegsrat in Wien.

Wenn den vergnügten, lebensvollen Soldaten eine Sorge ankroch, dann war es immer die nämliche: Geld. Sein Sold war gering, seine prinzliche Apanage lächerlich. Und er konnte nicht knausern. Da saß er als kaiserlicher Statthalter zwischen geschwollenen ungarischen Baronen und Paschas des Großherrn, die strotzten von allen Reichtümern der Königin von Saba. Er war nicht anspruchsvoll, er hatte schon gelebt wie der gemeinste Soldat, Dreck gefressen, daß alle Därme sich umkehrten, auf vereistem Kot geschlafen. Aber er konnte seine Kumpane nicht an leere Tafeln setzen, seine Weiber nicht in Lumpen laufen lassen, seinen Marstall nicht mit Schindmähren füllen.