Mit Eilwagen fuhren von Hamburg her Rabbi Gabriel Oppenheimer van Straaten und Rabbi Jonathan Eybeschütz. Die beiden Männer sprachen auf der langen Fahrt nur das Nötigste. Sie sahen die schaukelnden Schenkel der Pferde, oft gewechselt, braune, schwarze, weiße; sie sahen das vorübergleitende Land, flaches Feld, Berg, Wald, Fluß, Weinhügel. Aber nur ihre Augen waren darauf, nicht ihr Sinn. Meilenstein um Meilenstein tauchte auf, verschwand. Sie sahen nur das Antlitz, dem sie zustrebten, daß sie es erreichten, ehe es verlösche.
Rabbi Gabriel saß wie immer massigen, mißlaunigen Gesichts, den dicklichen Leib in großbürgerlichen, etwas altmodischen Kleidern. Rabbi Jonathan, in seidigem Kaftan, mild leuchtend aus dem weißen, milchig fließenden Bart das listige, nicht alte Antlitz, war nach lüstern weltlichen Wochen wieder zurückgetaucht in Versunkenheit, Erkenntnis, Gott. Die letzte Zeit und Wandlung des Süß zog ihn mit grausamer Lockung an. Es war nicht das Schauspiel dieses Untergangs. Er und Rabbi Gabriel, ohne daß sie darüber gesprochen hätten, wußten, spürten die merkwürdige Verquickung von Freiwilligkeit und Zwang in diesem Ende. Die Entsprechung, das heimliche Band, der Fluß von jenem zu ihnen hatte nun auch den Rabbi Jonathan ergriffen, hob ihn, senkte ihn. Er stak in jenem, eine stärkste Wurzel von ihm starb in jenem. So fuhren die beiden Männer, gradaus das Aug, dem Tode des Josef Süß zu, wolkig schwer brütete um sie die Erkenntnis ihrer Bindung.
Auch auf anderen Straßen zog es nach Stuttgart, zu Süß, um Süß. Mit viel Wache und Bedeckung kam der Hoffaktor Isaak Simon Landauer; er hatte, trotzdem er sehr schlicht zu reisen pflegte, mit sich drei jüdische Kassiere und außer der gemieteten Polizeiwache ein paar sehr kräftige, verlässige Burschen. Es kamen der kleine, welke Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der dicke, hitzige Rabbiner von Fürth. Die drei Männer trafen in der Nähe von Stuttgart zusammen, sie waren beim Herzog-Vormünder zur Audienz gemeldet und es war Sorge getragen, daß sie bei der Einfahrt nicht belästigt wurden.
Karl Rudolf empfing sie in Gegenwart Bilfingers und Pancorbos. Es sagte der Rabbiner von Fürth: „Euer Durchlaucht sind hochberühmt in der ganzen Welt um der Gerechtigkeit willen. Ist es gerecht, daß die Räuber sitzen ringsum in Reutlingen, in Eßlingen und lachen und fressen ihren Raub, und daß der Jud, der weniger schuld ist vor dem Gesetz, muß zahlen ihre Zeche? Euer Durchlaucht sind gerecht gegen hoch und nieder, gegen Schwaben und Oesterreicher, gegen Katholik und Protestant. Seien Sie gerecht auch gegen Ihren Juden.“ Es sagte der Rabbiner von Frankfurt: „Reb Josef Süß Oppenheimer ist gestanden vornean unter den Juden, er ist geboren aus einer alten, angesehenen jüdischen Familie. Was er getan hat, wird man sagen, hat die ganze Jüdischheit getan. Wenn man ihn wird aufhenken und die Christen, seine Konsorten, gehen frei herum, wird man sagen, die Judenheit ist schuld an allem, und es wird kommen neuer Haß und Verfolgung und Bosheit über die ganze Judenheit. Euer Durchlaucht sind ein gnädiger Herr und Fürst, Euer Durchlaucht wissen, daß der Jud ist nicht mehr schuld und nicht weniger als seine Genossen, die Christen. Es kommt Aergernis in die Welt und neue Heimsuchung über die Getretenen und Gedrückten, wenn er wird anders gerichtet als die anderen. Wir bitten Euer Durchlaucht aus peinvollem und demütigem Herzen um Gnade für den einen und die ganze Judenheit.“
