In aller Frühe schon war der wütende, geprellte Mann beim Herzog-Administrator. Das kam von der Güte Seiner Durchlaucht. Jetzt hatten die Juden den Solitär gestohlen. Den Solitär? Karl Rudolf dachte an den Berg von Gold, glaubte es nicht. Die Leiche, ja, die konnten sie gestohlen haben. Er überlegte, hellte sich auf, schmunzelte fast. Eigentlich waren sie Teufelskerle, diese Juden. Stahlen einfach die Leiche vom lichten Galgen weg; Christen und Soldaten hätten das nicht besser machen können. Er gönnte ihnen gern den Solitär als Entgelt, ließ sie nicht verfolgen. Blaurot, dumpf wütend, mit seiner moderigen Stimme grausige Flüche vor sich hinbellend, zog der hagere Portugiese ab in seiner verschollenen Hoftracht.

Die Leiche indes, in großer Eile in Rupfen gewickelt, unter Stapeln von Waren und Kram versteckt, fuhr auf einem Karren nach Fürth. Hausierjuden geleiteten sie, wechselten ab von einem Ort zum andern. Der Solitär stak am Finger des Toten; keiner von den Geleitern fürchtete, sein Nachfolger könnte ihn stehlen.

In Fürth wurde die Leiche gewaschen, in das weiße, lange Totenleinen gehüllt, eingesargt. Zeigefinger, Mittelfinger, Goldfinger gerichtet im Zeichen des Schin, des Anfangsbuchstabens des göttlichen Namens Schaddai; ein kleines Häuflein Erde unter das Haupt, schwarze, krümelnde Erde, Zions Erde. Den Aufsichtsbehörden war gemeldet, ein nicht weiter bekannter toter Jud aus Frankfurt, gestorben auf der Landstraße, werde beerdigt. Auch den Mitgliedern der Gemeinde wurde nichts mitgeteilt. Aber es raunte von Mund zu Mund.

Da lag der Unbekannte, das schwarzblaue erwürgte Gesicht sonderbar umrahmt von dem schmutzigweißen Bart, die Augen hatten sich nicht zudrücken lassen, sie quollen trüb bräunlich heraus, doch zwischen ihnen über der Nase zackten sich tief in die Stirn die drei Furchen des Schin. Aus dem weißen, einfachen Laken leuchtete riesig und verwirrend der Solitär. Die zehn angesehensten Männer der Gemeinde saßen zwischen großen Kerzen und verhängten Fenstern und hielten Wache.

Unter sie trat ein Fremder. Dicklich, bartloses, massiges Gesicht, graue, trübe Steinaugen, altfränkische Tracht. Wasser goß er hinter sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Toten. Die Männer erkannten den Kabbalisten, flüsterten, gaben Raum.

An die Leiche trat Rabbi Gabriel, knarrte mit seiner mißtönigen Stimme den Segensspruch: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Mit den dicklichen Fingern, behutsam, rührte er die Lider des Toten, da schlossen sich die Lider. Dann setzte er sich auf den Boden, senkte zwischen die Knie den Kopf. Die zehn Männer waren bis zur Wand zurückgewichen. Sehr allein trotz ihrer Gegenwart, ein kleines, verlorenes Bündel, hockte Rabbi Gabriel bei dem Toten.

Alle Juden aus Fürth waren auf der Gräberstatt, als der Unbekannte beerdigt wurde. Sie senkten den Sarg in den Grund. Der Solitär war am Finger des Toten, unter seinem Haupt das kleine Häuflein Erde von der Erde Zions. Im Chor antworteten sie dem Vorbeter: „Eitel ist und vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Dann rissen sie Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Dann wuschen sie sich die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den Friedhof.

Werke von Lion Feuchtwanger

Im Drei Masken Verlag München:

Vasantasena
Schauspiel. Vierte Auflage