Aber da kläffte es hinein, schepperte, bellte. Ach, das war wieder der Stadtvikar Hoffmann, die Segnungen der Augsburgischen Konfession anpreisend. Ja, der eifrige Seelsorger war wieder zur Stelle, er glaubte, jetzt sei der Braten weich und mürb genug. Doch Süß war durchaus nicht gestimmt, heute mit ihm zu disputieren. Diese grobe Stimme verdrängte die sanfteren um ihn. Still und ohne Hohn bat er, von ihm abzustehen; er wolle gern, lasse man nur von ihm ab, der evangelischen Kirche zehntausend Taler für ihre Bemühungen testamentarisch verschreiben. Hoffnungslos zog sich der ergrimmte Geistliche zurück.
Anderer, unerwarteter Besuch kam. Ein feiner, älterer Herr, Windhundschädel, schnuppernd, ganz unauffällig und sehr vornehm gekleidet. Der Vater der Herzogin-Witwe, der alte Fürst Thurn und Taxis. Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, es hatte ihn aus den Niederlanden hergetrieben. So ging das nicht, so konnte man den Süß nicht sterben lassen. Einen Mann, den seine Tochter besucht, dem er selbst die Hand gegeben hatte. Einen Mann, von dem die katholische Kirche zwar nicht offiziell, doch so, daß alle Höfe es wußten, Dienste angenommen hatte. Nein, nein, es vertrug sich nicht mit seinen Anschauungen von Höflichkeit, er hatte eine zu gute Kinderstube, das geschehen zu lassen. Ein Mann, mit dem man soweit gegangen war, war ein Herr. Takt, Anstand, Manierlichkeit gebot, daß man ihn nicht mit dem Galgen in Berührung kommen ließ. Der alte Fürst fuhr selber nach Stuttgart, inkognito, als ein Baron Neuhoff. Er hatte den Juden nie leiden mögen, er hatte es ihm nie vergessen, daß der gelbe Salon von Monbijou seinen gelben Frack, die weinrote Livree seiner Dienerschaft seinen weinroten Rock geschlagen hatte. Es wäre geschmacklos gewesen, sich jetzt an den üblen Umständen des andern zu freuen; immerhin, er brauchte jetzt nicht Angst zu haben, daß das Milieu des Juden die eigene Repräsentation beschatte.
Er kam mit einem festen Plan. Er wird dem Süß zur Flucht helfen, wie er den Remchingen hat fliehen lassen. Es wird im Fall des Juden nicht so einfach gehen; aber er war entschlossen, Geld und Mühe nicht zu sparen. Vielleicht wird es am Ende sogar diesem unsympathischen, alten, bäurischen Regenten und Töffel angenehm sein, den Juden auf diese Art loszuwerden. Jedenfalls: es wird gehen. Nur wird er eine Bedingung stellen. So viele Efforts zu machen für einen Juden, das ging auch wieder nicht. Es durfte eben kein Jud mehr sein. Der Jud mußte, und wird da in seiner Situation wohl auch keine Historien machen, der Jud mußte selbstverständlich übertreten. Es war Gewinn und Triumph für die katholische Kirche, diesen schlauen Finanzmann und gerissenen Politiker, der übrigens viel kavaliermäßiger war als die meisten schwäbischen sogenannten Herren, in ihren Schoß aufzunehmen.
Angewidert schreckte der elegante Fürst zurück, als er lächelnd, der Surprise sich freuend, die Schwelle überschritten hatte. Was war das? Da hockte ein alter, krummer Mauscheljude. War das der Finanzdirektor? War das der große Seladon? Unbehagen kroch ihn an, als wäre er selber schmutzig. Süß sah das Gesicht seines Besuchers. „Ja,“ sagte er mit einem ganz kleinen Lächeln, „ja, Durchlaucht, ich bin es.“
Man hatte jetzt eine Pritsche, einen Stuhl und einen Tisch in das Gelaß gestellt. Der Fürst setzte sich vorsichtig, unbehaglich. Er konnte sich den Mann, der da vor ihm hockte, durchaus nicht zusammenreimen mit dem eleganten Herrn, den er im Gedächtnis hatte. Sollte der Jude die Welt wieder einmal übertölpeln wollen? Sollte das Ganze ein Trick sein? Er hatte das gleiche unangenehme Gefühl wie damals in dem gelben Salon und vor den weinroten Livreen. Sollte der Jude das Unmögliche fertiggebracht und ihn selbst unter solchen Umständen, in dieser Zelle, geschlagen haben? Aber, wenn alle darauf hereinfallen: er nicht. Er denkt nicht daran, dem Juden auf den Leim zu kriechen. Er, der welterfahrene, skeptische Herr und Fürst, er läßt sich nicht bluffen.