Es sagte Isaak Landauer: „Was getan hat der Reb Josef Süß Oppenheimer, hat gewirkt, daß Schaden hat genommen an Geld und Gut der und jener und das Land Württemberg. Was gesündigt ist durch Geld, kann gutgemacht werden durch Geld. Wir haben uns zusammengetan, alle Judenheit, und haben zusammengesteuert Geld, viel Geld, ungeheures Geld. Und so sind wir gekommen und bitten Euer Durchlaucht: lassen Sie ledig den Reb Josef Süß Oppenheimer. Wir wollen machen gut, was er kann haben gesündigt, wir wollen es machen gut und aber gut, daß das Land Württemberg kann kommen in Flor und Gedeih. Wir bieten an, wenn Sie lassen ledig den Juden Josef Süß Oppenheimer, eine freiwillige Buße von fünfmalhunderttausend Doppeldukaten.“
Schweigend hatten der Herzog-Administrator und die beiden Minister die Juden angehört. Bei dem Angebot des Isaak Landauer zuckten sie auf. Das Angebot war eine Frechheit. Aber die Summe war so ungeheuerlich, soviel größer als der höchste Betrag, der jemals im Budget des Herzogtums gestanden war, daß man diesem Angebot nicht wohl mit so simplen Worten wie Unverschämtheit und Arroganz beikommen konnte. Fünfmalhunderttausend Golddukaten! Den Josef Süß loskaufen wollen war eine Frechheit und eine Dummheit. Den Josef Süß mit einer so ungeheuren Summe loskaufen wollen war ein kühnes, geniales Projekt, das in seiner naiven Großartigkeit verblüffte. Damit auch hatte Isaak Landauer gerechnet, darauf baute er seinen Plan. Er war von Anfang an überzeugt, mit Listen, mit Argumenten, mit Pochen auf Gerechtigkeit, mit Flehen um Gnade war hier nichts auszurichten. Vielleicht wirkte so plumpes, naives Geradezu. Für Geld konnte man alles in der Welt kaufen: Boden und Vieh, Berg, Fluß und Wald, Kaiser und Papst, Kabinette und Parlamente. Warum sollte man nicht können abkaufen diesen schwäbischen Gojims ihre Rachgier und ihr albernes Gerede von Justiz. Sie war, seine dumme, schiefe Gerechtigkeit, diesem Herzog teuer. Gut, so bezahlte man sie eben teuer. Fünfmalhunderttausend Golddukaten. Damit konnte man zur Not ein kleines Herzogtum kaufen: es war ein guter Preis für ein Stückchen sogenannter Justiz.
Ehe die Herren sich von ihrer Ueberraschung erholen konnten, sprach Isaak Landauer weiter. „Wir zahlen nicht in Wechseln, wir zahlen nicht in Verschreibungen. Wir zahlen Gold, blankes Gold. Golddukaten, runde, unbeschnittene.“ Er schlurfte zur Tür, er winkte seinen Leuten mit einem kopfwiegenden, überlegenen, Anstaunung einfordernden Lächeln. In stummer, gespannter Bannung schauten der Regent und seine Minister auf die eintretenden Burschen. Die trugen Säcke, kleine, sehr schwere Säcke, sie entleerten sie auf einen Wink des schmuddeligen Mannes. Heraus floß Gold, gemünztes Gold aller Währungen, rotes Gold, spanisches, afrikanisches, türkisches, aus allen Zonen. Häufte sich, türmte sich, hörte nicht auf, wuchs mannshoch, breitete sich dick wie eine ausgewachsene Eiche, ein Berg von Gold. Stumm schaute der kleine, schiefe, schäbige Herzog, der massige Bilfinger. Dom Bartelemi Pancorbo reckte den entfleischten, blauroten Kopf aus der verschollenen Krause, seine dürren Finger streckten sich, krümmten sich, konnten nicht länger widerstehen, streichelten das Gold, das liebe Gold, badeten in dem endlosen Fluß. Isaak Landauer stand daneben in seinem schmierigen Kaftan, die Schläfenlöckchen ungekämmt, in unschöner, unselbstverständlicher Haltung, lächelte fatal, hielt den einen Oberarm eng am Körper, die Handfläche hochgehoben nach außen, mit der andern Hand strähnte er den rotblonden, verfärbten Ziegenbart.
