Der Galgen, an den Süß gehenkt werden sollte, war hundertundvierzig Jahre vorher erbaut worden. Es war ein sehr kostspieliger Galgen, er hatte schon in jener frühen, wohlfeilen Zeit dreitausend oberländische Gulden gekostet, er war durchaus etwas Besonderes und sehr anders als der hölzerne Ordinari-Galgen. Er war hoch wie ein Turm, fünfunddreißig Fuß war er hoch. Er war ganz aus Eisen erbaut, aus den sechsunddreißig Zentnern und achtzehn Pfunden Eisen, die der Alchimist Georg Honauer ausgesucht hatte, um dem Herzog Friedrich Gold zu machen, wobei er den Herzog um zwei Tonnen Goldes schädigte. Diesem Georg Honauer zu Lieb und Leid war der Galgen errichtet worden, schön rot angestrichen, auch mit Gold verziert und der Honauer daran gehenkt.

Ihm waren rasch hintereinander mehrere andere Alchimisten gefolgt, von denen sich Herzog Friedrich hatte betrügen lassen. Der erste war ein Italiener, Petrus Montanus. Ein Jahr darauf Hans Heinrich Neuscheler aus Zürich, der blinde Goldmacher genannt. Wieder ein Jahr später ein anderer Hans Heinrich, genannt von Müllenfels. Sein Glück hatte länger geblüht; er hatte sich oft lustig gemacht über die drei in freier Luft schwebenden Kunstgenossen; nun schwebte er wie sie. Dann wurde der Galgen lange nicht benützt. Bis ein Schmied aus der Grafschaft Oettingen auf den Gedanken kam, ihn sukzessive abzutragen und zu stehlen. Schon hatte er drei Stangen losgemacht und über sieben Zentner Eisen nächtlicherweile entwendet, als er gepackt und mit dem Instrument seines Verbrechens justifiziert wurde.

Ueber ein Jahrhundert seither war der eiserne Galgen leergestanden. Jetzt bestimmte Herr von Pflug, der das Arrangement der Exekution übernommen hatte, dem Juden als sechstem den Tod auf diese besondere Manier. Seit Beginn des Prozesses hatte der hagere, harte Mann darauf gewartet, seinem Haß dieses Fest zu rüsten. Jetzt wollte er es so feiern, daß Europa es nicht vergessen sollte.

Mit allen Raffinements des Schimpfes bereitete er die Hinrichtung vor. Die Geilheit des Juden, seine Fleischessünden, die Schändung christlicher, deutscher Frauen durch den beschnittenen Hund hatte ja leider, sehr gegen seinen Willen, in den Urteilsgründen keine Stelle finden dürfen. Jetzt bei der Exekution hatte er freie Hand. Er wird dem Juden seine Wollust und freche Luderei anstreichen. Nicht einfach am Galgen wird er ihn hängen lassen, nein, die wüste Tätigkeit seiner liederlichen Nächte mit populärem Wortspiel verhöhnend, in einem Vogelbauer.

Das Untersuchungsgericht ließ sich die solenne Vollziehung des Urteils etwas kosten. Auf dem Richtplatz, der Tunzenhofer Steige, auch Galgensteige genannt, der Prag zu gelegen, wurden komfortable Logen gebaut für die Kavaliere und Damen. Das Militär, das den Delinquenten eskortieren und die Absperrmaßnahmen durchführen sollte, übte seine Manöver ein. Der eiserne Galgen wurde sorgsam repariert, der Schinderkarren wurde mit höheren Rädern, das Malefikantenglöcklein mit einem neuen Strick versehen, die Schinderknechte bekamen neue Uniformen.

Größtes Gewicht wurde auf die solide Ausführung der witzigen Pläne des Herrn von Pflug gelegt. Der Jud hat gespottet, höher als der Galgen ist könnte man ihn nicht hängen. Man wird ihm zeigen, was man kann. Man wird einfach den eisernen Käfig, das Vogelbauer, über den Galgen hinaufziehen.

