Süß wäre um eine Antwort verlegen gewesen. Gewiß, er sah in dem Prinzen das Ideal aristokratischer Haltung. Die Selbstverständlichkeit, die Sicherheit, mit der er sich gab, das Lärmende, Herrenhafte bei aller Gutmütigkeit, das fürstlich Ausfüllende bei der Dürftigkeit der Mittel imponierte ihm. Aber das war schließlich keine Erklärung. Es hatten ihm auch andere gefallen und imponiert, deshalb steckte man doch noch lange kein Geld in einen so unsicheren Kunden. Was ihn zu dem Prinzen trieb, war ein Anderes, Tieferes. Süß war gemeinhin kein Spieler. Aber er war gewiß, Glück war eine Eigenschaft. Wer jenes heimliche Wissen nicht besaß, jene Gabe, auf Augenblicke zu wissen, untrüglich, unumstößlich, dies oder jenes Unternehmen, dieser Würfel, dieser Mensch bringt Glück, der mochte von den Geschäften die Hand lassen, auf jeden Aufstieg im Leben verzichten. Und untrügliche Witterung band ihn an Karl Alexander. Der Prinz war sein Schiff. Das Schiff mochte abgetakelt aussehen jetzt, dürftig, nicht verlockend, kluge Finanzleute wie Isaak Landauer mochten die Nase rümpfen. Aber er, Süß, wußte, daß dies sein Schiff war, und er vertraute sich diesem unansehnlichen Schiff an, ohne Bedingung und mit allem, was er war und was er hatte.

Karl Alexander behandelte ihn vertraulicher als sonst große Herren, um ihn je nach Laune um so brutaler auszulachen. Keinen Morgen fehlte Süß beim Lever. Einmal, Neuffer ließ ihn ohne weiteres zu, kuschte sich erschreckt ein Mädchen unter die Decke. Der Feldmarschall, während der Braunschwarze ihn mit Kübeln Wassers übergoß, prustete lachend, sie solle sich vor dem Beschnittenen nicht genieren, und verlegen und beglückt tauchte in den Kissen die junge Aufwärterin auf, mit der auch Süß geschlafen hatte.

Süß nahm die Vertraulichkeiten des Feldmarschalls als Geschenke hin und ließ sich seine Ausbrüche nicht verdrießen. Hatte ihm der Prinz, nachdem er ihn für Mittag bestellt, durch Neuffer sagen lassen, heut stehe ihm der Humor nicht nach hebräischem Gestank, so erschien er des Abends dennoch mit der gleichen lächelnd beflissenen Dienstwilligkeit. Nie hatte ihn ein Mensch so gefesselt wie Karl Alexander, er studierte jede kleinste Geste von ihm mit stiller Aufmerksamkeit, seine Vertraulichkeiten beglückten ihn, seine Brutalitäten imponierten ihm, alles, was der Prinz tat und ließ, diente nur, den Juden fester an ihn zu binden.

Mittlerweile kam Nicklas Pfäffle zurück und meldete, Rabbi Gabriel werde kommen.

Die Gräfin war fort, für seine Geschäfte brauchte Süß den Kabbalisten nicht mehr, die Verbindung mit der Gräfin, die Beteiligung an der Aktion Isaak Landauers war hergestellt. Süß, der glückliche Mensch des Augenblicks, vergaß den Anlaß, aus dem er den Rabbi berufen, wußte nur mehr, daß er ihm keinen andern Anlaß genannt als den dringenden Wunsch, in sein Auge zu sehen, von seinen Lippen zu hören. Er kam sich edel vor und hochherzig, daß er es wagte, an das Verkapselte zu rühren, und hatte in sich jedes Erinnern weggewischt, daß er den Unheimlichen, Unbehaglichen aus sehr anderen Gründen beschickt hatte.

Aber wie Rabbi Gabriel vor ihm stand, war seine schöne, elegant federnde Sicherheit jäh und unerklärbar weg. Er dachte noch: Daß er sich immer so altmodisch trägt! Aber das dachte er eigentlich schon nur nebenher und unüberzeugt. Das scheue, dumpfe Gefühl war über ihm, das unentrinnbar wie die Luft, die man atmete, überall lag, wo Rabbi Gabriel erschien.

„Du hast mich wegen des Mädchens beschickt?“ begann die knarrige, mißlaunige Stimme. Der andere wollte erwidern, heftig, sich wehren, er hatte mehrere flinke, schöne Sätze vorbereitet, aber die endlose, hoffnungslose Traurigkeit, die von den trübgrauen Augen ausging, lähmte ihn, wand sich um ihn wie Schnüre. „Oder ist es nicht wegen des Mädchens?“ Und trotzdem die Stimme jetzt müde klang und ohne Hebung, schnitt sie wie Hohn, und Süß in seiner guten Haltung und in seinen prächtigen Kleidern schien merkwürdig klein und gedrückt vor dem dicklichen, unansehnlichen Mann, den man für einen höheren Beamten halten mochte oder für einen Bürger.

Er konnte doch sonst so sicher und überzeugend sprechen. Oh, wie behend hüpften ihm die Worte von den Lippen und sprangen an dem Partner hinauf und kletterten hoch an ihm und schmiegten sich in jede Lücke und schwache Stelle. Warum fiel seine Rede jetzt so matt und unüberzeugt, daß er halb im Satz verstummte, ehe er zu Ende war? Gewiß, gab er zu, er habe versprochen, das Kind zu sich zu nehmen. Aber es sei nicht gut, wenn er das jetzt tue. Für ihn nicht und für das Kind nicht. Er habe so tausend Geschäfte und sei so gehetzt und hin und her getrieben. Und bei Rabbi Gabriel sei Naemi doch ganz anders behütet, und wenn er, Süß, sich auch für Bildung interessiere und Geistiges, für das Mädchen komme doch das Weltmännische weniger in Frage, als eben die Dinge, die der Oheim besser verstehe als er.

Er flickte diese Argumente zusammen, hastig, fahrig und ohne Kraft. Verstummte. Sah die trübgrauen Augen vor sich, in dem massigen, blutlosen Gesicht die kleine Nase, die breit wuchtende Stirn, senkrecht über der Nase zerschnitten von drei Furchen, scharf, tief, kurz, und er sah, diese Furchen bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den Anfang des Gottesnamens, Schaddai.

Rabbi Gabriel nahm sich nicht die Mühe, auf die Einwürfe des andern zu erwidern. Er schaute ihn nur an, langsam, mit den trüben steinernen, wissenden Augen, und schwieg.