Endlich wurde Süß die Stufen heruntergeführt. Es war den Juden verstattet worden, ihn hier nochmals zu sprechen. Er beugte den Kopf nieder. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk legte ihm die welken, milden Hände aufs Haupt und sagte: „Es segne dich Jahve und behüte dich. Es lasse leuchten Jahve sein Antlitz über dich und begnade dich. Es wende Jahve sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.“ „Amen Sela,“ sagten die beiden anderen.

Umständlich wurde der Jude auf den hohen Schinderkarren gesetzt und gebunden. Trotz Frost und Nässe stand der ganze Marktplatz dick voll von Volk. Alle Fenster des Herrenhauses, des Rathauses, der Apotheke, des Sonnenwirtshauses waren weiß von Gesichtern. Auf dem Röhrbrunnen, ja selbst auf dem Schnapsgalgen und dem Hölzernen Esel hingen die Buben. Stumm glotzte das Volk. Herr von Röder gab seinen Reitern mit seiner knarrenden Stimme das Kommando. In Bewegung setzte sich die Eskorte, Stadtreiter voran, zwei Trommler, dann eine Kompagnie Grenadiers zu Fuß. Jetzt schwang sich ein Schinderknecht auf das Pferd des Karrens, schnalzte mit der Zunge, der Gaul zog an. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk, mit fahlen Lippen, wiederholte: „Und gebe dir Frieden“. Doch der zornige Rabbiner von Fürth konnte sich nicht halten, wilde Flüche gurgelte er hinter dem Karren her gegen Edom und Amalek, die Feinde und Frevler. Isaak Landauer aber brach in ein gelles, ungezähmtes, tierisches Heulen aus. Es war sonderbar, den großen Finanzmann zu sehen, wie er den Kopf gegen die Torpfosten des Rathauses schlug und ohne Hemmung heulte. Nun begann auch die Malefikantenglocke zu läuten. Dünn, scharf, scheppernd mischte sie sich in das Geheul des Juden, drang durch die schneeige, dämpfende Luft, ins Mark reißend.

Schepperte in das Zimmer Magdalen Sibyllens. Sie hatte die Geburt gut überstanden, doch mußte sie noch liegen. Sie schaute auf das Kind, ein normales Kind, nicht groß, nicht klein, nicht schön, nicht häßlich. Sie hörte das scharfe Gewimmer der Glocke, sie krümmte sich nervös, sie schaute auf ihr und Immanuel Riegers Kind und sie liebte es nicht.

Die Glocke schepperte auch ins Schloß, wo der alte Regent saß mit Bilfinger und Harpprecht. Die drei Männer schwiegen. Dann endlich sagte Harpprecht: „Das Läuten klingt mir nicht lieblich ins Ohr.“ Karl Rudolf sagte: „Ich hab es müssen tun. Ich schäm mich, ihr Herren.“

Unterdes wurde Süß durch die Stadt geführt, der Galgensteige zu. Er saß auf dem Schinderkarren, hoch wie ein Götzenbild, in seinem scharlachfarbenen Rock, der Solitär glänzte an seinem Finger, der Herzog-Administrator hatte nicht erlaubt, daß man ihn des Ringes beraube. Die Straßen waren gesäumt mit Menschen, es flockte, die Prozession schritt sonderbar lautlos, die Menge schaute sonderbar lautlos zu. Die Zehntausende zogen, war der Delinquent vorbei, zu Fuß, zu Pferd, zu Wagen, neben, hinter den eskortierenden Truppen her. In der blassen, nebligen Luft, in dem schmutzigen, sich lösenden Schneegeflocke war alles doppelt schwer und still. Man nahm nicht den nächsten Weg, man führte den Juden langsam und umständlich im Bogen. Viele Zuschauer waren von weither gekommen, das ganze Land wollte dabei sein, auch von jenseits der Grenzen waren viele gekommen, man wollte allen das Schauspiel zeigen. Süß thronte hoch auf dem Karren, gebunden, steif, Schnee fiel auf seine Kleider, auf seinen weißen Bart.

An seinem Weg stand der Lizentiat Mögling. Er war betrübt und bedrückt, daß seine Verteidigungsschrift so gar nichts genützt hatte. Er durfte sich zwar sagen, er habe alles getan, auch sprach die vox populi einheitlich und mächtig gegen den Verurteilten. Aber es war doch bitter und schnürend, daß dieser Angeklagte, der ihm anvertraut war, ohne juristisch zureichenden Grund gehenkt wurde. Er fühlte sich unbehaglich, angefrostet. Er veranlaßte einen Henkersknecht, dem Süß einen Becher Weins hinaufzureichen. Der nahm ihn zwar nicht, er dankte nicht einmal, er blieb vollkommen unbeweglich, aber der Lizentiat fühlte sich leichter und wärmer.