Die Ausführung des Käfigs und des zugehörigen umständlichen Apparats wurde den Meistern Johann Christoph Faust und Veit Ludwig Rigler anvertraut. Der Käfig war in zwei Teile zerlegbar, acht Schuh hoch, vier Schuh weit, er hatte in der Rundung vierzehn Reifen und siebzehn Stangen in die Höhe. Eine sinnreiche Maschinerie ermöglichte es, ihn leicht über den Galgen hochzuziehen. Seine Herstellung war außerordentlich teuer. Zuletzt mußte das gesamte Schlosserhandwerk einen Streich an dem Käfig tun. Sechs Pferde schleppten zwei Tage vor der geplanten Exekution das monströse Ding die steile Tunzenhofer Steige hinauf. Die Schuljugend der Hauptstadt lief mit. Ganz Stuttgart zog in diesen Tagen hinauf zur Galgensteige. In rasch errichteten Buden wurde Wein und Bier verschenkt, Händler boten fliegende Blätter aus mit dem Bild des Juden und Spottversen. In der fröhlichen Kälte trieb man sich lärmend herum auf dem Richtplatz, schaute interessiert der Aufschlagung der Logen zu, bewunderte die Polierung des Galgens, den sinnreichen Käfig.

Die Wirkung dieses Vogelbauers auf das Volk übertraf noch die Erwartungen des Herrn von Pflug. Ein ungeheures Gewieher und Gegrinse ging durch die Stadt, durch das ganze Land. Zahllose Reime mit Vögeln flogen auf, wurden von den Kindern auf den Straßen gesungen. Nur wollte man nicht glauben, daß Herr von Pflug der Autor dieses guten Witzes sei; das Volk schrieb vielmehr die ingeniöse Idee mit dem Vogelbauer seinem Liebling zu, dem allgemein geschätzten Major von Röder. Im Anschluß an die Vogelverse wurde denn auch gewöhnlich das Lied gesungen mit den Reimen: Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb entweder!

In der Zelle des Süß saßen Rabbi Gabriel und Rabbi Jonathan Eybeschütz. Der große Paß der Generalstaaten hatte dem Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten das Gefängnis ohne weiteres geöffnet. Nun saßen die drei Männer und hielten Mahlzeit. Rabbi Gabriel hatte Früchte mitgebracht, Datteln, Feigen, Apfelsinen, auch Backwerk und starken, südlichen Wein. Süß trug den scharlachfarbenen Rock, ein Barett über dem weißen Haar, über der Nase zackten ihm wie den beiden Rabbinen in die Stirn die drei Furchen, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des göttlichen Namens Schaddai. Er tauchte Feigen in den Wein. Dies war seine letzte Mahlzeit. Rabbi Gabriel zerteilte mit den dicklichen Fingern eine Apfelsine. Die drei Männer saßen, verzehrten die Früchte, schweigend und in großem Ernst. Aber ihre Gedanken gingen schwer und flutend vom einen zum andern. Rabbi Gabriel und Süß waren eins und Rabbi Gabriel empfand zum erstenmal diese Bindung nicht als Zwang und böses Schicksal, sondern als Geschenk. Der dritte aber, Jonathan Eybeschütz, spürte den gleichen Strom wie sie, allein er war ausgeschlossen davon, er stand am Ufer und die Welle trug ihn nicht. Er saß mit ihnen, er trank mit ihnen, er trug das Zeichen des Schin wie sie, er war wissend und erweckt wie sie: aber die Welle trug ihn nicht. Rabbi Gabriel bestreute umständlich die Schnitten der Apfelsine mit Zucker und verteilte sie. Er schenkte von dem südlichen, schwarzfarbenen Wein. Die Zelle war voll von ungesprochenem Wort, von Gedanke, Gesicht, Gott. Doch an Rabbi Jonathan nagte es, bitter, zerrend, bösartig. Er machte sich mit zynischem Witz lustig darüber: es war leicht, Aufschwung zu haben, wenn man gehenkt wurde. Aber dieser schlimme Trost verfing nicht, er fühlte sich, der Reiche, Wissende, als kahlen Neidling und halben Verräter. Und als er den beiden anderen die Verse des Tischgebets zurückgab, prunkend in seidigem Kaftan und milchig fließendem weißem Bart, würdig, wissend, hochgeehrt, war er ein armer, trüber, vertaner Mann.

In der Eingangshalle des Rathauses, während ihm oben nochmals das Urteil verkündet und der Stab über ihn gebrochen wurde, warteten auf Süß der milde, welke Rabbiner von Frankfurt, der beleibte, sanguinische Rabbiner von Fürth und fröstelnd und erregt Isaak Landauer. Flockiger, sich lösender Schnee fiel, durch nebelige, trübe Luft brach, immer wieder verschwindend, blasse Sonne. Draußen vor dem Portal drängte sich neugierig und unabsehbar zahllos das Volk, Herr von Röder hielt auf seinem alten Fuchs vor der starken militärischen Eskorte, auf hohen Rädern ragte kahl der Schinderkarren, der Henker mit seinen Gehilfen in grellen Farben um ihn herum.