Auch der junge Michael Koppenhöfer war auf der Tribüne. Nun also wird der Mühlstein zermahlen, der dem Land so lang um den Hals hing, der Landverderber schimpflich justifiziert. Aber: diesen hätt die Demoiselle Elisabeth Salomea nicht verabschiedet, fahrig hin und her hastend zwischen Büchern und Stapeln von Wäsche, diesem war sie zugefallen, und er hatte sich wohl nicht einmal sonderliche Mühe zu geben brauchen. Der alte, krumme Jud, was war an ihm? Was war sein Geheimnis? Neidisch und bitter starrte er hin zu dem Mann auf dem Schinderkarren. Doch der junge Geheimrat Götz, unter den Richtern, schaute voll dummer, dumpfer Befriedigung. Jetzt wird die Schmach seiner Mutter und seiner Schwester ausgelöscht. Soll dann einer wagen, schief zu blicken. Wie wird er ihn niederblitzen! Wie wird er wissen, was er zu tun hat!
Aber fein und schwach saß auf der Tribüne der alte, verfallene Weißensee. Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie! Ach, der Jude hatte ihn wiederum besiegt. Hatte von allen Tafeln geschmaust, alle feinsten Leckerbissen dieser Welt mit Augen, Sinnen, Hirn geschmeckt, jeden Sieg und jede Niederlage ausgekostet, hatte sich angefüllt mit dem tragischen Ende des Kindes, hatte die bunte, farbige, überfeine, überwilde, höllenschweflige Rache gerüstet und vollendet, und nun starb er diesen Tod, die Augen der ganzen Welt auf sich, diesen abenteuerlichen und wahrscheinlich freiwilligen Tod, viel heroischer als etwa der Tod vor dem Feind. Umprasselt von Haß, umhegt von Liebe, zwielichtig, groß. Was blieb von ihm, von Weißensee? Ein paar jämmerliche Verse seiner armselig verbürgerten Tochter. Doch jener wird weiterleben. Immer wieder wird, was er war, lebte, sah, dachte, starb, von Späteren in die Hand genommen werden, nachdenklich beschaut, nachgelebt, nachgespürt, nachgestorben werden.
Süß war vom Schinderkarren losgebunden worden. Er stand, die Glieder steif, blinzelte. Er sah die Menschen in den Logen, die Perücken, die geschminkten Gesichter der Frauen. Er sah die Truppen, die den Platz absperrten. Ei, man hatte sich mächtig angestrengt; das waren allein um den Galgen mindestens fünf Kompagnien. Selbstverständlich hatte, sichtbarlich vornean, der Major von Röder die militärische Oberleitung. Ja, ja, es brauchte viel Strategie, ihn, den Süß, jetzt vollends aus der Welt zu schaffen. Süß sah die Zehntausende von Gesichtern, neugierige Weiber, die Münder bereit zum Keifen, Männer, bereit, befriedigt zu schmatzen und zu knurren, Kindergesichter, pausbäckig, großäugig, bestimmt, so leer und bösartig zu werden wie die Fratzen der Eltern. Er sah den Atem der Menge, weißlich dampfend, sehr leibhaft in dem hellen Frost, die gierigen Augen, die gereckten Hälse, die sich vormals so devot vor ihm gebeugt hatten. Er sah das Vogelbauer, den umständlichen, schimpflichen Apparat seiner Tötung. Und während er dies sah, drang in sein Ohr etwas Plärrendes, Kläffendes. Der Stadtvikar Hoffmann hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn unterm Galgen zu erwarten, nochmals auf ihn einzureden, von Himmel und Erde, von Verzeihung der Menschen und Gottes, von Sühnung und Glauben. Süß sah dies und hörte dies, er schaute langsam den Stadtvikar auf und ab, wandte sich weg, spie aus. Aufgerissene Augen, leises, empörtes, rasch verstummendes Schnauben der Menge.
Jetzt machten sich die Schinderknechte in ihren neuen, grellen Uniformen an ihn heran, öffneten ihm den Rock. Er spürte die rohen, ungefügen Hände, Ekel stieg hoch, er reckte sich, seine Steifheit war weg, er schlug um sich, wehrte sich verzweifelt. Alle Hälse wurden länger. Es war kurios anzusehen, wie der Mann in dem weißen Bart, in den Galakleidern, den blitzenden Edelstein an der Hand, sich mit den Knechten herumschlug, zappelte. Die Kinder lachten, jubelten, patschten in die Hände; auf den Tribünen begann eine geschminkte Frau schrill und anhaltend zu schreien, man mußte sie wegbringen. Das Barett des Juden fiel auf die nasse Erde, wurde in Kot gestampft. Die Henker packten ihn hart an, rissen ihm den Rock auf, sperrten ihn in den Käfig, legten ihm die Schlinge um den Hals.
