Und nun saß er also in Wildbad, mit der gewissen Aussicht auf das Geld, in heiterster Laune. Gewelltes Land, freundlich bewaldet, schaute zu den Fenstern seines Zimmers herein. Er fühlte sich durch das Bad und die Massage des lahmenden Fußes wohlig erfrischt, der Ort schien ihm nach dem Schmutz und der Schlamperei serbischer und ungarischer Dörfer doppelt artig und sauber, und er erwartete gute Zeit. Während er so behaglich zum Fenster hinausschaute und sich von Neuffer rasieren ließ, kam ein Heiduck der Prinzessin von Kurland mit einer verbindlichen Einladung zu einem Kostümfest, einer Wirtschaft, die die Prinzessin anderen Tags veranstalten wollte. Karl Alexander hatte kein Kostüm, Neuffer befragte den Wirt, der meinte, der Hof- und Kriegsfaktor Josef Süß Oppenheimer werde vielleicht aushelfen können. Oppenheimer? Gegen den Juden hatte der Prinz nichts einzuwenden, ein so scheles Gesicht der Kammerdiener zog. Aber Oppenheimer hießen die Wiener Bankiers, die ihn so schlecht behandelt hatten. Doch mittlerweile war der beflissene Wirt schon bei Süß gewesen, und jetzt brachte er ein sehr passendes ungarisches Bauernkostüm, das Neuffer mit leichter Mühe für die Statur des Prinzen zurechtschneidern konnte. Karl Alexander schickte dem Süß durch Neuffer einen Dukaten, den Süß dem Neuffer als Trinkgeld gab. Der Prinz wußte nicht, sollte er den Juden prügeln, sollte er lachen. Da er guter Laune war, entschied er sich zu lachen.
Auf dem Fest war die Neugier und die Bewunderung aller um ihn. Die Prinzessin, als ländliche Wirtin gekleidet, sah frischer und reizvoller aus, als er von der Alternden erwartet hätte, und strahlte ihm Wohlgefallen und Neigung entgegen, deutlicher, als selbst die Freiheit des Maskenfestes es erlaubte. Er hatte eine Wirtschaft noch nie gesehen – solche Mummenschanz war erst vor einem halben Jahr am Dresdener Hofe aufgekommen – die bäuerlichen Kleider, das grobianische, dörfische Wesen, das zu zeigen man sich mühte, die ganze derbe Luft dieses Abends behagte ihm. Er schwamm in der Achtung der Männer, in der koketten Anbietung der Frauen fröhlich herum. Dann trat man zu einem kleinen Zug an, paarweise, und ein Tübinger Professor und Poet im Kostüm eines Scherenschleifers begrüßte jedes Paar mit saftigen Reimen, deren lustiger Unflat mit Jubel und Gegröhl aufgenommen wurde. Selbst der hochmütige sächsische Minister bekam sauer lächelnd seine Fuhre Mist ab, nur der junge Lord Suffolk, in einem prachtvollen römischen Kostüm, wollte zufahren, doch er wurde bedeutet. Des Prinzen Dame war die Wirtin, die Kurländerin. Ihn begrüßte der Reimschmied ernsthafter und nannte ihn unter dem Jubel der Gäste den württembergischen Alexander, den schwäbischen Skanderbeg, den deutschen Achill.
Es fiel Karl Alexander auf, daß alle Gäste ihr Sprüchlein abbekamen, nur einer nicht. Es war ein jüngerer Herr, sehr gut gewachsen, er trug wie ein paar andere eine Halbmaske. Das Kostüm des Florentiner Gärtners hatte er vermutlich mit der Dame verabredet, deren riesiger, bebänderter Strohhut seiner Tracht entsprach, der Tochter des Gesandten der Generalstaaten. Er schien nicht weiter erstaunt, daß man ihn von dem Vorbeizug der Paare an dem Reimschmied ausschloß, er nahm diese offensichtliche Mißachtung in guter Haltung hin, lehnte bescheiden in einem Fenster, sah zu. Der Prinz erkundigte sich nach dem Herrn. Achselzucken: es war der Jud, der Frankfurter Faktor, Josef Süß Oppenheimer.