„Vor mir brauchen Sie nicht zu simulieren, Exzellenz,“ tastete er glatt und höflich, als säße er im Salon. „Sie können mir unmöglich zumuten, daß ich Ihnen diese Mummenschanz glaube. Es ist ein Trick. Unterm Galgen werden Sie plötzlich den widerlichen Bart abnehmen und der gescheite, mondäne, versierte Kavalier sein von früher. Es ist ein Manöver,“ sagte er sieghaft. „Natürlich ist es ein Manöver. Aber, mein gewester Herr Finanzienrat, auf ein solches Theater fallen vielleicht die Herren vom Parlament herein. Ich nicht. Mir können Sie nichts vormachen.“
Süß schwieg. „Sie haben wahrscheinlich noch Trümpfe in der Hand,“ tastete wieder der Fürst, „die Sie im letzten Augenblick ausspielen wollen. Sie wollen vermutlich jetzt den leidenden Heiligen spielen, um dann eine so glänzendere Auferstehung zu halten. Seien Sie vorsichtig! Die Stimmung ist gefährlich hier. Vielleicht wird man Sie gar nicht soweit kommen lassen. Vielleicht wird man Sie – entschuldigen Sie! – aufhängen mitsamt Ihren Trümpfen in der Hand.“
Da Süß noch immer schwieg, wurde er ungeduldig. „Exzellenz! Mann! Mensch! Begreifen Sie doch! Reden Sie doch! Ich meine es gut mit Ihnen. Es ist Ihnen schwerlich an der Wiege gesungen worden, daß ein deutscher Reichsfürst sich um Sie soviel Mühe geben wird. Hören Sie! Reden Sie!“ Er setzte ihm, enerviert durch seine Haltung, schwunglos, seinen Plan und seine Bedingung auseinander. Als er zu Ende war, machte Süß keine Bewegung, tat nicht den Mund auf. Tiefer als je fühlte der feine Fürst sich geschlagen. Da hatte er die Reise gemacht, und nun saß der Jude da, refüsierte nicht einmal pathetisch, sagte einfach nichts. Der Fürst fühlte sich plötzlich alt und matt, er ertrug das Schweigen nicht mehr, sagte mit gemachtem Spott: „Sie haben im Gefängnis Ihre guten Manieren verlernt. Wenn man sich so für Sie abplagt, könnten Sie doch wenigstens Mille merci sagen.“
„Mille merci,“ sagte Süß.
Der Fürst stand auf. Daß dieser Jude sich nicht von ihm retten, sondern sich lieber an den lichten Galgen hängen lassen wollte, empfand er als persönliche Kränkung. „Sie sind ein Narr in Folio, mein Lieber,“ sagte er und seine verbindliche Stimme wurde überraschend scharf. „Ihr Stoizismus ist durchaus veraltet. Man stirbt nicht mehr, um in den Historienbüchern der Schuljungen eine bessere Zensur zu kriegen. Besser ein lebendiger Hund als ein toter Löwe, bemerkte sehr richtig Ihr König Salomo.“ Er stäubte sich den Rock ab, schloß, schon unter der Türe: „Lassen Sie sich wenigstens den Bart balbieren und ziehen Sie sich gut an, wenn Sie“ – er rümpfte die Nase – „partout dahinauf wollen. Das kann man verlangen von jemandem, den man so freundlich in seinen Kreis aufgenommen hat. Sie haben ein zahlreiches und prominentes Publikum. Ihr ganzes Leben haben Sie gute Figur gemacht. Stellen Sie sich Ihrem Kavaliersruf nicht selber in den Schatten, wenn Sie von diesem Welttheater abtreten.“ Damit ging er.