Da stand er. Hörte leisen Wind, den Atem der Menge, die scharrenden Hufe der Pferde, das Keifen des Geistlichen. War dies das Letzte, was er auf Erden hören wird? Er dürstete nach anderem, er tat Herz und Ohr weit auf, er wollte anderes hören. Doch er hörte nur dies, dazu den eigenen Atem und das Surren des eigenen Blutes. Schon schwankte der Käfig, hob sich. Da, durch die leeren, grausamen Geräusche ein anderer Ton, gellende, gurgelnde Stimmen, schreiende: „Eins und ewig ist das Seiende, das Ueberwirkliche, der Gott Israels, Jahve, Adonai.“ Es sind die Juden, der kleine Jaakob Josua Falk, der dicke Rabbiner von Fürth, der schmierige Isaak Landauer. Sie stehen, in ihre Gebetmäntel gehüllt, sie und sieben andere, zehn, wie es Vorschrift ist, sie kümmern sich nicht um das Volk, das vom Galgen weg auf sie schaut, sie wiegen heftig die Leiber, stehen und schreien, gellen, gurgeln die Sterbegebete, über den weiten Platz hin: „Höre, Israel, eins und ewig ist Jahve Adonai.“ Weißliche Wolken in dem starken Frost ziehen die Worte von ihren Mündern, in die Ohren des Mannes im Käfig, und der Sohn des Marschalls Heydersdorff tut den Mund auf, schreit zurück: „Eins und ewig ist Jahve Adonai.“
Behend wimmeln, klettern die bunten Knechte die Leitern hinauf. Der Käfig hebt sich, die Schlinge drosselt zu. Unten flucht der Stadtvikar dem Sterbenden nach: „Fahr zur Hölle, verstockter Schelm und Jud!“ Das gelle Adonai der Juden ist in der Luft und in den Ohren aller. Aus dem Käfig tönt es zurück, bis die Schlinge den Ton erdrosselt.
Ganz vorn auf der Tribüne hat sich der Geheimrat Dom Bartelemi Pancorbo erhoben, er stützt die dürren, knochigen Hände auf die Brüstung, reckt aus der riesigen Halskrause den entfleischten, blauroten Kopf. Gierig hinter faltigen Lidern äugt er dem Käfig nach, wie er hochschwebt und in ihm der Mann in dem scharlachfarbenen Galarock und an dem Finger des Mannes der Solitär, tausendfarbig blitzend in der hellen Winterluft.
Nachdem der Kordon der Truppen aufgelöst war, beschaute sich die Menge den Galgen genau, ein paar Buben erstiegen die Leiter bis zur halben Höhe, man befühlte das Gerüst, oben auf den Stangen des Käfigs saßen in dicken Scharen schwarze Vögel.
Langsam zog die Menge in die Stadt zurück. Man hielt den Tag als Feiertag, aß gut, trank gut, soff, tanzte und raufte in den Schenken. Der junge Bürger Langefaß hatte aus dem Kot das zertretene Barett des Süß erobert, er war ein lustiger Bruder, berühmt als Witzbold; er stülpte sich das Barett auf, er stülpte es auch Mädchen und Mägden auf, die vergraust kreischten unter dem Barett des gehenkten Juden. Dennoch kam die rechte Lustigkeit nicht auf. Man wußte nicht recht wie, aber man hatte sich den Tag anders, befreiter, heiterer vorgestellt. Man sang: Der Jud muß hängen, man sang: Da sprach der Herr von Röder: Halt! oder stirb entweder! Doch das Adonai des Juden wollte nicht aus dem Ohr. Die Kinder spielten Hängen; und das Spiel ging so, daß einer oben stand und Adonai schrie und die anderen standen unten und schrien, brüllten, johlten, gellten: Adonai.
In der Nacht nach der Hinrichtung, gegen drei Uhr etwa, kam ein hagerer, großer Herr die Tunzenhofer Steige herauf zu dem eisernen Galgen. Der Weg war ein übles Gemisch von Dreck und schmelzendem Schnee, beschwerlich zu gehen. Der hagere Herr, sehr fröstelnd, hüllte sich tief in einen weiten Mantel von altmodischem, verschollenem Schnitt. Er hatte zwei Burschen mit sich, verkommene Bürgersöhne, in Stuttgart bekannt als beherzt und zu jeder Unternehmung willens, wenn sie nur Geld trug. Die beiden Burschen stiegen ungesäumt die Leiter zu dem Galgen hinauf. Sie hatten Mühe, die Sprossen waren glitschig und gefroren, sie fluchten leise vor sich hin. Um sie herum flatterten Vögel, die Tag und Nacht in dicker Menge auf dem Galgen hockten. Oben hielten sich die beiden Burschen ungebührlich lange auf. Der dürre Herr, der unten wartete, zog nervös die Schultern hoch, trat von einem Fuß auf den andern, murmelte unterdrückt und unwirsch vor sich hin. „Habt ihr ihn?“ herrschte er sie, leise, an, als sie endlich wieder unten waren. „Er ist nicht da!“ stammelten verstört die Burschen. „Ihr habt ihn gestohlen, ihr habt den Stein gestohlen!“ bellte heiser, mühsam gedämpft, der Portugiese. „Ich lasse euch den Prozeß machen, ich lasse euch rädern!“ Doch die Burschen, verängstet, versicherten: „Der ganze Jud ist nicht da. Es hängt ein anderer im Käfig. Der Teufel hat ihn geholt.“ Dom Bartelemi, lang ungläubig, ließ schließlich noch in der Nacht durch Leibhusaren, amtlich, den Käfig untersuchen. Ja, die Leiche war gestohlen, ausgetauscht.