Ach, das war ja der, der in seinem Gasthof wohnte, der ihm das nette Kostüm geliehen hat, der mit dem Dukaten. Der Prinz hat getrunken, ist gut aufgelegt. Man könnte dem Juden eigentlich ein paar Worte sagen, er lehnt da so bescheiden und allein. Vielleicht auch wird man ihn aufziehen, seinen Spaß mit ihm haben. Der Prinz geht auf Süß zu, viele Blicke folgen ihm: „Weiß Er, Jud, daß ich Ihn fast geprügelt hätte, mit Seinem Dukaten?“ Süß nimmt sogleich die Maske ab, neigt sich, lächelt, schaut dem Prinzen von unten her mit einer gewissen schmeichlerischen Frechheit ins Gesicht: „Da wär man nicht in schlechter Kompanie. Wenn ich recht weiß, hat auch der Großwesir des Padischah von Eurer Hoheit Prügel gekriegt und der Marschall von Frankreich.“ Der Prinz lacht schallend: „Hör’ Er, Er weiß Seine Worte zu setzen, als hätt’ Er’s in Versailles gelernt.“ Die Florentinerin drängt sich herzu, eifrig: „Er war auch in Versailles, Hoheit.“ Und Süß, bescheiden prahlend: „Ja, ich kenne den Marschall, der die Prügel gekriegt hat. Er spricht mit größtem Respekt von Eurer Hoheit. Ich kenne auch Freunde Eurer Hoheit. Den erhabenen Prinzen von Savoyen.“
„Ah, Er gehört zu den Wiener Oppenheimers?“ fragte Karl Alexander interessiert. „Nur ein Vetter dritten Grades,“ erwiderte der Jude. „Aber die Wiener mag ich nicht, sie haben nicht den rechten inneren Sinn für die großen Herren. Sie denken nur an ihre Ziffern.“
„Er gefällt mir, Jud,“ und der Prinz schlug ihm die Achsel und nickte ihm zu, ehe er, einen Kopf größer als die meisten, wieder auf den Ring der Gäste zutrat, die sie umstanden.
Karl Alexander trank, tanzte, sagte den Frauen derbe Galanterien. Später saß er am Spieltisch, Gewinn und Verlust lauter kommentierend, als es Sitte war. Die Bank hielt der junge Lord Suffolk, steif, zeremoniös, schweigsam, mit sparsamen Gesten. Der Prinz gewann, ringsum verlor man. Schließlich hielt er allein dem Engländer Widerpart, heiß, mit etwas benommenem Kopf. Verlor plötzlich in wenigen Schlägen alles, was er hatte. Lachte, zu sich kommend, ein wenig unfrei. Ringsum ein Kreis gespannter Zuschauer. Man glaubte, der Engländer werde Kredit anbieten. Aber der saß, höflich, korrekt, stumm vor dem erhitzten, verlegenen Prinzen. Wartete. Plötzlich stand Süß halb hinter ihm, schmiegsam, gewandt, leise: Wenn Seine Hoheit ihm die hohe Ehre vergönnen wolle. Der Prinz nahm an, gewann.
Bevor er ging, sagte er dem Juden, er habe dem Neuffer Auftrag gegeben, ihn beim Lever vorzulassen.
Süß stand verneigt, hoch atmend, küßte die Hand des Prinzen.
Isaak Landauer arbeitete mit Süß an den Geschäften der Gräfin. Die Energie der Gräfin, ihre Zähigkeit in dem Kampf um den Herzog würdigte er mit vielen Sympathien, und er mühte sich, ihren Handel möglichst schlau und sachgerecht zu Ende zu führen. Mit einer Berechnung, die Süß staunende Hochachtung abzwang, wußte er die schärfsten Gegner der Gräfin in dieses große Anleihegeschäft hereinzuziehen, so daß gerade ihre Feinde an der Erhaltung der gräflichen Güter geldlich interessiert waren. So sehr Süß das geschäftliche Genie Landauers bewunderte, schränkte er dennoch seine Zusammenkünfte mit ihm nach Möglichkeit ein. Er fand, daß der Alte ihn vor dem Prinzen kompromittiere. Der lachte schallend über Kaftan und Löckchen, fragte gelegentlich den Süß, ob er nicht einmal seinem Freund den Neuffer schicken solle, daß er ihm die Perücke kämme. Landauer wiederum wiegte den Kopf, lächelte: „Ihr könnt doch sonst rechnen, Reb Josef Süß. Was steckt Ihr Zeit und Geld in den Schlucker, der nicht gut ist für zweitausend Taler?“