Das Angebot Isaak Landauers wurde abgelehnt. Aber die Worte der alten Männer klangen nach in dem Herzog. Er war ungerecht! Er war gezwungen, vor seinem Sterben ungerecht zu sein. Nicht nur gegen den Süß, auch gegen die anderen Juden. Besitz packte ihn nicht, Gold rührte ihn nicht an. Aber diese Leute hingen daran. Gold, Gold! war ihr Leben und ihr Sinn. Und dennoch hatten sie freiwillig so ungeheuer reich gesteuert und gezinst, sein Unrecht abzuwenden. Seine Pflicht war klar: er mußte vornächst seinen Schwaben recht, also den Juden unrecht tun. Aber dieser Berg von Gold drückte ihn, scheuerte ihn wund.
In einem dringlichen Brief bat er den Herzog Karl Friedrich von Württemberg-Oels um seinen Besuch. Er war gewillt, diesem die Vormundschaft und Regentschaft abzutreten. Er hatte sein Bestes getan, das Land aus dem ärgsten Dreck herauszuziehen, er hatte es wohl erreicht. Gerechtigkeit! hatte er gesagt, Pflicht! Autorität! Aber es war nicht möglich, in diesen Läuften das Regiment nach solchen Prinzipien zu führen. Er hatte müssen zusehen, wie man die todeswürdigen Schelmen hatte laufen lassen, jetzt mußte er zusehen, wie man den Juden, trotzdem es unrecht war, aufhenkte. Er war einundsiebzig Jahre alt und müde. Er fühlte seine Leibes- und Geisteskräfte merklich schwinden. Es sei ihm beschwerlich, schrieb er dem Kaiser, erklärte er den Geheimräten, dem völligen Detail einer so verwirrten als wichtigen Regierung nach eigenem Wunsche genugsam abzuwarten. Er sehnte sich, der schiefe, schäbige, ehrliche Soldat, nach der bäuerlichen Ruhe seines kleinen, umblühten Neuenstadt, nach einem stillen Sterben.
Nachdem Süß sich bei der Verkündung des Urteils so frech und widerspenstig erwiesen hatte, wurde er im Herrenhaus, wo er bis zur Vollstreckung des Urteils bleiben sollte, kreuzweis geschlossen und ohne Nahrung den Tag über in ein kahles, vollkommen leeres Gelaß gesperrt. Er war, nach dem Ausbruch vor den Richtern, sogleich wieder still geworden, beschaute, lächelnd, kopfwiegend, Blut und Schmutz, mit dem er überdeckt war. Hockte, in den Fesseln verkrümmt, auf dem Boden an der Wand des leeren, nicht dunklen Raumes. Haman, der Minister des Ahasver, besuchte ihn; er hatte die Hakennase des Herrn von Pflug und seine harte, hochmütige Stimme. Goliath kam, haute ihn mit der Bewegung des Herrn von Gaisberg plump, jovial und schmerzhaft kräftig auf die Schulter. Andere kamen, Freundlichere, machten halb schwäbisch, halb hebräisch Konversation. Der treue Elieser-Pfäffle war da, Abraham feilschte in Gestalt Johann Daniel Harpprechts mit dem Herrn um Gerechtigkeit. Und die Menschen kamen, die zu Naemi gekommen waren. Jesaia, der Prophet, knurrte und sänftete mit der übellaunigen Stimme des Oheims. An dem reichen Haar hing Absalom im Geäst; doch das Haar war weiß und das Gesicht darunter sein eigenes.