Am Wege des Juden stand auch die Frau des Schertlin, die Waldenserin. Sie sah den Süß gebunden, sonderbar still, reglos wie ein Heiligenbild, das in Prozession durch die Stadt gefahren wird, Schnee in seinem Bart, Schnee auf seinem Rock. Sie, als einzige vielleicht dieser Zuschauer, ahnte Zusammenhänge, ahnte die Freiwilligkeit dieser schimpflichen Schaustellung. Gierig starrte sie, in zerrissenem, hohnvollem Triumph, auf den Mann, ihre kurzen, sehr roten Lippen standen halb offen, ihre länglichen Augen brannten. Eine Frau neben ihr sagte halblaut, stark schwäbisch: „Er hat immer hoch hinauf wollen. Jetzt kommt er noch höher.“ „Sale bête!“ sagte die Waldenserin vor sich hin in den flockenden Schnee.

An einer neuen Wegbiegung stand der Publizist Johann Jaakob Moser. Er begann, als der Zug in Sicht kam, eine kurze, markige, patriotische Ansprache. Aber seine feurigen Worte zündeten nicht, der Schnee löschte sie aus, die Leute blieben stumm, er tat den Mund zu, bevor er zu Ende war. Kurz, ehe der Zug sein Ziel erreichte, stand am Wege Nicklas Pfäffle, der blasse, gleichmütige Sekretär. Wie sein Herr ein letztes Mal vorüberkam, grüßte er tief. Süß sah ihn, nickte zweimal. Nicklas Pfäffle, wie der Karren vorbei war, folgte nicht zur Richtstatt, ging abseits, schluckte.

Als der Zug vor dem Hochgericht ankam, hatte Nebel und Geflock aufgehört. Sehr klar im Frost unter dem hellen, weißlichen Himmel standen die Weinberge. Der Jude sah oben in den Rebenterrassen das kleine Wachhaus, sah unten den Wasserturm, das Andräenhaus, das Bad. Er wandte sich und sah Stuttgart. Die Stiftskirche, Sankt Leonhart, das alte Schloß und den Neuen Bau, für den er das Geld geschafft hatte. Zu seiner Linken ragte kahl der hohe Holzgalgen. Aber er schien unansehnlich vor dem abenteuerlichen, künstlichen, riesigen Eisengerüst, das für ihn bestimmt war. Eine gedoppelte Leiter mit zahllosen Sprossen, vielfach gestützt, türmte sich hinauf, Räderwerk, Ketten und Gewinde schlang sich, den Käfig hochzuziehen. Das weite Feld war besetzt mit Menschen. Das hockte gierig und gespannt auf allen Vorsprüngen, Zäunen, Bäumen. Von ganz weit her schaute es mit großen, plumpen Fernrohren. Auf dem Rock des Süß war der Schnee gefroren, in Frost und Helle schimmerten die kleinen Kristalle auf seinem Barett, in seinem weißen Bart.

Auf drei großen Tribünen, jede für sechshundert Menschen, saßen die Damen und Kavaliere, die Herren des Hofes, hohe Beamte und Militärs, die auswärtigen Gesandten, die Herren des Gerichts, des Parlaments. Der Geheimrat von Pflug vornean. Er hatte bis zuletzt gefürchtet, der Hebräer, die Bestie, werde doch noch durch irgendeinen ganz verschmitzten jüdischen Schlich entkommen. Jetzt war es an dem, jetzt war das Ziel seines Lebens erreicht. Jetzt wird, jetzt gleich, der Verhaßte hochschweben, erwürgt. Die harten Augen des Geheimrats suchten gierig unter dem Kragen des Rockes den Hals des Juden, den Platz für den Strick. Herrlich ist es, den Tod des Feindes mitanzuschauen, ein Bad für die Augen, angenehm und lieblich ist der Klang der Todestrommeln, das Scheppern des Glöckleins. Unter den Damen waren manche, die den Süß sehr genau kannten und trotzdem aus irgendwelchen Gründen der Untersuchung entgangen waren. Nun schauten sie auf den Mann, mit dem sie verstrickt waren, befremdet, angefrostet. Er hatte sich sehr jung gegeben, er hatte, weiß Gott, erwiesen, daß er die Kraft eines Jünglings besaß, er konnte auch allerhöchstens vierzig sein, und jetzt hatte er weißes Haar und sah aus wie ein alter Rabbiner. Man mußte sich eigentlich vor sich selber schämen, daß man mit ihm im Bett gelegen war. Doch merkwürdigerweise schämten sie sich nicht. Gierig und gelockt schauten sie auf den sonderbaren Mann. Jetzt wird er gleich tot sein, jetzt wird er gleich für immer stumm und alle Gefahr vorbei und ihre Verstrickung sehr gewaltsam und schauerlich gelöst sein. Sie warteten darauf, lüstern und zitternd, sehnten sich danach, fürchteten sich davor. Die meisten von ihnen hätten sich lieber für ihr ganzes ferneres Leben unter die Gefahr der Entdeckung geduckt, hätte er leben dürfen.